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Koblenz

Nach schwerem Unfall in Koblenz: Ex-Artist kehrt an den Ort seines Unglücks zurück

Stephanie Mersmann

Als Andrei Eremeev vor einigen Tagen den Zirkus Flic Flac in Aachen besucht hat, freute er sich von ganzem Herzen: Nach so vielen Jahren konnte er endlich seine alten Kollegen wiedersehen, seine Zirkusfamilie, wie er sagt.

Bei seinem Besuch in Deutschland war Andrei Eremeev auch im Zirkus Flic Flac, in dem er 2010 einen tragischen Unfall hatte.
Bei seinem Besuch in Deutschland war Andrei Eremeev auch im Zirkus Flic Flac, in dem er 2010 einen tragischen Unfall hatte.
Foto: privat

Gleichzeitig sagt er aber auch: „Ich wäre lieber auf meinen beiden Beinen zurückgekehrt“ – ein Wunsch, der ihm verwehrt ist. Denn Eremeev sitzt im Rollstuhl, seit einem schicksalhaften Tag im März 2010.

Als Andrei Eremeev jetzt zu Besuch in Deutschland war, hat er wieder bei Angelika Gauk und Eugen Nikitin gewohnt. Das Ehepaar unterstützt den Ex-Artisten, seit dieser 2010 bei einer Zirkusvorstellung in Koblenz schwer verunglückt ist. Sie sagen: „Mittlerweile gehört er zur Familie.“
Als Andrei Eremeev jetzt zu Besuch in Deutschland war, hat er wieder bei Angelika Gauk und Eugen Nikitin gewohnt. Das Ehepaar unterstützt den Ex-Artisten, seit dieser 2010 bei einer Zirkusvorstellung in Koblenz schwer verunglückt ist. Sie sagen: „Mittlerweile gehört er zur Familie.“
Foto: Sascha Ditscher

Damals wendete sich das Leben des Moldawiers von einer Minute auf die andere. Es war eine Nachmittagsvorstellung des Zirkus' Flic Flac in Koblenz. Der damals 25-jährige Artist balancierte mit vier Kollegen auf der „Russischen Schaukel“, sprang aus sechseinhalb Metern Höhe ab – und verlor in der Luft die Kontrolle. Statt nach drei Salti auf den Füßen zu landen, geriet er in eine vierte Umdrehung und stürzte auf den Rücken. Mehrere Rippen brachen, die Lunge kollabierte, vor allem aber verletzte sich Andrei Eremeev so schwer an der Wirbelsäule, dass nach zwei Operationen im Bundeswehrzentralkrankenhaus feststand: Der junge Mann kann nicht mehr laufen.

Ein tragischer Unfall – der aber gleichzeitig zeigte, wie hilfsbereit viele Menschen sind. Mehrmals berichtete unsere Zeitung damals über Eremeev, und es rollte eine Welle der Hilfsbereitschaft an. Mehr als 100.000 Euro spendeten die Menschen aus der Region, drei Rollstühle und ein Krankenbett wurden gestiftet, ein Zahntechniker fertigte kostenlos eine Prothese an, mehrere Benefizaktionen wurden veranstaltet, Vereine und Organisationen sammelten auf ihren Festen, eine Grundschülerin organisierte einen Flohmarkt. Auch Angelika Gauk und ihr Mann Eugen Nikitin – sie stammt gebürtig aus Kasachstan, er aus Russland – zählten zu denen, die dem Artisten direkt ihre Hilfe anboten. „Wir hatten die Vorstellung besucht, bei der der Unfall geschah“, erzählt Gauk heute. Die beiden übersetzen für ihn, kochten Gerichte aus der Heimat, mehrere Wochen nahmen sie ihn sogar bei sich auf. Und der Kontakt hielt.

Jetzt, acht Jahre später, sahen sie sich zum ersten Mal wieder. Für zwei Wochen war Andrei Eremeev zu Besuch in Deutschland, und wieder wohnte er bei Gauk und Nikitin, die mittlerweile in Neuwied leben. „Er gehört mittlerweile zur Familie“, sagt Angelika Gauk und lächelt. Sie machten Ausflüge, besuchten den Zirkus, waren auch im Stiftungsklinikum, in dem der Moldawier schon 2010 behandelt worden war. Auch ein anderer Helfer von damals war wieder am Start, der Medizintechniker Karl Heinz Wilbert aus Spay.

Besonders groß war von Anfang an die Betroffenheit beim Zirkusteam, und die Hilfsbereitschaft hat nicht nachgelassen. Jahr für Jahr überweist Direktor Benno Kastein seinem früheren Artisten Geld, vor zwei Jahren zusätzlich die Einnahmen eines Auftritts in Koblenz, stolze 10.000 Euro. Geld, das für Andrei Eremeev lebensnotwendig ist. Ein halbes Jahr nach seinem Unfall war er in seine Heimat zurückgekehrt, in die kleine Stadt Dubossary im bettelarmen Transnistrien, einer international nicht anerkannten Teilrepublik Moldawiens. Hier begann ein Leben für ihn, das alles andere als einfach ist.

Die Spendengelder reichten, um ein kleines Haus zu kaufen, in dem er seither mit seiner Schwester und deren Familie lebt, sie reichten für ein Auto, das so umgebaut ist, dass er als Querschnittsgelähmter damit fahren kann, und für eine weitere Operation. Nach zwei Jahren war das Geld aufgebraucht. Seither bekommt Eremeev eine Rente von 45 Euro im Monat, wobei er alle Behandlungen und Medikamente selbst bezahlen muss, eine Versicherung gibt es nicht. Ohne Unterstützung aus Deutschland würde es nicht gehen, immer wieder schicken zum Beispiel Angelika Gauk und Eugen Nikitin Medikamente nach Transnistrien.

Schon als Kind hatte Andrei Eremeev den Traum, Artist zu werden, und dass er diesen aufgeben musste, schmerzt ihn nach wie vor. Als er jetzt im Zirkus Flic Flac war, „da wollte ich am liebsten mit raus in die Manege“, erzählt er. Der Besuch war etwas ganz Besonderes für ihn, „es war aber auch ein bisschen schwierig“, sagt er mit leiser Stimme. Dass die Rückkehr an den Ort seines Unglücks auch schmerzhafte Erinnerungen weckt, liegt auf der Hand. Auf dem Gelände, auf dem heute der Globus ist und im Jahr 2010 das Zirkuszelt stand, war er noch nicht.

Zirkusdirektor Benno Kastein war es, der Eremeev nach Deutschland einlud – ein Geschenk zu dessen 33. Geburtstag im vergangenen Jahr. „Das war ein Schock, aber ein positiver“, sagt der Moldawier, und ein Lächeln huscht über sein ernstes Gesicht. Seit Freitag ist Andrei Eremeev nun wieder in seiner Heimat, aber der nächste Besuch in Koblenz ist schon geplant.

Wer Andrei Eremeev unterstützen möchte, kann sich per E-Mail an Angelika Gauk und Eugen Nikitin wenden, die dem Ex-Artisten seit Jahren helfen. Die Adresse: eugnik@freenet.de

Von unserer Redakteurin Stephanie Mersmann

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