Archivierter Artikel vom 04.03.2016, 12:16 Uhr
Idar-Oberstein

Hospizdienst Obere Nahe: Pflegekräfte begleiten den letzten Weg

Wenn das Leben eines Menschen zu Ende geht, fängt ihre Hilfe an: Vier Palliative-Care-Fachkräfte und 32 ehrenamtliche Mitarbeiter hat der Hospizdienst Obere Nahe. Sie begleiten todkranke Patienten wie Birgit Schumann.

Die Chemotherapie hatte ihr die Haare, den Appetit und die Energie genommen, doch der Lebenswille der Idar-Obersteinerin Birgit Schumann war bis zum Schluss ungebrochen – auch dank palliativer Begleitung. Am 1. Februar kapitulierte der Körper der 44-Jährigen vor dem Krebs. Sie starb. Foto: Reiner Drumm
Die Chemotherapie hatte ihr die Haare, den Appetit und die Energie genommen, doch der Lebenswille der Idar-Obersteinerin Birgit Schumann war bis zum Schluss ungebrochen – auch dank palliativer Begleitung. Am 1. Februar kapitulierte der Körper der 44-Jährigen vor dem Krebs. Sie starb.
Foto: Reiner Drumm

Von unserer Reporterin Silke Bauer

Es ist nur ein kleines Fach. Nicht einmal groß genug, um einen Blumenstrauß darin abzulegen. Und doch passt ein ganzes Leben hinein. Als der Pastor an diesem eisigen Februarmorgen die Urne mit der Asche der Krebspatientin Birgit Schumann in die Grabstätte auf dem Idar-Obersteiner Friedhof Almerich stellt, markiert dies offiziell das Ende ihres 44-jährigen Lebens. Es bedeutet aber auch das Ende von Schmerzen, Infusionen, Medikamenten, Übelkeit und Angst.

Neun Wochen zuvor, am 10. Dezember 2015, sitzt Birgit Schumann in der kleinen Küche ihrer Mutter in Oberstein und nimmt einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Eigentlich lebt sie in ihrer eigenen Wohnung ein paar Etagen höher, doch sie ist inzwischen zu geschwächt, um die Treppenstufen hinaufzusteigen. Die zierliche Frau sieht müde und blass aus, die fedrig zarten Haare auf ihrem Kopf sind ein wenig zerzaust. Mit am Tisch sitzt die Palliativschwester Anke Schwall, die den ambulanten Hospizdienst Obere Nahe leitet. Ihr Team ist seit Kurzem regelmäßig zu Gast im Hause Schumann, denn Birgit, die gern beim Vornamen genannt werden möchte, hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. Im Endstadium. „Dies wird wahrscheinlich ihr letztes Weihnachtsfest sein“ – so lautete Schwalls traurige Prognose einige Tage vor dem Besuch.

Birgit Schumann ist damit einverstanden, dass unsere Zeitung sie auf ihrem letzten Weg begleitet. Sie möchte nicht anonym bleiben: „Es gibt keinen Grund, warum ich mich verstecken müsste“, sagt sie und streicht ihrer Hündin Queenie, die es sich neben ihr bequem gemacht hat, über den Kopf. Sie wünscht sich, dass andere Palliativpatienten in der Zeitung lesen, dass es den kostenlosen Hospizdienst gibt. Sie selbst hat erst im Krankenhaus davon erfahren. „Ich bin sehr dankbar, dass sich diese Leute um mich kümmern.“

Zu den Hospizdienstmitarbeitern gehört auch Yalda Zand. Die 46-jährige Deutsch-Perserin ist die Sterbebegleiterin von Birgit Schumann. Sie tut das alles ehrenamtlich. Zwei ihrer Freunde sind an Krebs gestorben. Um diese Schicksalsschläge zu verarbeiten – und weil sie aufgrund einer beruflichen Veränderung die Zeit dazu hat – entschied sie sich dazu, eine Ausbildung zur Hospizbegleiterin zu machen. Birgit, die ihre dritte Patientin ist, hat sie erst zweimal getroffen. In den nächsten Wochen wird sie oft an ihrer Seite sein und sie vor allem seelisch unterstützen.

Eine Woche später, am 17. Dezember, steht wieder ein Besuch bei der Patientin an. Es wird voll an Birgits Küchentisch, denn auch wir und Heike Niemeier vom Hospizdienst sind da. Der Patientin geht es heute den Umständen entsprechend gut, sie hat ihre Perücke aufgesetzt und eine Kanne Kaffee gekocht. Die Ärzte haben ihr gesagt, dass sie keinen weiteren Tumor hat. Ein Hoffnungsschimmer. Sie hat harte Monate hinter sich. Im Frühjahr wurde sie wegen ihrer Gallensteine operiert, doch die Ärzte fanden etwas weitaus Schlimmeres: einen Tumor an der Bauchspeicheldrüse. Diese Krebsart ist extrem bösartig und bleibt lange unbemerkt.

