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    Berlin

    In Bund und Land: Neue Jobs bei der Polizei sind begehrt

    Die Polizei verzeichnet bundesweit einen Ansturm auf freie Stellen. Spätestens seit den Vorfällen der Kölner Silvesternacht von 2015 auf 2016 wollen die Innenminister nach Jahren des Abbaus wieder aufstocken. Dabei besteht ein deutlicher Überschuss bei Bewerbungen, wie eine Abfrage unserer Zeitung bei allen Bundesländern ergab.

    Foto: dpa

    Demnach gab es von Schleswig-Holstein bis Bayern 2017 rund 12.600 neue oder geplante Einstellungen bei mehr als 87.000 Bewerbungen. 2014 wurden nur gut 7500 Polizisten in den Ländern eingestellt, damals gingen bundesweit noch knapp 77.700 Bewerbungen ein. In Berlin gab es 2017 mit Abstand am meisten Bewerbungen: Mehr als 18.000 Schreiben wurden für die 1300 freien Stellen registriert. Danach folgt Bayern mit etwa 10.500 Bewerbungen auf 1500 Stellen. Aus Baden-Württemberg lagen noch keine Daten vor, wo auch rund 1400 Einstellungen geplant sind. Jedoch besetzte zuletzt kein Land so viele Stellen wie NRW. 2300 Polizisten wurden dort 2017 eingestellt, 9373 Bewerbungen gingen dafür ein. In Hessen kamen 2017 auf 1155 Stellen 7664 Bewerbungen. 2014 waren es noch 530 Stellen und 5744 Bewerbungen. In Rheinland-Pfalz kamen 2017 auf 560 Stellen 4426 Bewerbungen. 2014 waren es noch 450 Stellen und 3308 Bewerbungsschreiben.

    Angesichts dieser Lage betonen alle Länder, bei den Bewerbungen aus den Vollen schöpfen zu können. Auch in den vergangenen Jahren hätten alle geplanten Stellen besetzt werden können, hieß es unisono. Das steht im Kontrast zu Meldungen, wonach einzelne Länder durchaus Schwierigkeiten bei der Neubesetzung hatten und teils ihre Aufnahmeanforderungen nach unten korrigieren mussten. Tatsächlich geben auch jetzt Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen an, Standards gesenkt zu haben, meist jedoch nur im obligatorischen Sporttest als Zugang zum Auswahlverfahren. So müssen etwa weniger Liegestützen absolviert werden, teils entfallen Vorschriften zur Mindestkörpergröße.

    GdP-Chef Oliver Malchow dämpft die Freude über die Bewerberzahl.
    GdP-Chef Oliver Malchow dämpft die Freude über die Bewerberzahl.
    Foto: dpa

    Ungeachtet dessen warnt die Gewerkschaft der Polizei (GdP) nun vor Missständen. „Auch wenn die Bewerberzahlen zuletzt gestiegen sind und die Anzahl der geplanten Einstellungen bei Weitem überschreiten, steht die Polizei in fast allen Ländern vor ernsten Personalproblemen“, sagte GdP-Chef Oliver Malchow und fügte hinzu: „Der Anteil qualifizierter Bewerber sinkt bundesweit, das wird uns immer wieder aus den Ländern gemeldet.“

    Um bis 2021 die in Ruhestand gehenden Beamten zu ersetzen, seien mindestens 20.000 Polizisten nötig. „Damit würde aber kein einziger Polizist zusätzlich auf die Straße gebracht, was alle Parteien im Wahlkampf versprochen haben. Hinzu kommt, dass deren Zahlen mit 15.000 auch deutlich zu gering sind“, kritisiert Malchow. Weil die Auswahl und Ausbildung insgesamt vier Jahre dauere, müssten jetzt aus dem Stand Zehntausende Stellen zusätzlich geschaffen werden.

    Ein weiteres Problem: Weil die Polizei Ländersache und die Bezahlung und Ausstattung sehr unterschiedlich sind, herrscht ein bundesweiter Wettbewerb um die besten Köpfe. „NRW und Bayern zahlen einem Beamten mit demselben Dienstgrad rund 500 Euro brutto mehr im Monat, als es die Berliner tun“, sagt der GdP-Chef. Der Wettbewerb bei der Bezahlung und Ausstattung sorge für ein Ungleichgewicht bei der Sicherheit in Deutschland. „Ich erwarte von allen Parteien, jetzt auch zu ihren Zusagen aus dem Wahlkampf zu stehen. Sie müssen auf ihre Parteifreunde in den Ländern einwirken, dass die ihre Polizeistellen drastisch erhöhen“, forderte Malchow.

    Von unserem Berliner Korrespondenten Jan Drebes

    Kommentar: Es braucht noch mehr Polizisten

    Es ist bemerkenswert, dass es im zurückliegenden Wahlkampf in einem Punkt einen Allparteienkonsens gab: mehr Polizisten. Die ideologisch gefärbten Schlachten um den Abbau der Polizei sind endgültig vorbei. Wo ein Gefühl der Unordnung wächst, erlebt der Ordnungshüter eine Renaissance.

    Gregor Mayntz über die Polizei in Deutschland

    15.000 neue Stellen stehen in den wichtigsten Wahlprogrammen als auffällig übereinstimmende Forderung. Dazu passt die überraschend große Zahl von Bewerbungen: Der Polizeiberuf ist als wichtig anerkannt und attraktiv bei vielen Tausend jungen Leuten.

    Das klingt beruhigend. Aber dahinter tun sich Probleme auf. Denn eine über Jahre laufende Sparpolitik lässt sich nicht von heute auf morgen umkehren. Bis verlässliche Strukturen zur Bewältigung der gewachsenen Aufgaben mit qualifiziertem, gut ausgebildetem und bewährtem Nachwuchs gefüllt sind, vergehen Jahre, in den Führungsetagen sogar Jahrzehnte. Aber die Babyboomer-Generation hat auch unter der Polizeimütze graue Haare bekommen. So werden die Neueinstellungen in manchen Regionen und Bereichen gerade einmal ausreichen, die Vielzahl der bald aus Altersgründen ausscheidenden Beamten auszugleichen. Im Grunde müssten also noch sehr viel mehr Bewerber in Ausbildung genommen werden. Doch dafür reichen auch die Schulungskapazitäten nicht. Es rächt sich nun, was jahrelang als „schlanker Staat“ chic zu sein schien.

    Außerdem hat der Föderalismus mit der Eigenverantwortung der Bundesländer für den Polizeidienst zu derart unterschiedlichen Besoldungssystemen geführt, dass die mobilsten und qualifiziertesten Bewerber gerade in den Regionen fehlen, in denen ohnehin schon nur noch ein Mangel verwaltet wird. Aus Bürgerperspektive aber gibt es kaum etwas Schlimmeres, als im Augenblick der Gefahr nicht auf die Präsenz der Polizei zählen zu können. Hier werden einzelne Länder kräftig nachlegen müssen.

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