Archivierter Artikel vom 15.12.2019, 18:07 Uhr
Rheinland-Pfalz

59 regionale Winzerschaumweine gegen einen Champagner: Auf die Korken, fertig, los – Heimische Spitzensekte im Test

Schon seit Wochen flattern sie ins Haus: Werbeprospekte, die die Vorfreude aufs Fest zum Überschäumen bringen wollen. Zum Jahresende unterbietet sich der Handel traditionell mit Kampfpreisen, Sekte aller gängigen Marken sind günstig wie nie zu haben. Wer das Besondere sucht, gönnt sich vielleicht eine Flasche Champagner. Wir wollten wissen: Können es hiesige Winzersekte damit aufnehmen?

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Die Reihe der Probanden: Im Geschmackstest hat die heimische Konkurrenz den untergemogelten Champagner (2. von links) geschlagen.
Die Reihe der Probanden: Im Geschmackstest hat die heimische Konkurrenz den untergemogelten Champagner (2. von links) geschlagen.
Foto: Kathrin Hohberger

Versuchsanordnung: Wir baten Winzer aus dem Verbreitungsgebiet, uns ihren Sekt zu schicken. Der sollte nach dem traditionellen Flaschengärverfahren hergestellt sein – also in Anspruch und Qualität einem Champagner entsprechen. Für unsere Probe wurden die Flaschen anonymisiert: 59 heimische Winzersekte bekamen fortlaufende Nummern verpasst und wurden durch einen uniformen schwarzen Strumpf unkenntlich gemacht. Das Design der Flasche und der Name auf dem Etikett sollten die Tester unbeeindruckt lassen. Für einen möglichst fairen Vergleich wurden die sehr unterschiedlichen Sekte nach Rebsorte, Alter und Süßegrad sortiert und in Geschmacksgruppen probiert.

Die Jury: Weil das, was Kritikern mit geschultem Gaumen schmeckt, oft nicht dem entspricht, was Gelegenheitstrinker mögen, sollten nicht nur Weinprofis die Sekte testen. Unser Verkostungsteam: Ernst Büscher (Sprecher des Deutschen Weininstituts, der Interessenvertretung deutscher Winzer und Weinbaugenossenschaften), Kathrin Hohberger (Volontärin der Rhein-Zeitung und bekennende Genießerin), Ralf Kaiser (Tester beim Weinführer „Vinum“, er leitet auch Champagnerseminare für Einsteiger), Ansgar Schmitz (Geschäftsführer der Werbegemeinschaft Moselwein), Nicole Mieding (Chefreporterin der Rhein-Zeitung, sie widmet sich bevorzugt Genuss- und Ernährungsthemen). Die Probe fand Anfang Dezember im Gastronomischen Bildungszentrum der Industrie- und Handelskammer in Koblenz statt, wo angehende Sommeliers ihre Geschmacksknospen trainieren.

Der Geschmackstest: Den Auftakt bilden 20 Rieslingsekte, und schon hier ist das Spektrum weit: Manche duften blumig-fruchtig, schmecken leicht und frisch, andere bringen viel Volumen, Reife, ein cremiges Mundgefühl und das für Champagner typische Brioche-Aroma mit. Am besten gefallen in der Runde die, die ihre Herkunft nicht verstecken, Frucht und Säure gekonnt balancieren und den Gaumen sacht, aber spürbar mit Kohlensäure kitzeln. Äußerst komplex und vielschichtig zeigte sich die Reihe der 14 Burgundersekte. Ihren starken Charakter verdankten die einer oft ungewöhnlich langen Reifezeit in der Flasche. „Toll!“, entfuhr es hier und da den Testern. In dieser Gruppe fanden sich viele Allroundtalente, zum Solotrinken genauso geeignet wie als Essensbegleiter. Wie vielseitig Sekt sein kann, zeigte die Gruppe der weißen Cuvées: Sie bot viel Spannung, die meisten Überraschungen, aber auch Probanden, die polarisierten. Je nach geschmacklicher Vorliebe konnte man diese Vertreter lieben oder hassen. Bei den Rosésekten war die Lehre eindeutig: Alle Sekte in klaren Flaschen zeigten Einbußen beim Geschmack. Merke: Auch wenn's hübsch aussieht, besser eine getönte Flasche wählen, die ihren Inhalt nicht schädigendem UV-Licht preisgibt. Beim Aroma dominieren Beerenfrüchte, vor allem Erdbeere, das Bild in Pink.

Das Urteil: Es braucht keinen Champagner, um einen Spitzensekt im Glas zu haben, urteilten die Tester einstimmig. Der untergemogelte Originalchampagner bekam im Blindtest zwar gute Noten, ging aber nicht als Sieger aus seiner Gruppe der Burgundercuvées hervor. „Viele Winzersekte halten in der Champagnerliga problemlos mit“, bilanzierte die Jury. Die Tendenz, sich am Vorbild der Champagne zu orientieren, war bei vielen Sekten spürbar: Viele Cuvées zeigten deren charakteristisch herbe, hefige Note, die sogar bei reinsortigen Rieslingsekten auf Kosten der Frucht kopiert wird. Einige Exoten sorgten für Aufsehen. Florian Lauers Rieslingsekt aus dem Jahr 1987 etwa, „kein Sekt, den man einfach so trinkt, eher was für Freaks“, warnt Ansgar Schmitz. Rotkäppchenfans empfiehlt Büscher einen Gewürztraminer Sekt vom Nahe-Weingut Disibodenberg: „Für alle, die üppige Frucht und Blumenduft mögen. Der schmeckt traubig-saftig und macht sich gut zu Sorbets oder würzigen Thai-Gerichten.“ Fazit: Entdeckungswillige haben an Winzersekt viel Spaß. Für jeden Geschmack und jede Gelegenheit lässt sich Passendes finden – bei Preisen von sieben bis knapp 50 Euro sogar für jeden Geldbeutel.

Die Favoriten: Aufgrund verschiedener Stile und Geschmacksbilder lässt sich kein Sieger küren. In jeder Gruppe gab es mehrere Favoriten. Beim Riesling war es der Rieslingsekt Brut vom Weingut Kirsten (Mosel): „komplex und nicht zu kompliziert“ (15 Euro). Für Fortgeschrittene empfiehlt sich der 2015 Suez Vintage Brut Nature vom Pfälzer Weingut Reichsrat von Buhl, ein kargerer Typ mit viel Schmelz (29,90 Euro). Bei den Burgundersekten bestach der 2016 Blanc de Blancs Chardonnay Brut Nature vom Weingut Braunewell (Rheinhessen): „Wer Champagner sucht, liegt mit diesem breitschultrigen Menübegleiter richtig“ (17,50 Euro). Ein „weiniger Typ mit reifer Frucht“ ist der 2010 Bacharacher Spätburgundersekt Brut von Jochen Ratzenberger (18 Euro). Die klassischen Champagnerrebsorten bringt Griesel an der Hessischen Bergstraße in seiner Grand Cuvée Dosage Zero zum Glänzen, Fasslagerung besorgt den letzten Schliff (29 Euro). Als „profiliert und partygängig“ erweist sich Gröhls Nr. 40 Cuvée „Pure“ Brut Nature (Rheinhessen, 13,90 Euro). Ebenfalls Rheinhesse ist der rosa Favorit: Die 2016 Rosé Reserve Brut vom Sektgut Strauch hat Frucht, Länge, eine leicht rauchige Note und Zuspruch von Laien und Profis (18,90 Euro). nim

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