Es folgt eine strapaziöse Zeit: Birgit quält sich durch eine Chemotherapie, die ihr erst die Haare nimmt, dann den Appetit und zum Schluss die Lebensenergie. Essen ist für sie inzwischen zu einer Art Feind geworden. Nahrung bekommt sie über einen Port, der unter die Haut im Brustkorbbereich verpflanzt wurde. „Das hat sehr wehgetan“, erinnert sie sich an das Einsetzen des Venenzugangs. Die letzte Chemotherapie war am 2. Dezember, doch sie hat immer noch einen metallischen Geschmack im Mund, der ihr jede Freude am Essen vergällt. „Bevor ich krank wurde, habe ich 170 Kilo gewogen“, erzählt sie. Jetzt bringt sie nur noch 70 Kilo auf die Waage. Sie kramt ihren Personalausweis aus dem Portemonnaie. Darauf ist eine kräftige, aber glücklich wirkende junge Frau zu sehen. „Als ich vor ein paar Monaten mit meinem besten Freund nach Luxemburg wollte, sind wir an der Grenze kontrolliert worden. Die wollten mich nicht reinlassen und haben mir nicht geglaubt, dass das auf dem Foto ich bin“, erzählt sie. Palliativschwester Heike verspricht, bald mit ihr zum Fotografen zu fahren, um neue Passfotos machen zu lassen.

In den nächsten Wochen folgen viele weitere Besuche bei Birgit. Immer ist sie gastfreundlich, nie kommt ein Klagelaut über ihre Lippen. Yalda führt lange Gespräche mit ihr, bringt Birgits Lieblingsplätzchen mit, verwöhnt sie mit Klangmassagen. Der Tod ist meistens gar kein Thema zwischen den Anwesenden. „Ich gehe da nicht zum Heulen hin“, klärt Yalda den weitverbreiteten Irrglauben auf, dass in der Sterbebegleitung hauptsächlich zusammen getrauert wird. „Ich versuche einfach, durch meine Präsenz für die Leute da zu sein und eine Verbindung zu ihnen aufzubauen.“

Bei jedem Besuch wird der Küchentisch in einen Spieltisch verwandelt. Birgit und ihre Mutter sind leidenschaftliche Kartenspielerinnen und lassen keine Gelegenheit aus, Yalda und andere Besucher bei einer Partie Rommé oder Phase 10 herauszufordern. Beim Spielen entwickeln sich die Gespräche von ganz allein, Yalda und Birgit rauchen dabei meistens. Bei der Palliativbegleitung geht es nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu heben und den Kranken etwas zu verbieten oder auszureden. Dafür ist es schon zu spät, und die Patienten sollen sich wohlfühlen und noch so viel Lebensqualität wie möglich haben. Birgit erzählt, dass ihr ein Arzt sogar davon abgeraten hat, mit dem Rauchen aufzuhören, weil es ihrem geschwächten Körper nicht guttut, wenn sie ihm etwas Gewohntes entzieht. Birgit ist momentan voller Hoffnung. Sie spricht jetzt oft davon, dass sie wieder arbeiten gehen möchte, wenn sie wieder gesund ist.

Inzwischen ist es Ende Januar, und der Zustand der Patientin verschlechtert sich zusehends. Ihr Port ist entzündet und kann nicht genutzt werden. Ihre eingeschränkte Bewegungsfreiheit hat schwere Folgen: Birgit liegt wegen des Verdachts auf Thrombose im Klinikum Idar-Oberstein. Krebs bringt viele Nebenwirkungen mit sich. Birgit freut sich über jeden Besuch. Kartenspiele, Klatschmagazine und Raucherpausen sollen ihr die endlosen Krankenhaustage verkürzen. Ihre Füße stecken in speziellen Thrombosestrümpfen, und sie bekommt regelmäßig Heparin-Spritzen.

Nur auf Nachfrage räumt sie ein, dass sie unter Schmerzen leidet. „Ich möchte keinem zur Last fallen“, sagt sie. Yalda sorgt dafür, dass eine der Krankenschwestern der Patientin Morphium spritzt. Das Schmerzmittel macht Birgit müde und leicht benebelt. Sie schläft jetzt viel.

Vier Tage später, am 26. Januar, teilen die Ärzte Birgit mit, dass ihre Lunge, ihre Leber und der Kopf von Metastasen befallen sind. Es gibt keine Hoffnung mehr. Und trotzdem empfehlen sie eine weitere Chemotherapie. Dabei gibt es nichts, wovor sich die Patientin mehr fürchtet. Nach einigem Hin und Her trifft Birgit die wahrscheinlich schwerste Entscheidung ihres Lebens: Sie beschließt, ohne Chemotherapie zum Sterben ins Hospiz nach Bad Kreuznach zu gehen. Anke Schwall lässt sie auf die Warteliste setzen. Birgit landet auf dem achten Platz.

Sie kann jetzt nur noch gehen, wenn sie gestützt wird. Die Ärzte haben ihr einen Liter Wasser aus der Lunge gepumpt. Meistens fahren ihre Begleiterinnen sie mit dem Rollstuhl umher. Ihr Gesicht hat sich in den letzten Tagen verändert, sie wirkt zerbrechlich und hilflos. Ihren Körper hat der Krebs zerfallen lassen, nicht jedoch ihre Psyche. „Ich habe keine Angst“, sagt sie fast trotzig. Sie ist auch nicht wütend auf ihr Schicksal. „Niemand kann sich aussuchen, ob er Krebs bekommt.“ Doch es quält sie, dass sie ihre pflegebedürftige Mutter und ihren geliebten Hund zurücklassen muss. „Ich möchte nicht, dass jemand wegen mir traurig ist“, sagt sie immer wieder. Die Ärzte haben ihr vor ein paar Tagen erzählt, dass sie noch fünf Monate zu leben hat.

Die Mediziner irren: Drei Tage später, am 1. Februar, stirbt Birgit ohne Schmerzen im Krankenhaus. Ihre Familie und Yalda sind bis zum Schluss an ihrer Seite.

Die letzten Wochen von Birgit Schumann sind auch im Blog der Autorin nachzulesen.

Lesen Sie demnächst eine Reportage aus der Sicht eines stationären Hospizes.