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Paradiesvögel: Anette und Frank Freis führen ein Leben der Extreme

Eigentlich sehen Anette und Frank Freis ziemlich gewöhnlich aus. Gut, vielleicht etwas sportlicher als der Durchschnitt, aber im Großen und Ganzen wie ein ganz normales Ehepaar. Doch das war nicht immer so. Im Leben der beiden gab es Zeiten, in denen sie überall auffielen, in denen sie Bewunderungen und Anfeindungen ausgesetzt waren, in denen ihr Hobby ihr ganzes Leben bestimmte.

Foto: Désirée Thorn

Das war während ihrer Karriere als Bodybuilder. Frank und Anette Freis waren erfolgreiche Leistungssportler, räumten Preise ab und holten sich sogar den Weltmeistertitel. Im Rahmen der Serie „Paradiesvögel“ sprechen die Bad Kreuznacher über ihr extremes Schönheitsideal, die Besonderheiten ihrer Sportart und ihre persönliche Geschichte.

Frank Freis' Weg zum Kraftsport begann im Fußballverein. Mit gerade mal sechs Jahren fing er an, später spielte er für die Eintracht sogar in der Oberliga. Doch mit einem Gewicht von 60 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,70 Meter war er schlichtweg zu schmächtig, um sich gegen seine Kontrahenten zu behaupten. Er startete mit dem Krafttraining. 1982 lernte er Wolfgang Bierwirth kennen, der als einer der ersten in Bad Kreuznach dem von Arnold Schwarzenegger ausgelösten Bodybuildingtrend folgte und so zu Frank Freis' Vorbild wurde: „Ich dachte nur: Ich will das auch.“ Der damals 20-Jährige hängte den Fußball an den Nagel und verschrieb sich voll und ganz dem Kraftsport.

Weltmeisterliches Ehepaar

Von kleineren Wettbewerben wie Mister-Wahlen oder städtischen Entscheiden, über die Teilnahme bei Juniorenwettkämpfen bis hin zu den großen Landes-, Bundes-, Europa- und Weltmeisterschaften – 25 Jahre lang stand der Bad Kreuznacher fast jährlich auf der Bühne, arbeitete sich Stück für Stück nach oben und sorgte für Aufsehen in der Szene. Sein letztes persönliches Ziel sollte allerdings unerreicht bleiben: Zwei Mal nahm er Anlauf, um zum Mister Universum gekürt zu werden, schaffte es aber „nur“ bis zum vierten Platz. „Das wäre das i-Pünktchen gewesen“, sagt der ehrgeizige Sportler.

Dafür sollte Frank Freis 1996 ganz andere Lebensziele erreichen: Der gelernte Glasschleifer übernahm das Fitnessstudio, in dem er bis dato trainierte. Und auch privat gab es eine entscheidende Veränderung: Unterstützt wurde der Vater von einem Sohn dabei von einer Kundin, die 2007 zu seiner Frau werden sollte. Gemeinsam bauten die beiden Franks Body Gym auf und lernten sich zeitgleich kennen und lieben.

Während Frank Freis' Bodybuildingkarriere mit dem beruflichen Neubeginn beendet war, stieg Anette Freis erst zur Jahrtausendwende so richtig in die Extremsportart ein. Und zwar mit großem Erfolg: Wofür ihr Mann mehr als 20 Jahre brauchte, schaffte Anette Freis in nur drei Jahren. Innerhalb kürzester Zeit hangelte sie sich von der Rheinland-Pfalz-Meisterschaft bis zur WM und räumte sämtliche Titel ab. „Das war mein Ziel“, sagt die bescheidene 41-Jährige, die als Arbeitsvermittlerin arbeitet.

Doch hinter dem Erfolg der beiden Profisportler stecken mehr als nur Ambitionen: Die Vorbereitung auf Wettkämpfe erfordert höchste Disziplin, Willenskraft und die Bereitschaft zum Verzicht. Alles muss sich nach dem Sport richten – auch das Privatleben. „Die Familie musste jahrelang zurückstecken“, sagt Frank Freis, der in dieser Zeit auch wenig Kontakt zu seinem Sohn hatte: „Ich war lieber im Studio als im Sandkasten.“

Die Vorbereitung ist zeitaufwendig. Drei bis fünf Monate vor der Meisterschaft beginnt das Programm: sechs Tage hartes Training in der Woche und eine strikte Diät. Jede Menge Eiweiß und Kohlenhydrate braucht man in dieser Phase. Fettige Soßen oder zuckerreiche Süßigkeiten sind verboten. „Das wird in den letzten Monaten schon sehr eintönig“, sagt Frank Freis, und seine Frau fügt hinzu: „Reis und Pute können wir nicht mehr sehen.“

Zum Wettkampf muss der Körper so fett- und wasserfrei wie möglich sein. Jeder Muskel soll unter der dünnen, mit Bräunungscreme beschmierten Haut zum Vorschein kommen. Getrennt nach Größe und Gewicht posieren die Bodybuilder dann zu Musik in einer einminütigen Choreografie. Zum Vorschein kommt ein Schönheitsbild, das durchaus polarisiert. „Früher war ein so durchtrainierter Mann ein Hingucker“, sagt Frank Freis, „die Achtziger waren die schönste Zeit dafür“. Ab der Jahrtausendwende habe die Faszination nachgelassen. Obwohl es immer mehr Teilnehmer gab, sind die Zuschauerzahlen gesunken. „Heute ist das recht negativ behaftet, man wird eher belächelt“, sagt der 55-Jährige.

Im Frauenbereich hatte man im Gegensatz dazu von Anfang an mit der Akzeptanz zu kämpfen. „Das war schon immer problematisch“, sagt Anette Freis. Viele Menschen haben kein Verständnis für das maskulin erscheinende Körperbild. Mal bezeichnete man sie als „asozial“, mal hatte sie Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden.

Das Ende der letzten Muckibude

Doch das Ehepaar hielt an seinem Schönheitsideal fest und gab die Leidenschaft für den Sport weiter. Insgesamt sieben Bodybuilding-Weltmeister brachte Frank Freis' Studio hervor. Genauso ambitioniert wie in die sportliche Karriere stürzten sich die Beiden in die Arbeit in ihrem eigenem Unternehmen. Tagtäglich stand Frank Freis von früh bis spät im Studio, und nach ihrem regulären Arbeitstag verbrachte auch Anette ihren Abend unter den Sportlern. Jetzt ist damit Schluss. Am 29. März ging die Geschichte der „letzten richtigen Muckibude“ in Bad Kreuznach zu Ende. „Wir hatten einfach das Gefühl, jetzt muss noch mal was passieren“, erklärt Anette Freis.

Das Ehepaar möchte endlich mehr Zeit mit der Familie verbringen. „Wir sind weder krank noch pleite. Das war eine freie Entscheidung“, sagt Frank Freis. Leichtfertig war der Entschluss trotzdem keineswegs: „Die Bekanntgabe war ein Scheißgefühl.“ Es sei ihm schwergefallen, sich von den Kunden zu verabschieden, manche hätten sogar geweint. Doch jetzt wolle er all das mit seinen beiden Enkeln aufholen, was er bei seinem eigenen Sohn verpasst hat. Größere Pläne für die Zukunft gibt es momentan noch nicht: „Wir wollen das Leben erst mal zurückgewinnen und genießen.“ Désirée Thorn

Bad Kreuznach
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