Archivierter Artikel vom 29.11.2012, 16:00 Uhr

Forscherin: Digitale Medien gehören nicht in die Grundschule

Der Einsatz digitaler Medien im Unterricht ist mindestens umstritten. Befürworter gehen davon aus, dass es gut ist, wenn Kinder so früh wie möglich lernen, mit diesen Medien umzugehen, weil sie in ihrem Alltag ohnehin ständig damit in Berührung kommen. Die Medienpädagogin Paula Bleckmann vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) ist da anderer Meinung.

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Zumindest im Kindergarten- und Grundschulalter, sagt Bleckmann, sei es besser, Kinder vor Medieneinflüssen zu schützen. Das Interview:

Ganz plakativ gefragt: Machen digitale Medien unsere Kinder dümmer oder schlauer?

Nach dem Stand der Wissenschaft ist es zutreffend, dass die Nutzung von Bildschirmmedien in der Kindheit mit späteren geistigen, seelischen und körperlichen Beeinträchtigungen verbunden ist, vor allem auch mit schlechteren Schulleistungen. Trotzdem stimmt es nicht, dass Bildschirmmedien direkt dumm machen. Das passiert indirekt, indem weniger Zeit und weniger Interesse am realen Leben übrig bleibt. Die unmittelbaren Begegnungen mit anderen Menschen und mit der Welt und das Lernen mit allen Sinnen sind für die kindliche Entwicklung wichtige Voraussetzungen. Es gibt viele Einflüsse, die Kinder dumm machen können, aber Bildschirmmedien sind einer davon.

Was wären denn andere Einflüsse?

Zum Beispiel schwierige familiäre Bedingungen mit abwesenden oder gewalttätigen Eltern. Oder mit Eltern, die mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind und ein gesundes Lernumfeld für ihr Kind gar nicht bereitstellen können.

Was halten Sie vom Einsatz dieser Medien in der Schule?

Es kommt auf das Alter der Kinder an. Ich würde sagen, im Kindergarten- und Grundschulalter ist der Einsatz nicht sinnvoll. Da sollte es um die Neugier, die Gesundheit, die Lernfreude unserer Kinder gehen. Positionen, wie sie die Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages „Internet und digitale Gesellschaft“ vertritt, die fordert, jedes Kind mit einem Laptop auszustatten, setzen sich meiner Meinung nach nur deshalb durch, weil sie einer anderen Logik folgen. Da geht es um die Profite der Medienindustrie. Wenn es um das Wohl unserer Kinder ginge, dann wäre das Geld, das heute in High-Tech-Erziehung gepumpt wird, an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt: Kleinere Klassenteiler, Förderung körperlicher Bewegung, Theaterprojekte, besser ausgestattete Schulbibliotheken, Musik- und Kunstprojekte – das sind seit Jahrzehnten erprobte, wissenschaftlich nachgewiesene und reale Möglichkeiten, etwas für den Lernerfolg der Schüler zu tun. Ich meine auch, dass wir aus den Fehlern, die in den USA gemacht wurden, lernen können. Die USA waren das Pionierland der Computerisierung der Schule. Aber dort werden die teuren Laptops und Whiteboards vor allem für die jüngeren Kinder wieder aus der Schule herausgenommen. Zum einen, weil sie das Lernen eher negativ beeinflussen. Zudem anderen, weil sich gezeigt hat, dass die Geräte teuer zu warten, schwer auf dem neuesten Stand zu halten und fehleranfällig sind. Denn was mache ich mit so einem Whiteboard, wenn es defekt ist und plötzlich der ganze Unterricht ausfallen muss? Vor diesem Hintergrund bin ich der Meinung, dass wir dabei sind, hier in Deutschland einen teuren Fehler zu machen.

Es gibt aber auch die Gegenposition: Gerade weil Kinder in ihrem privaten Umfeld von digitalen Medien umgeben sind, sei es wichtig, dass sie möglichst früh lernen, richtig damit umzugehen …

Dem halte ich entgegen, dass es in der langfristigen wissenschaftlichen Begleitung zum Lernerfolg eben nicht nachgewiesen ist, dass High-Tech-Erziehung den kompetenten Umgang mit Medien unterstützt. Der Umgang mit diesen Medien kann kurzfristig zum Lernen motivieren und Spaß machen. Aber langfristig hat sich gezeigt, dass die kritisch-reflektierenden Fähigkeiten zum Umgang mit Medien zusammenhängen mit niedriger Bildschirmnutzung und allgemein hohem Bildungsniveau.

