Archivierter Artikel vom 31.01.2013, 09:00 Uhr
Berlin

Sexismus-Affäre: Brüderle lässt Fragende abblitzen

Nicht selten läuft FDP-Chef Rainer Brüderle in seinem wöchentlichen Pressegespräch zu den wichtigen politischen Themen der Woche zur erzählerischen Hochform auf. Launig referiert er dann zu Geldwertstabilität und Funktionsweisen von Euro-Rettungsschirmen.

„Ich bitte, meine persönliche Entscheidung zur Kenntnis zu nehmen.“ FDP-Spitzenkandidat 
Rainer Brüderle über sein Schweigen.
„Ich bitte, meine persönliche Entscheidung zur Kenntnis zu nehmen.“ FDP-Spitzenkandidat 
Rainer Brüderle über sein Schweigen.
Foto: dpa

Auch an diesem Mittwoch spricht er ausführlich über seine Themen. Das ist seine Welt. Zu der seit einer Woche anhaltenden Sexismus-Debatte, an deren Anfang sein Name steht, äußert er sich nicht. Normalität will sich aber trotzdem nicht einstellen.

Laura Himmelreich, die 29-jährige “Stern„-Reporterin, die das Brüderle-Portrait mit der Überschrift “Der Herrenwitz„ geschrieben und damit eine deutschlandweit tobende Debatte über Sexismus im Alltag angestoßen hat, betritt gegen 10.35 Uhr den Konferenzsaal. Da gibt es schon keinen freien Platz mehr. Als Brüderles Einladung zum Pressegespräch nicht wie üblich am Dienstagnachmittag kommt, hatte in den Redaktionsstuben des Regierungsviertels niemand mehr damit gerechnet, dass es stattfinden würde. Doch am Mittwochmorgen um kurz nach sieben kommt sie doch: Brüderle lädt zum Gespräch, um 10.45 Uhr, wie immer. Wenige Stunden später sind mehr als 70 Journalisten da. Viele rechnen damit, dass Brüderle sich zur Causa Himmelreich erklärt, sich vielleicht entschuldigt.

Rasch wird klar, dass dies nicht der Plan ist. Um 10.47 Uhr schiebt er sich durch die Menge an seinen Platz, grüßt nickend in die Runde. Seine engen Mitarbeiter wirken angespannt. Laura Himmelreich, die von ihrem Redaktionsleiter begleitet wird, sitzt jetzt nur wenige Meter entfernt von Brüderle. Sie blickt ernst und kühl, spricht mit niemandem. Ab und zu tippt sie etwas in ihr Handy.

Regen prasselt auf das Glasdach hinter Brüderle. “Ich freue mich, dass Sie hier sind„, sagt er gewohnt jovial und kommt gleich zur Sache. “Ich habe mich bisher nicht dazu geäußert und werde es weiterhin nicht tun. Dafür bitte ich um Verständnis„, sagt er, bevor er anhebt zu erklären, warum die Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus an diesem Tag im Bundestag für ihn “Staatsräson„ ist. Er spricht über Reformprozesse in Ägypten, die die Bundesregierung unterstützen müsste, über ein möglicherweise bald notwendig werdendes Mandat für einen Bundeswehreinsatz in Mali, über mögliche Hilfen aus dem Euro-Stabilitätsmechanismus (ESM) für Zypern und das Thema Geldwertstabilität, “das die Menschen zunehmend bedrückt„. Seine Botschaft heißt an diesem Morgen: Es gibt wichtige Themen, um die er sich kümmern muss. Wichtigere Themen als die Wahrnehmung eines Gesprächs mit einer Journalistin vor mehr als einem Jahr an einer Hotelbar.

Ist Sexismus ein wichtiges Thema? “Die Debatte läuft und ist wohl gesamtgesellschaftlich bedeutsam„, antwortet er kurz angebunden. Dass Debatten geführt werden, sei wohl “ein natürliches Phänomen in der Demokratie„, formuliert er vage. “Wollen Sie als Gesicht der FDP im Bundestagswahlkampf für immer dazu schweigen?„, spitzt schließlich ein Journalist die im Raum stehende Frage zu. Brüderle spricht leiser als sonst, sein Gesicht aber zeigt keine Regung. “Ich werde mich dazu nicht äußern„, sagt er. Seine Sprecherin blickt zur Uhr. Nach knapp einer Dreiviertelstunde ist es geschafft.

Es wird keine Erklärungen geben. “Ich bitte, meine persönliche Entscheidung zur Kenntnis zu nehmen", sagt Brüderle. Laura Himmelreich steht langsam auf und steuert auf den Ausgang zu. Sie antwortet nicht auf Fragen, schüttelt nur mit dem Kopf, blickt wie erschrocken um sich. Sie hatte vor Erscheinen ihrer Artikels noch eine kurze Nachricht im Internet gesendet: Sie sei gespannt auf die Reaktionen auf ihren Bericht.

Brüderle wartet, bis Himmelreich den Raum verlassen hat. Dann bricht auch er auf. Zurück ins Bundestagsplenum, zurück in seine Normalität.

Von unserer Berliner Korrespondentin Rena Lehmann