Archivierter Artikel vom 12.03.2014, 15:17 Uhr

Hintergrund: Streit um Wehrpflicht für Ultraorthodoxe hat eine lange Geschichte

Tel Aviv – Israel steht vor einer entscheidenden Zerreissprobe. Das Parlament entscheidet über ein heftig umstrittenes Gesetz, das eine Wehrpflicht auch für strengreligiöse Männer festlegt. In ultraorthodoxen Kreisen wird massiv vor einem Bruch innerhalb des Volks gewarnt.

Rabbi Shimon Hurwitz in seiner Wohnung in Mea Schearim in Jerusalem.
Rabbi Shimon Hurwitz in seiner Wohnung in Mea Schearim in Jerusalem.
Foto: Sara Lemel (dpa)

Von Sara Lemel (dpa)

Der Streit um die Wehrpflicht für alle – auch tiefreligiöse Juden – ist eine der explosivsten Kontroversen der israelischen Geschichte. Die große Koalition von 2012 ist daran zerbrochen und ein neuer Gesetzesentwurf, der die Frage ein für allemal regeln soll, bringt die Ultraorthodoxen auf die Barrikaden. Gegen das neue Gesetz, über das am Mittwoch im Parlament abgestimmt werden soll, gab es heftige Proteste strengreligiöser Juden und Drohungen mit Massenauswanderung. Hunderttausende gingen in Jerusalem auf die Straße.

Eli Linker studiert an einem „Kolel“ in Jerusalem, einer Religionsschule für verheiratete Männer. Der 42-Jährige hat nicht in der Armee gedient und würde es auch nicht tun, wenn er heute 18 Jahre alt wäre. Er ist allerdings nicht grundsätzlich gegen die Armee oder einen Wehrdienst ultraorthodoxer Männer. „Aber jeder versteht, dass man mit Zwang nur einen Kulturkampf auslöst“, sagt Linker. Angesichts des neuen Gesetzes, das eine schrittweise Ausweitung des Militärdienstes für Ultraorthodoxe vorsieht, fürchtet er einen tiefen Bruch innerhalb des israelischen Volks.

Streit mit langer Geschichte

Der Streit um die allgemeine Wehrpflicht hat eine lange Geschichte. Im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948 wurde eine Ausnahmeregelung für jüdische Religionsstudenten vereinbart. Damals waren es etwa 400, die vom Militärdienst befreit wurden, heute ist ihre Zahl nach Schätzungen auf mehr als 60.000 angestiegen. Innerhalb der weltlich ausgerichteten und der nationalreligiösen Bevölkerung Israels ist die Wut auf die „Drückeberger“ groß, die von manchen sogar als „Parasiten“ beschimpft werden. Die Mitte-Rechts-Koalition von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, in der keine religiöse Partei sitzt, hat sich eine gerechtere Verteilung der Wehrpflicht auf die Fahnen geschrieben.

Mit Zuckerbrot und Peitsche

Im Bemühen um eine Aufnahme von mehr Ultraorthodoxen in die Armee geht das neue Gesetz mit Zuckerbrot und Peitsche vor. Es sieht vor, dass in einer Übergangsphase bis Juli 2017 jährlich Quoten von mehreren tausend strengreligiösen Rekruten erfüllt werden. Für sie gibt es spezielle Einheiten nur für Männer, die auf ihre besondere Lebensweise zugeschnitten sind. In diesem Jahr sollen zunächst 3800, im Jahr 2015 dann 4500 und 2016 schließlich 5200 strengreligiöse Rekruten eingezogen werden.

Erweist sich dies als erfolgreich, geht das Quotensystem weiter. Sollten sie aber nicht erfüllt werden, tritt von Juli 2017 an die Wehrpflicht für alle ultraorthoxen 18-Jährigen in Kraft. Davon ausgenommen wären weiterhin 1800 herausragende Studenten an Jeschivas – jüdischen Religionsschulen für Männer.