Wann ist denn dann der richtige Zeitpunkt für Kinder, den Umgang mit digitalen Medien zu lernen?

Nicht im Kindergarten oder der Grundschule. Dort sollten Kinder erst einmal die Basisfähigkeiten lernen. Zwischenmenschliche Kontakte, das Sprechen, später das Schreiben sind die Basis für den dosierten, aktiven und fähigen Umgang mit Medien. Diese notwendige Basis wird nach neuesten Erkenntnissen der Forschung durch eine zu frühe Mediennutzung gefährdet. Für ältere Kinder und erst recht ab der Oberstufe und in der Erwachsenenbildung gibt es gute Konzepte für den Einsatz digitaler Medien. Der Nutzen ist auch wissenschaftlich nachgewiesen: Film- und Theaterprojekte für Jugendliche sind gut. Die Anregung zur kritischen Auseinandersetzung über Problembereiche der Mediennutzung ist gut – also das Lernen über Medien, nicht nur das Lernen mit Medien. Ich halte auch Feinmotoriktraining für Chirurgen bei computersimulierten Operationen für sinnvoll. Aber eben nicht Feinmotoriktraining für Kinder. Dafür ist nach wie vor ein Puzzle oder eine Blockflöte besser geeignet.

Das ist auch im Hinblick auf die immer wieder beklagte Bildungsschere, den Digital Divide von großer Bedeutung. Gerade bei Kindern, die aus sogenannten benachteiligten Schichten stammen, sind im Elternhaus die Ausstattung mit Bildschirmmedien, die Nutzung dieser Medien und der Anteil an problematischen Inhalten bedeutend höher. Erzieherinnen sagen, dass es gerade für diese Kinder wichtig ist, dass ihnen im Kindergarten vorgelesen wird, dass sie Theaterprojekte mitmachen können, dass sie sich draußen bewegen. Diese Erzieherinnen sind unglücklich darüber, wenn ihnen das, was vorher Medienzeit war und zum Vorlesen diente, für Internetprojekte mit den Kindern weggenommen wird. Auch aus meiner Sicht ist das ein Weg, der die Bildungsschere noch weiter auseinander treibt, statt sie zu schließen.

Wen muss man denn zu mehr Medienkompetenz erziehen? Die Kinder oder die Erwachsenen?

Ich habe große Schwierigkeiten mit dem Begriff Medienkompetenz, weil er in der öffentlichen Debatte oft stark verengt wird auf die technischen Fähigkeiten für den Umgang mit Medien. Diese technischen Fähigkeiten schützen nicht vor Sucht. Das stelle ich immer wieder bei Interviews mit ehemaligen Computerspielabhängigen fest. Das sind technisch hochversierte und kompetente Menschen, aber von der Persönlichkeit her sind sie hochsensibel und hilfsbedürftig. Ich schlage deswegen einen neuen Leitbegriff vor, den der Medienmündigkeit. Wer selbstbestimmt darüber entscheidet, welchen Anteil seiner Lebenszeit er mit Medien verbringt, wer Manipulation durch Medien durchschauen kann, wer Medien produktiv und konstruktiv seinen langfristigen Zielen entsprechend einsetzen kann, der ist medienmündig. Auf dem Weg zur Medienmündigkeit gilt nicht etwa, früh übt sich, wer ein Medienmeister werden will. Wer wirklich ein Meister werden will, der wird als kleines Kind vor negativen Medieneinflüssen geschützt. Und als größeres Kind wird er liebevoll begleitet auf dem Weg zur kritisch reflektierten Nutzung digitaler Medien. Das ist aber etwas, was viele Eltern heute nicht leisten können. Statt mehr Computern in den Klassenzimmern wären deshalb Programme angezeigt, die Eltern in ihren medienerzieherischen Fähigkeiten stärken.

Die Fragen stellte Angela Kauer