Archivierter Artikel vom 13.01.2011, 17:23 Uhr
St. Goarshausen/St

„Da hat die Loreley wieder zugeschlagen“

Goar – Gebannt blicken viele Menschen an diesem Donnerstagmorgen bei St. Goar (Rhein-Hunsrück- Kreis) auf den Rhein. „Da hat die Loreley wieder zugeschlagen“, sagt einer. Aus dem Wasser ragt hier kurz hinter dem sagenumwobenen Felsen die graue Seitenwand eines riesigen Tankschiffs, das hier gekentert ist.

Schwierige Bedingungen für die Helfer: Der havarierte Tanker unterhalb des Loreleyfelsens (Blick auf die linke Rheinseite) soll mit Stahlseilen fixiert und dann ans Ufer gezogen werden.
Schwierige Bedingungen für die Helfer: Der havarierte Tanker unterhalb des Loreleyfelsens (Blick auf die linke Rheinseite) soll mit Stahlseilen fixiert und dann ans Ufer gezogen werden.

St. Goarshausen/St. Goar – Gebannt blicken viele Menschen an diesem Donnerstagmorgen bei St. Goar (Rhein-Hunsrück- Kreis) auf den Rhein. „Da hat die Loreley wieder zugeschlagen“, sagt einer.

Aus dem Wasser ragt hier kurz hinter dem sagenumwobenen Felsen die graue Seitenwand eines riesigen Tankschiffs, das hier gekentert ist. Nur zwei Besatzungsmitglieder konnten nach der Havarie des mit 2400 Tonnen Schwefelsäure beladenen Schiffes aus dem wenige Grad kalten Wasser gerettet werden. Zwei weitere werden vermisst, für sie gibt es kaum Hoffnung.

Hubschrauber kreisen in der Luft, kleine Boote fahren auf dem Wasser. Auch Taucher beteiligen sich bei starker Strömung an der fieberhaften Suche nach den Männern. Noch kilometerweit stromabwärts sind hunderte Rettungskräfte im Einsatz, um nach den beiden Vermissten Ausschau zu halten.

Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) sagt am Nachmittag am Unglücksort: „Das Risiko, dass wir sie nicht mehr lebend finden, steigt von Stunde zu Stunde.“ Bis zum Einbruch der Dunkelheit werde weiter gesucht. Mit Schleppern versucht man derweil, das havarierte deutsche Schiff „Waldhoff“ zu sichern. Zunächst war völlig unklar, wie es zu dem Unglück kam.

„Das Schiff war schlagartig vom Radar verschwunden“

„Das Schiff war schlagartig vom Radar verschwunden“, sagt der Leiter der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes in Bingen, Martin Mauermann. „Wie konnte das Schiff bloß kentern?“, fragt auch Harald Mebus, der aus einem Nachbarort an den Rhein gekommen ist. „Ein Schiff kippt ja nicht einfach um.“ Dabei ist der 110 Meter lange Frachter laut Technischer Einsatzleitung in St. Goar sogar besonders breit. „Nur deshalb guckt er noch raus“, sagt Sprecher Ronald Eppelsheim.

„Das Schiff ist auf dem modernsten Stand der Technik für Tankschiffe“, sagt Beck. Die gut ausgebildete Crew habe sich auch nach bisherigen Erkenntnissen vor dem Unfall „absolut korrekt verhalten“. Das Schiff sei nicht zu schnell unterwegs gewesen.

Die beiden geretteten Bootsmänner kamen in ein Krankenhaus. Der Fluss wurde bis auf weiteres zwischen Bingen und Bad Salzig für den Schiffsverkehr gesperrt. Von der Schwefelsäure-Ladung sei zunächst nichts ausgelaufen, hieß es bei der Einsatzleitung. Wegen des hohen Wasserstands stelle die Chemikalie für die Umwelt wohl keine besonders große Gefahr dar. Allerdings könnte es – wenn Wasser in den Tank gelangt – zu einer chemischen Reaktion noch im Schiff kommen. Dann werde die Außenhaut durchfressen und das Schiff nicht mehr zusammen halten, sagt Beck. Eine Bergung wäre dann unmöglich.

Die Einsatzleitung ist sich sicher, die Bergung könne Tage dauern, vielleicht Wochen

Auch deshalb gab es Überlegungen, Schwefelsäure abzupumpen. Der Ministerpräsident stellt jedoch fest, „das Schiff liegt in einer außerordentlich ungünstigen und schwierigen Lage“. Man könne an wichtige Ventile und Anschlüsse nicht heran kommen.

„Wenn das Hochwasser kommt, finden die das Schiff nicht mehr“

Dazu könnte auch das Hochwasser beitragen. Seit dem Höchststand vom Wochenstart ist es hier nur wenig zurückgegangen, die am Ufer gelegene Hauptstraße von St. Goar ist gerade wieder trocken. Doch für das Wochenende ist bereits die nächste Flutwelle angekündigt. „Wenn das Hochwasser kommt, finden die das Schiff nicht mehr“, weiß auch schon der kleine Leon. Wie viele andere Schaulustige und Touristen ist er mit seiner Mutter an das Ufer des Unglücksortes gekommen.

„Allein durch schnelle Fahrt und ein bisschen “Rudergeben„ kann ein Schiff schon zum Kentern kommen“

Unter ihnen auch Walter Höfling, der 50 Jahre lang Binnenschiffer war. Er zweifelt daran, dass das Tankschiff vor der Havarie den Grund berührte.

„Allein durch schnelle Fahrt und ein bisschen “Rudergeben„ kann ein Schiff schon zum Kentern kommen“, sagt er. Und hier am Loreleyfelsen seien die Strömungsverhältnisse eben auch ganz anders.

„Es ist schrecklich. Das ist eine der gefährlichsten Ecken“

„Es ist schrecklich. Das ist eine der gefährlichsten Ecken“, sagt auch Manfred Alt. Zuletzt habe es hier 2003 einen Unfall mit vielen Verletzten gegeben, erinnert er sich. Damals sei ein Passagierschiff bei Niedrigwasser auf Grund gelaufen. Der Landrat des Rhein-Lahn- Kreises, Günter Kern, meint aber: „Wir haben hier wohl eines der bedeutendsten Schiffsunglücke am Loreleyfelsen erleben müssen.“

Seit dem Mittelalter ist diese gefährliche Stelle bekannt, sie bot Stoff für viele Geschichten. Der Sage nach saß eine Nixe namens Loreley auf dem gleichnamigen Felsen und lockte mit ihrer Stimme die Rheinschiffer an, die wegen ihres Gesangs weder Strömung noch Riffe beachteten. Heinrich Heine schrieb in dem wohl bekanntesten Gedicht zum Schluss: „Ich glaube, die Wellen verschlingen am Ende Schiffer und Kahn; Und das hat mit ihrem Singen die Lore-Ley getan.“

Tobias Goerke, dpa