„Wenn die ultraorthodoxe Bevölkerung die Wehrdienst-Quoten erfüllt, dann wird es für sie keine allgemeine Wehrpflicht geben“, erklärt die Abgeordnete Ajelet Schaked, Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses, der das Gesetz ausgearbeitet hat.

„Verfolgung der jüdischen Tradition“

In ultraorthodoxen Kreisen wird jedoch weniger das Zuckerbrot und mehr die Peitsche wahrgenommen. Besonders große Empörung löste die Drohung mit Haft für Wehrverweigerer aus. Das neue Gesetz werde als “Verfolgung der jüdischen Tradition„ empfunden, erklärt Linker. “Deshalb demonstrieren wir„, sagt der Mann, der mit leiser, ruhiger Stimme spricht. “À la guerre comme à la guerre„, sagt er auf Französisch – etwa: Im Krieg sind alle Mittel heilig.

Wie Linker ist auch Rabbi Shimon Hurwitz, der im ultraorthodoxen Viertel Mea Schearim in Jerusalem lebt, nicht grundsätzlich gegen einen Wehrdienst strengreligiöser Juden. Beide meinen, dass Ultraorthodoxe, die nicht an einer Religionsschule studieren, sogar die Pflicht haben, in der Armee zu dienen. Hurwitz erklärt jedoch die Bedenken, die tiefreligiöse Juden haben, ihre Söhne in die Armee zu schicken. “Die meisten Soldaten glauben, dass es nur die starke Armee ist, die uns beschützt, und nicht Gott.„ Ein junger Mann aus der strengreligiösen Gesellschaft könnte von der betont weltlichen Atmosphäre beeinflusst werden und seinen Glauben verlieren.

Kämpfern, Helfern und Geistlichen

Hurwitz und Linker erklären, das jüdische Volk habe seit Tausenden von Jahren aus drei verschiedenen Gruppen bestanden: Kämpfern, Helfern und Geistlichen. “Jeder muss seinen Teil erfüllen – sonst verlieren wir unsere ganze Verteidigungsfähigkeit„, sagt Hurwitz.

Linker ist überzeugt, das jüdische Volk habe mehr als 2000 Jahre der Verfolgung nur mit Hilfe der Bibel- und Talmudstudien überdauert. Er glaubt, Gebete und religiöse Studien seien für den Schutz des jüdischen Volkes genauso wichtig wie die Armee und spricht von einem “Atomkraftwerk spiritueller Energie„. Ein Wehrzwang für Religionsstudenten sei daher zerstörerisch. “Es kann nicht sein, dass Tora-Studenten zu Verbrechern abgestempelt werden„, sagt Linker. “Dieses Gesetz untergräbt unsere ganze Existenz.„

Um die Wehrpflicht zu umgehen, studieren heute viele ultraorthodoxe Männer nur zum Schein an Religionsschulen. Damit sich diese jungen Männer nicht mehr in den Jeschivas verstecken müssen, sieht das neue Gesetz zunächst Massen-Befreiungen für Tausende von Studenten vor, die am Tag der Abstimmung über 18 Jahre alt sind. “Sie sollen dazu ermutigt werden, stattdessen in den Arbeitsmarkt einzusteigen„, erklärt die Abgeordnete Schaked dem Armeesender.

Auch tausende Ultraorthodoxen dienen in der Armee

David Tamari ist einer von Tausenden Ultraorthodoxen, die in der Armee gedient haben. Er arbeitet heute als Buchhalter. Tamari war 2002 gezwungen, in die Armee zu gehen, weil eine Freistellung abgelaufen war. “Ich denke nicht, dass es ein Widerspruch ist, in der Armee zu dienen und ultraorthodox zu sein„, sagte Tamari bei einer Debatte über eine Wehrpflicht für Strengreligiöse. Gerade für junge Männer, die nicht ernsthaft an einer Religionsschule studierten, sei es eine gute Lösung, meint er. “Aber die durchschnittliche strengreligiöse Familie wird dies wohl nicht unterstützen, gibt er zu. „Ich kenne mehrere Fälle, in denen die Familie ihren Sohn verstoßen hat, weil er in die Armee gegangen ist.“