Archivierter Artikel vom 31.07.2012, 11:21 Uhr

Pro: Das Urheberrecht muss reformiert werden

Ja, das Urheberrecht muss reformiert werden. Eigentlich könnte der Beitrag hier schon zu Ende sein, denn alle Beteiligten, seien es Urheber, Verwerter oder Nutzer, sehen ganz klar, dass es nötig ist, das bestehende Urheberrecht an moderne Gegebenheiten anzupassen. Allerdings gehen die Vorstellungen darüber, wie denn ein modernes Urheberrecht auszusehen hat, weit auseinander.

Johannes Thon, Mitglied der Piratenpartei und Musiker.
Johannes Thon, Mitglied der Piratenpartei und Musiker.
Foto: DPA

Und ist der Ansatz am Urheberrecht überhaupt richtig, oder berührt es doch mehr die Nutzungs- und Verwertungsrechte? Hier wird in der Diskussion durch den Begriff Selbstbedienung oft „kostenlos“ suggeriert. Doch das ist schon der erste Trugschluss. Denn wenn man sich nur schon allein die iTunes-Umsätze ansieht, so wird jedem klar, dass es durchaus Geschäftsmodelle im Internet gibt, die auch einträglich sind. Dies geht allerdings nur mit sehr starken Einschränkungen hinsichtlich der Nutzung des erworbenen Titels einher.

Es kann auch nicht sein, dass für die Interessen privater Konzerne Persönlichkeitsrechte der Bürger beschnitten werden. Kultur ist für jede Gesellschaft ein wertvolles Gut, das es zu bewahren gilt, sie schafft Identifikation, Bildung und fördert soziale Kompetenzen in höchstem Maß. Kreative Impulse sind ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor in allen Arbeitsbereichen unserer modernen Welt.

Hier gilt es, eine freie Kultur zu fördern und zu unterstützen, wobei die Gesellschaft gefordert ist. Frei ist hier keinesfalls im Sinne von Freibier zu verstehen, denn das würde unsere Kultur nachhaltig entwerten und dem Schaffen aller Kreativen die Grundlage entziehen.

Ein Werk ist noch 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers geschützt. Hierin liegt schon eine gewisse Ungerechtigkeit dem Urheber gegenüber; stirbt der Urheber relativ früh, so ist die Schutzfrist naturgemäß um einiges kürzer, als wenn er lange lebt. Da der Tod ein nicht bestimmbares juristisches Moment enthält, wäre doch hier eine Schutzfrist, die mit dem Entstehen des Werkes beginnt, um einiges fairer für alle. Das Gesetz betrachtet die Urheberpersönlichkeitsrechte und die Vermögensrechte als untrennbare Einheit, sodass sie tatsächlich ein Eigentum darstellen, welches durch das Grundgesetz in besonderer Weise geschützt wird, nicht ohne den Verweis darauf, dass Eigentum auch verpflichtet. Die Diskussion über das geistige Eigentum mit einem eher philosophischen Hintergrund an dieser Stelle zu führen, wäre sinnlos, da ja nach der oben festgestellten Rechtslage auch die Verpflichtung gegenüber der Allgemeinheit wegfallen würde. Genau an diesem Punkt muss aber der Ausgleich gefunden werden zwischen den Urhebern, die ein Recht auf Vergütung ihrer Arbeit haben, und der Entwicklung der gesellschaftlichen und kulturellen Erfordernisse.

Die freie Entfaltung der Bildung, der Kultur und somit der Gesellschaft kann nicht überzogenen Vergütungsansprüchen unterworfen werden. Sharing is Caring (Teilen bedeutet Fürsorge). Das gesamte schöpferische Wirken der Menschheit baut aufeinander auf. Sir Arthur Conan Doyle zum Beispiel entwickelte seinen berühmten Meisterdetektiv Sherlock Holmes aus der Kurzgeschichte „Der entwendete Brief“ von Edgar Allan Poe. Niemand käme aber heutzutage auf die Idee, Doyle mit entsprechenden monetären Forderungen des Plagiats zu bezichtigen.

Das Urheberrecht ist immer mehr von den Verwertern bestimmt worden. Sie wussten ihre Interessen sorgsam zu wahren. Da sollte auch die Frage erlaubt sein, wieso ein Bild, das millionenfach als Poster verkauft wurde und von dem der Meister Edvard Munch selbst mehrere Kopien anfertigte, als Original 120 Millionen Dollar wert ist? Oder wurde „Der Schrei“ vielleicht gerade deshalb so wertvoll?

Immer wieder gab es bei neuen Entwicklungen die Befürchtung, die dahinter steckende Industrie wäre der Verdammnis preisgegeben: Der Tonfilm ruiniert die Musiker, und die Musikkassette gibt ihnen den Rest. Spannenderweise haben die Tonfilme des berühmten Violinisten Jascha Heifetz dazu beigetragen, dass die Menschen nur so in seine legendären Paganini-Konzerte strömten.

Ich selbst habe mich immer über die von Freunden liebevoll zusammengestellten Musikkassetten gefreut, waren diese doch oft auch originell gestaltet. Manches Mal habe ich mir die Platte oder später die CD gekauft von Songs, die mir auf den Kassetten gefallen haben. Wir reden hier ausschließlich von der nicht kommerziellen privaten Verbreitung, die es schon immer gegeben hat, die nur mithilfe der neuen digitalen Möglichkeiten ungleich einfacher geworden ist. Um den Urhebern gerecht zu werden, müssen auch das Verständnis und der Respekt vor ihren Höchstleistungen vermittelt werden. Das können nicht die flott zusammengezimmerten „Werke“ irgendwelcher selbst ernannter Superstars sein, sondern Werke von Künstlern, die sich intensiv mit dem, was sie tun, auseinandersetzen und sich auch live behaupten können.

Hier gilt es, die Erstschöpfung zu stärken. Keine Idee entsteht aus dem luftleeren Raum. Kreative sind immer auch von anderen Kreativen und deren Schaffen sowie von Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und anderem beeinflusst. Kunst und Kultur waren schon immer ein Spiegel des Zeitgeistes und erfüllen damit eine wichtige dokumentarische und gesellschaftliche Aufgabe. Es muss möglich sein, Kulturgüter generationenübergreifend zu vermitteln als ideellen Wert.

Von Johannes Thon