40.000
Aus unserem Archiv
Bad Kreuznach/Birkenfeld

Eltern vor Gericht: Autismus der Kinder ist wohl Folge der Vernachlässigung

Der dreieinhalb Jahre alte Junge konnte nicht sprechen, nicht sicher laufen und roch stark nach Urin: So fand eine Mitarbeiterin des Jugendamtes den Sohn eines Lehrers im August 2012 im Haus der Familie in Birkenfeld vor. Die Eltern wurden nach der Herausnahme ihrer beider Kinder im November 2012 wegen Verletzung der Fürsorgepflicht im vergangenen Jahr vom Amtsgericht Idar-Oberstein jeweils zu Freiheitsstrafen in Höhe von zwei Jahren verurteilt.

Symbolbild.
Symbolbild.
Foto: Uwe Zucchi/dpa

Von unserer Mitarbeiterin Christine Jäckel

Sie versuchen derzeit in einem Berufungsverfahren vor dem Landgericht Bad Kreuznach, eine Bewährungsstrafe zu erreichen. Die Verteidigung zielt dabei darauf ab, dass die Kinder möglicherweise mit einer autistischen Störung geboren wurden. Zu diesem Thema hörte die Kammer unter der Vorsitzenden Richterin Dr. Caroline Walper am zweiten Verhandlungstag eine Kinderärztin, die beide Geschwister seit ihrer Unterbringung in Pflegefamilien mehrmals untersucht hat. Beide Angeklagte sind inzwischen erneut von einem psychiatrischen Sachverständigen untersucht worden und weisen keine seelischen Erkrankungen auf, sie sind damit voll schuldfähig.

In der Partnerschaft hatte die 31-jährige Ehefrau das Sagen und hat auch jetzt nach dem Wegzug des Paares wieder die Führungsrolle übernommen. Nach Einschätzung des Gutachters konnte sie auf Grund einer depressiven Störung 2012 diese Funktion nicht ausüben, und ihr Partner konnte den Ausfall seiner Frau bei der Versorgung und Erziehung der Kinder auch nicht ausgleichen. "Es fällt auf, dass hier zwei Menschen zusammenkamen, die seelisch instabil sind", erklärte Gutachter Dr. Ralf Werner.

Auch nach dem ersten Besuch des Jugendamtes, dessen Mitarbeiter der Familie Unterstützung anboten, konnte sich die Frau aus ihrer Lethargie nicht lösen. Nach eigenen Angaben vernachlässigte sie auch ihre eigene Person ebenso wie ihre Kinder. "Sie hat sich selbst als Meisterin der Verdrängung bezeichnet, was sie etwa mit stundenlangem Spielen am Computer oder mit dem Erfinden von Geschichten getan hat", berichtete der Sachverständige. Ihr Mann, der offenbar zeitweise von den Anforderungen in seinem Beruf als Lehrer an einem Gymnasium überlastet war, vermied es, zu seiner Frau auf Konfrontation zu gehen, und zum Leidwesen der Kinder schätzte er deren Situation nicht als dramatisch ein.

Sowohl bei dem Jungen als auch bei seiner Schwester, die bei der Herausnahme 21 Monate alt war, stellte die Kinderärztin große Entwicklungsrückstände in der Bewegung, in der Sprache oder auch in der Bindungsfähigkeit fest. Seit sie gefördert werden, haben die Kinder aber diverse Fortschritte gemacht, die ein mit Autismus geborenes Kind nie erreichen könnte. Die Ärztin sieht die Defizite primär durch die Vernachlässigung verursacht, in deren Folge die Kinder autistische Züge entwickelten.

Für die Kammer unter der Vorsitzenden Richterin Dr. Caroline Walper und für die Staatsanwaltschaft, die ebenfalls Berufung gegen das Urteil der ersten Instanz eingelegt hat, ist es wichtig zu klären, ob die autistischen Verhaltensweisen der Geschwister durch das Versäumnis der Eltern in der Fürsorge hervorgerufen wurden oder genetisch bedingt sind. Wie in der intensiven Zeugenbefragung deutlich wurde, gibt es dafür derzeit kein wissenschaftliches Testverfahren. "Auch wenn ich keinerlei Informationen über den Hintergrund der Kinder gehabt hätte, hätte ich ihre Verfassung der Vernachlässigung zugeschrieben, die Kombination der Störungen ist ein Hinweis auf mangelnde Zuwendung", sagte die Ärztin.

Die Kinder haben beide eine Intelligenzminderung. Der Junge besucht jetzt eine Förderschule, das Mädchen ist nach Einschätzung der Kinderärztin in noch höherem Grad von der Intelligenzminderung betroffen.

  • Das Verfahren wird am Mittwoch, 16. September, um 9.30 Uhr fortgesetzt.

Idar-Oberstein Birkenfeld
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Ihre Ansprechpartner in der Redaktion
Stefan Conradt (sc)
Redaktionsleiter
Tel. 06781/605-43
E-Mail
Vera Müller (vm)
Redakteurin
Tel. 06781/605-52
E-Mail
Bettina Schäfer (bet)
Redakteurin
Tel. 06781/605-56
E-Mail
Andreas Nitsch (ni)
Redakteur
Tel. 06781/605-45
E-Mail
Axel Munsteiner (ax)
Redakteur
Tel. 06781/605-44
E-Mail
Peter Bleyer (pbl)
Redakteur
Tel. 06781/605-58
E-Mail
Silke BauerSilke Bauer (sib)
Redakteurin
0171-2976119
E-Mail
Jörg Staiber (jst)
Reporter
Tel. 06781/605-63
E-Mail
Online regional

Bettina TollkampBettina Tollkamp
Chefin v. Dienst
E-Mail

Regionalwetter
Samstag

13°C - 29°C
Sonntag

14°C - 28°C
Montag

14°C - 29°C
Dienstag

15°C - 28°C
Anzeige
epaper-startseite
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
Anzeige