Archivierter Artikel vom 28.01.2013, 06:00 Uhr
Düsseldorf

Brüderle klappt das Visier herunter: FDP-Mann äußert sich nicht zu den Vorwürfen

„Die FDP darf nicht verlernen, sich freuen zu können!“ Wer am Sonntag glaubte, dieser Einleitungssatz von Rainer Brüderle sei der Auftakt zu seiner Auseinandersetzung mit unangenehmen Sexismus-Schlagzeilen, irrte.

Zwar präsentierte sich der designierte FDP-Frontmann für die Bundestagswahl beim Neujahrsempfang der FDP in Nordrhein Westfalen (NRW) wortgewaltig und lautstark wie immer – allerdings nicht zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. Die von 90 Prozent der Deutschen in einer repräsentativen Umfrage geforderte Entschuldigung bei der Journalistin, die sich von Brüderle angemacht fühlte, blieb aus.

Die Rolle des Verteidigers übernahm in Düsseldorf der geübteste FDP-Politiker in Sachen Krisenmanagement, der langjährige Ex- Parteichef Guido Westerwelle. „Ich weiß, was das heißt, allen Attacken ausgesetzt zu sein“, kam der Außenminister gleich auf den Punkt. Ohne Brüderle und die Sexismus- Affäre zu erwähnen, forderte er die Parteifreunde auf, jetzt die Reihen zu schließen. Von den mehr als 1400 Gästen des Neujahrsempfangs des FDP-Hoffnungsträgers Christian Lindner erntet der Außenminister dankbaren Applaus. Auch Brüderle wird umjubelt, kritische Stimmen sucht man im Saal vergebens. „Übertrieben“ finden Parteifreunde die Sexismus-Debatte; andere wollen sich „jetzt noch kein Urteil bilden“. Doch der, der wissen muss, was er vor einem Jahr genau zu einer Journalistin an einer Bar gesagt hat, schweigt eisern dazu. Pikant, dass er sich in seiner kraftvoll vorgetragenen Rede ausgerechnet mit grünen „Tugendwächtern“ auseinandersetzt. „Was mir ganz besonders zunehmend auf den Keks geht, sind diese selbst ernannten Tugend-Jakobiner“, schimpft Bürderle, feixt über politisch korrekte Ernährung und erntet, wie beabsichtigt, viele Lacher. Klar ist aber auch: Solange er zu den Vorwürfen schweigt, werden die Medien ihm auf den Fersen folgen, und andere Themen werden überlagert. Eine Erfahrung, die unter anderem Peer Steinbrück (SPD) mit der Diskussion über seine Honorare gemacht hat.

Lindner hält sich ebenfalls bedeckt. Beim Empfang begrüßt er Brüderle als „Freund, zu dem wir stehen“. Auch er setzt auf das Prinzip „Angriff ist die beste Verteidigung“ und geht in seiner launigen Rede lieber mit den Fettnäpfen des SPD-Spitzenkandidaten ins Gericht, statt auf Fehler des eigenen Frontmanns einzugehen. Über seine eigene politische Zukunft sagt der vorsichtige Stratege vor den Parteifreunden ebenfalls nichts. Lindner wird für den vorgezogenen Bundesparteitag im März als Vizeparteichef gehandelt. Sollte Brüderle die Sexismus-Affäre als Spitzenkandidat nicht überstehen, würde der Ruf nach Lindner wieder lauter, heißt es aus seinem Umfeld. Doch der 34-Jährige will noch nicht an die Spitze und unterstützt – wohl auch deshalb – den Altgedienten.