Archivierter Artikel vom 29.03.2012, 09:41 Uhr

AOK-Chef Walter Bockemühl zumThema: Haben private Krankenversicherer eine Zukunft?

Das Geschäftsmodell der privaten Krankenversicherung (PKV) im Bereich der Krankenvollversicherung ist aufgrund der stetig steigenden Beiträge und Leistungsausgaben langfristig nicht mehr tragbar.

„Ein Wechsel in die PKV kann aufgrund des finanziellen Risikos  niemandem mehr zugemutet werden. Wer eine Familie gründet, ist bei der  PKV ohnehin schlecht aufgehoben.“
„Ein Wechsel in die PKV kann aufgrund des finanziellen Risikos niemandem mehr zugemutet werden. Wer eine Familie gründet, ist bei der PKV ohnehin schlecht aufgehoben.“

Das Geschäftsmodell der privaten Krankenversicherung (PKV) im Bereich der Krankenvollversicherung ist aufgrund der stetig steigenden Beiträge und Leistungsausgaben langfristig nicht mehr tragbar.

Es ist zu erwarten, dass das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung (GKV), das es nur noch in Chile gibt, in nächster Zeit auf dem Prüfstand stehen wird. Denn SPD und Bündnis 90/Die Grünen haben bereits deutlich die Abschaffung eines geteilten GKV- und PKV-Systems gefordert. Mittlerweile gibt es auch Stimmen aus der CDU, wie die des Gesundheitsexperten Jens Spahn, die die Zweiteilung für nicht mehr zeitgemäß halten. Ich teile deren Kritik, dass ein System, zu dem nur bestimmte Personengruppen Zugang haben, überholt ist.

Ein Wechsel in die PKV kann aufgrund des finanziellen Risikos niemandem mehr zugemutet werden. Wer eine Familie gründet, ist bei der PKV ohnehin schlecht aufgehoben. Denn anders als in der GKV muss er für jedes Familienmitglied eine eigene Police mit zusätzlicher Beitragszahlung abschließen. Die kostenfreie Familienversicherung der GKV hingegen wird solidarisch finanziert und ist ein wesentlicher Beitrag zu einer zukunftsorientierten Familienpolitik.

Als junge Versicherte werden die PKV-Kunden mit günstigen Einstiegstarifen geködert, die schon innerhalb kürzester Zeit ansteigen können. Durch die demografische Entwicklung ist die Gemeinschaft der Privatversicherten langfristig nicht mehr in der Lage, die Ausgaben insbesondere für die älteren Versicherten zu akzeptablen Beiträgen zu finanzieren. Die Menschen werden immer älter, die medizinische Versorgung wird immer aufwendiger und teurer. Daher haben nur Konzepte eine Zukunft, die auf einer breiten, solidarisch finanzierten Basis beruhen.

Nicht von ungefähr beklagen ältere PKV-Versicherte steigende Beiträge, die sie kaum noch bezahlen können. Denn der Zuschuss der gesetzlichen Rentenversicherung zum Krankenversicherungsbeitrag ist auf den Betrag begrenzt, den ein gesetzlich krankenversicherter Rentner erhält. Damit geht der Zuschuss für PKV-Mitglieder deutlich zurück, der von ihnen zu zahlende Beitragsanteil steigt erheblich. Bei der GKV orientiert sich der zu zahlende Beitrag dagegen an der aktuellen Einkommenssituation und ist damit solide kalkulierbar.

Private Krankenversicherungen leiden zudem darunter, dass sie keine Steuerungsmöglichkeiten am Markt haben. Sie können keine sinnvollen Selektivverträge oder Rabattverträge mit Leistungserbringern schließen, weil sie bezogen auf die Fläche nicht über genügend Mitglieder und Marktanteile verfügen. An dieser Stelle muss deutlich die Wirtschaftlichkeit der privaten Krankenversicherung infrage gestellt werden.

Die privaten Versicherungsunternehmen argumentieren, dass ein funktionierendes System zerredet wird. Wie erklären sich aber die steigenden Beiträge, die hohen Provisionen für Versicherungsvertreter und die explodierenden Kosten für Leistungsausgaben? Allein für den Vertrieb und die Verwaltung haben die privaten Versicherer 2010 über 10 Prozent der Beitragseinnahmen ausgegeben. Das waren je PKV-Versicherten 391,20 Euro. Die gesetzlichen Krankenkassen geben hingegen 136,24 Euro an Verwaltungskosten je Versicherten aus, also nur ein Drittel.

Nachdem zum Jahreswechsel bei PKV-Kunden die Beiträge zum Teil bis zu 40 Prozent gestiegen sind, häufen sich die Anfragen von Privatversicherten, die zur GKV kommen wollen. Wir müssen diese aber fast immer enttäuschen, weil sie von Gesetzes wegen nicht zur gesetzlichen Krankenversicherung zurückkehren dürfen. Dies ist auch richtig, weil die GKV-Mitglieder nicht für die hohen Kosten von PKV-Mitgliedern im Alter in Anspruch genommen werden sollen.

Deshalb raten wir, sich einen Wechsel in die PKV sehr gut zu überlegen. Denn das ist meistens eine Entscheidung fürs Leben, die sehr teuer werden kann. So zum Beispiel bei sogenannten Vorerkrankungen, die von der PKV mit einem Risikozuschlag belegt werden oder mit einem Zusatztarif für Krankengeld, das bei gesetzlich versicherten Arbeitnehmern im Beitrag enthalten ist. Für viele Haushalte bedeutet es in zunehmendem Maße eine enorme finanzielle Belastung, wenn sie als PKV-Kunden die Arzt- und Arzneimittelkosten vorstrecken müssen. Beim Sachleistungsprinzip der GKV entfällt diese Sorge.

Ein wichtiger Bereich für die Gesundheit unserer Bevölkerung findet in der PKV so gut wie nicht statt: Prävention. Hier bietet die gesetzliche Krankenversicherung zum Beispiel in Schulen, in Betrieben und für einzelne Versicherte gezielte, kostenfreie Maßnahmen zur Gesundheitsförderung an. Die GKV erfüllt somit einen gesamtgesellschaftlichen Auftrag, der in der privatwirtschaftlichen PKV nicht vorgesehen ist und aus deren Sicht aufgrund der Gewinnorientierung auch für sie wirtschaftlich nicht sinnvoll ist.

Der Gesetzgeber hat der GKV Möglichkeiten eingeräumt, über den umfassenden Versicherungsschutz hinaus ergänzende Leistungen anzubieten. Mit sogenannten Wahltarifen können die GKV-Kunden zum Beispiel die Aufwendungen bei Auslandsreisen oder bei Zahnersatz direkt bei der gesetzlichen Krankenversicherung abdecken. Damit erhält man als GKV-Mitglied einen optimalen Rundumschutz zu günstigen Tarifen. Wer so versichert ist, wird die PKV nicht vermissen.

Von Walter Bockemühl