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    Wie aus einem kranken Kind beinahe ein Amokläufer wird

    Vom kranken Kind zum Mörder: Florian K. hat seinen Ex-Lehrer getötet, weil er ihn für sein verpfuschtes Leben verantwortlich gemacht hat. K. ist psychisch krank, richtig therapiert wurde er wohl nie.

    Frankenthal/Ludwigshafen – Vom kranken Kind zum Mörder: Florian K. hat seinen Ex-Lehrer getötet, weil er ihn für sein verpfuschtes Leben verantwortlich gemacht hat. K. ist psychisch krank, richtig therapiert wurde er wohl nie.

    Die Probleme des Florian K. fangen früh an. Im Alter von sieben Jahren wird er von seiner Mutter zu einem Kinderpsychiater gebracht. Der Junge hat extreme Probleme, sich anderen Menschen zu nähern, eine Kontaktstörung wird diagnostiziert. 16 Jahre später, am 18. Februar 2010, fährt Florian K. zu seiner früheren Schule in Ludwigshafen, tötet seinen ehemaligen Lehrer und will eigentlich noch mehr Menschen umbringen. Nun hat ihn das Landgericht Frankenthal wegen der Tat zu 14 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Er muss in die Psychiatrie.

    Der Mannheimer Psychiatrie-Professor Harald Dreßing, der den 23- Jährigen begutachtet hat, spricht im Zusammenhang mit dessen Leben von einer "Tragik" in der Persönlichkeitsentwicklung. Die Folgen einer angeborenen, aber erst 2008 diagnostizierten Chromosomenstörung und die schwierige Persönlichkeit des Florian K. befeuern sich über die Jahre gegenseitig. Dreßing wählt das Bild eines sich füllenden Fasses, das schließlich von einem letzten Tropfen zum Überlaufen gebracht wird.

    Die Chromosomenstörung führt dazu, dass Florian K. immer dicker wird und ist auch die Ursache für eine Sprachstörung. Die Folge: Der Junge wird vor allem in der Schule gehänselt und ins Abseits gestellt – so empfindet er es jedenfalls. Da sei "immer wieder das Gefühl gewesen, gemobbt, ausgegrenzt zu werden", sagt Dreßing. Umgehen kann K. damit nicht.

    Was Folgen und was Ursachen sind, lässt sich bei ihm laut dem Experten schwer trennen. Dreßing stellt bei K. eine lange Liste von Verhaltensauffälligkeiten fest, Beispiele sind: Befangenheit, Antriebslosigkeit, Überempfindlichkeit, ein durchgängig gestörtes Selbstwertgefühl und ein extremes Misstrauen. So schickt K. einmal seinem einzigen Freund eine SMS unter falschem Namen – um herauszukriegen, was dieser von ihm hält. Danach ist auch diese Freundschaft beendet, es folgt der Rückzug in die totale Isolation.

    Als K. nach der Schule beruflich nicht Fuß fasst, sind für ihn die Schuldigen klar: Seine ehemaligen Lehrer, die ihm angeblich zu schlechte Noten gegeben haben und ihn nicht vor dem Mobbing seiner Mitschüler geschützt haben. Eine fixe Idee, von der K. laut Dreßing bis heute überzeugt ist. Er zeigt keinerlei Reue. Im Prozess bedauert er sogar, dass er seinen Plan nicht durchgezogen hat, noch mehr Lehrer zu töten. Mitleid für das Opfer habe er "eigentlich keins empfunden". Erst ganz am Schluss entschuldigt er sich dann doch noch bei den Angehörigen des Opfers für das Leid, das er ihnen zugefügt habe.

    Die einzige erkennbare Leidenschaft von K. sind Waffen, die er in seinem Zimmer sammelt. Außerdem baut er kleinere Sprengsätze, die er auf Äckern zur Explosion bringt. Er interessiert sich für die Taten von Amokläufern, aus seinen tagebuchartigen Einträgen, die er zum Teil im Internet veröffentlicht, kann man Respekt für diese Täter herauslesen. Irgendwann erstellt er eine Art Todesliste mit den Namen von denjenigen, an denen er sich rächen will. "In ihm ging etwas vor, was die Außenwelt nicht gemerkt hat", sagt Verteidigerin Gabriele Haas.

    2008 will er bereits ein Blutbad an seiner früheren Schule anrichten, angeblich bringt ihn ein Telefonat mit seiner Nichte davon ab. "Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben", notiert K. Denn: "Mir kribbelt es in den Fingern." Diesmal werde er derjenige sein, der zuletzt lache.

    Die psychischen Probleme des Angeklagten werden in dem Prozess von keiner Seite infrage gestellt. Dennoch macht vor allem den Angehörigen des getöteten Lehrers die scheinbar grenzenlose Gleichgültigkeit zu schaffen, die K. über weite Teile des Prozesses zur Schau stellt. Er habe mit der Tat auch die Familie des Lehrers zu Opfern gemacht, spricht die Vertreterin der Nebenklage dem 23- Jährigen ins Gewissen. Der Kopf des Angeklagten bleibt gesenkt – wie die meiste Zeit in dem Verfahren.

    Von Marc Strehler

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