Archivierter Artikel vom 15.05.2012, 20:23 Uhr

Drogenhilfe bald wieder in der Balance?

Mainz – Das Leben bei der Mainzer Drogenhilfe ist im wahrsten Sinne aus der Balance geraten. Die Arbeit ist stark beeinträchtigt, zeigt ein Besuch vor Ort.

Mainz – Seit der Polizeirazzia am vergangenen Dienstag im Café Balance (wir berichteten) ist die Arbeit der Drogenhilfe mit schwer kranken heroinabhängigen Menschen stark beeinträchtigt. Die städtischen Mitarbeiter zogen gestern Abend bei einem Besuch der SPD-Stadträte Kai Hofmann und Klaus Trautmann mit Werner Acker (Amtsleiter Jugend und Familie) eine ernüchternde Bilanz des aus ihrer Sicht überzogenen und brachialen Einsatzes von 109 Polizisten.

Hofmann betonte die Wertschätzung für das im Café praktizierte Arbeitskonzept: „Wenn Sie hier Ihre Arbeit nicht machen können, dann haben wir eine offene Drogenszene im Volkspark oder auf der Straße. Und das wollen wir alle nicht.“ Acker weiß: „Wir spüren eine starke Verunsicherung aller Mitarbeiter, die in Grenzbereichen arbeiten.“

Es sei wichtig, wieder Vertrauen zu finden und auch die schwer Drogenabhängigen wieder ins Café zu holen. Dort herrscht aber Unsicherheit, wie die Arbeit geschafft werden soll. Der Personalstamm von drei Vollzeit- und zwei Halbtagskräften ist stark reduziert. Zwei Vollzeitmitarbeiter sind (wie berichtet) von der Staatsanwaltschaft verdächtigt, Drogengeschäfte geduldet zu haben. Sie sind derzeit im Innendienst eingesetzt, sagt Acker.

Folge: Trotz eingeschränktem Angebot laufen Überstunden auf. „Mit Beginn der Urlaubszeit bricht das wohl zusammen“, sagt die Leiterin der Einrichtung, Annette Baum. Sie war übrigens nicht von der Staatsanwaltschaft verdächtigt und auch nicht im Thekendienst im Café eingesetzt.

Wie geht es weiter? Die Mitarbeiter wünschen sich eine schnelle gerichtliche Klärung der Vorwürfe. Der Tatbestand der „Gewährung einer Gelegenheit“ müsse für Mitarbeiter gesetzlich neu geregelt werden. Sozialarbeiter Klaus Bärmann: „Derzeit steht man doch mit einem Bein unter Verdacht. Seit Dienstag hat sich unsere Arbeit komplett verändert.“

Sein Kollege Matthias Koll sagt: „Der Verdacht hätte jeden von uns treffen können.“ Das Problem: Die Anklagebehörde vernimmt Zeugen aus dem Milieu. Bärmann: „Erst mal gab es viel Solidarität. Inzwischen beschuldigt aber jeder jeden.“ Schon früher habe es doch täglich Spannungen und Reibereien im Café gegeben. Sozialarbeiterin Christian Hofmann: „Da gibt es Ärger über banale Dinge wie die Hausregel, dass man für Essen nur fünf Euro anschreiben darf.“ Das hätten aber vor der Razzia im Verhältnis zwischen Drogenhelfern und Abhängigen keine Rolle gespielt. Jetzt empfinde man sie als Druckmittel, rechne damit, dass Zeugen aus der Szene versuchen, Stadtmitarbeiter anzuschwärzen, die in der Vergangenheit als zu streng galten. Bärmann: „Wir sind alle tief verunsichert und übervorsichtig.“ Annette Baum: „Bislang waren wir akzeptiert und bei Verdächtigungen außen vor. Jetzt sind wir plötzlich im Fadenkreuz.“

Den Polizeieinsatz erlebten die Sozialarbeiter „wie im Film. Mit Schreierei, Brecheisen, Stahlhelmen, Hunden. Nicht mal Praktikanten durften aufs Klo. Eine Stunde ging gar nichts. Schwerkranke wurden an den Haaren gezogen.“

Die Mitarbeiter wünschen, dass das Café wieder ein geschützter Raum wird. Und dass Razzien unterbleiben. Denn so würde den Menschen nicht geholfen. Werner Acker schlägt vor, die professionell in der Drogenhilfe arbeitenden Institutionen schnell an einen Tisch zu holen. Man müsse über alle Probleme reden, damit ruhige Arbeit möglich wird. Er hofft, dass die beschuldigen Mitarbeiter wieder eingesetzt werden können. Denn hier seien Profis mit Spezialwissen und Kenntnissen gefragt: „Da kann man nicht jeden einsetzen!“