Archivierter Artikel vom 30.11.2012, 06:00 Uhr
Nastätten

Zu Gast im Klassenraum der Zukunft

Wie viel Computer ist gut für mein Kind? Viele Eltern fragen sich das. Sollen Kinder so früh wie möglich den Umgang mit Internet und Software lernen? In Nastätten hat eine Grundschule Tablet-Computer ausprobiert. Wir waren im Unterricht dabei.

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Nastätten – Wie viel Computer ist gut für mein Kind? Viele Eltern fragen sich das. Sollen Kinder so früh wie möglich den Umgang mit Internet und Software lernen? In Nastätten hat eine Grundschule Tablet-Computer ausprobiert. Wir waren im Unterricht dabei.

Machen digitale Medien Kinder krank? Ja, behauptet jedenfalls der Hirnforscher Manfred Spitzer von der Uni-Klinik Ulm. In seinem Buch „Digitale Demenz“ warnt er Eltern: Ein früher Umgang mit digitalen Medien macht Kinder dick, aggressiv – und dumm.

Ein Großteil der rheinland-pfälzischen Schulen ist jedoch davon überzeugt, dass Medienkompetenz eine wichtige Voraussetzung für die berufliche Zukunft der Schüler ist und versucht deshalb, Kinder so früh wie möglich an den Computer heranzuführen. Einige Schulen experimentieren sogar mit Tablet-Computern als mobilen Endgeräten – die Grundschule Blaues Ländchen in Nastätten zum Beispiel.

Die Wände in der Klasse 4c dort sind bunt bemalt. Es gibt eine Bücherecke. Und da ist eine klassische grüne Tafel. So sieht er also aus, der Klassenraum der Zukunft. Alles ganz normal – und irgendwie doch nicht. Denn die Tafel ist viel kleiner, als man das vielleicht gewohnt ist. Direkt daneben hängt eine digitale Tafel – ein sogenanntes Whiteboard. Tische und Stühle stehen nicht in Reihen oder Gruppen, sondern entlang der Wände. Nur eine Tischreihe teilt den Raum, vier Laptops stehen darauf. Und wo sind jetzt die Tablets?

Klassenlehrer Julian Färber lächelt und erklärt: „Die sind nicht mehr da.“ Fast neun Monate haben seine Schüler mit den Geräten gearbeitet, zum Ende des vergangenen Schuljahres mussten sie sie wieder abgeben. „Das Ganze war von Anfang an als Test angelegt“, sagt Färber. Das Pädagogische Landesinstitut hat das Projekt begleitet. Die Frage, die beantwortet werden sollte: Sind Tablets für den Einsatz im Unterricht geeignet?

27 „Terrapads“ – so nennt die Firma, die die Geräte kostenlos zur Verfügung stellte, ihre flachen Computer, die direkt über den berührungsempfindlichen Bildschirm bedient werden – bekam die Grundschule. Zehn davon landeten in Färbers Klasse. Bis er sie tatsächlich einsetzen konnte, war jedoch eine Menge Vorarbeit nötig. Die Schule hat ein eigenes Netzwerk, in das die Geräte integriert werden mussten. Sie arbeitet fächerübergreifend mit der Software „Lernwerkstatt“ (siehe Text „So wurden die Tablets eingesetzt“), die auf die Tablets aufgespielt wurde. Ein Mitarbeiter des Landesinstituts schulte dann die Kinder und das Kollegium – das wiederum bei den Eltern Überzeugungsarbeit leisten musste.

„Die Skepsis war am Anfang schon groß“, sagt Färber. Ein Teil der Eltern hatte Angst, dass die Kinder mit den Geräten eben nicht lernen, sondern nur spielen. Andere fragten sich, ob Kinder im Grundschulalter nicht zu jung für Computer und erst recht für Tablets sind. Eine Diskussion, die der Medienpädagoge Prof. Stefan Aufenanger von der Uni Mainz gut kennt und als „typisch deutsch“ bezeichnet. „Wir sehen immer zuerst die Probleme, vor allem, wenn es um die Erziehung unserer Kinder geht“, sagt er. Der Umgang in anderen Ländern mit neuen Unterrichtsmethoden und -mitteln sei bedeutend gelassener. Er habe kein Problem damit, wenn sogar schon kleine Kinder Tablets oder andere digitale Medien nutzen, solange kein Zwang besteht, die Nutzung zeitlich begrenzt ist und die Kinder die Möglichkeit haben, auch auf andere Mittel zuzugreifen. „Es kommt auf das Angebot an, das man den Kindern über die digitalen Medien hinaus macht“, sagt der Bildungsexperte.

Für den Unterricht hieße das: Das klassische Schulbuch, Papier und Stift sollen gar nicht verdrängt werden. Vielmehr sollen digitale und analoge Medien ineinandergreifen. Ganz ähnlich sieht es der Grundschullehrer Färber. „Ich wollte, dass die Kinder das Tablet als ganz normales Arbeitsgerät begreifen.“ Die flachen Computer waren in seinem Unterricht nur ein Arbeitsmittel von vielen. „Wer wollte, konnte die Rechen- oder Deutschaufgaben eben auf dem Tablet lösen – oder auf einem Arbeitsblatt oder mithilfe von Büchern und Holzbausteinen“, sagt Färber.

Die Nutzung der Tablets schränkte er auf maximal 20 Minuten pro Kind und Schultag ein. Auch bei den Kollegen hatten die Geräte eine hohe Akzeptanz und kamen in verschiedenen Klassen zum Einsatz. Zudem, so die Beobachtung des Pädagogen, kommen die Tablets einer offenen Gestaltung des Unterrichts entgegen: Wo die Kinder die handlichen Computer nutzten – ob an ihrem Arbeitsplatz, auf dem mit Teppich ausgelegten Boden oder in der Leseecke –, war im Grunde egal.

Und auch ein weiterer Aspekt ist Färber wichtig: „In meiner Klasse gibt es einige Kinder mit Lernschwierigkeiten, andere lernen sehr schnell. Dieser Vielfalt muss man mit Vielfalt begegnen.“ Dazu gehören für den Grundschullehrer auch digitale Medien. Er habe die Erfahrung gemacht, dass die Tablets schwächeren Kindern helfen, Schreibhürden zu überwinden. Deswegen hätte er sie auch gern über die Projektphase hinaus weiter eingesetzt. Letztlich gescheitert ist das am Geld. Die Firma, die die Geräte zur Verfügung gestellt hatte, machte der Grundschule zwar ein Angebot. „Wir haben uns dagegen entschieden“, sagt Färber. Die Geräte waren zu teuer – und technisch dann doch noch nicht zu 100 Prozent auf den Unterricht ausgelegt: Die Bildschirme streikten gelegentlich, das Lernprogramm zu aktualisieren, war zu aufwendig.

Die Pads sind also wieder aus der Grundschule Blaues Ländchen verschwunden. Den Effekt, den sie auf seinen Unterricht hatten, versucht Färber nun, mithilfe der vier Laptops aufrechtzuerhalten. Ganz das Gleiche ist das nicht, sagt er: „Die Tablets waren einfach platzsparender und mobil.“ Die Laptops sind an Arbeitsplätze gebunden. Wenn Färbers Schüler jetzt auf dem Boden oder in der Leseecke arbeiten, dann wieder mit Büchern, Papier, Stiften oder Holzbausteinen – ganz analog.

Von unserer Redakteurin Angela Kauer

Am Samstag im Journal: In der Berufsbildende n Schule in Prüm gehören Tablets seit fast drei Jahren zum Unterrichtsalltag.