Archivierter Artikel vom 15.10.2010, 08:46 Uhr
Rheinland-Pfalz

US-Streitkräfte planen gigantische Klinik

Für Rheinland-Pfalz könnte es eines der größten Bauprojekte aller Zeiten werden: Die US-Armee will eine gigantische Klinik in der Westpfalz errichten. Noch geben sich offizielle Stellen zurückhaltend. Aber die Vorplanungen laufen bereits auf Hochtouren.

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US-Streitkräfte planen gigantische Klinik
Offiziell noch unter Verschluss: Die Karte zeigt, wie nah der künftige Klinik-Neubau an der US-Air-Base Ramstein liegt. Nach ersten Planungen soll ein Tunnel konstruiert werden, durch den Schwerverletzte sofort in die Intensivmedizin transportiert werden können. In Ramstein landen zahlreiche verwundete US-Soldaten aus Kriegs- und Krisengebieten.
Nato-Klinik
So könnte der hochmoderne Klinik-Komplex nach seiner Fertigstellung aussehen. Der Architekt hat ihn den ausgebreiteten Schwingen eines Adlers nachempfunden, wie die Amerikaner betonen.

Ein Bauvorhaben der Superlative: Die US-Streitkräfte wollen in der Westpfalz einen riesigen Klinik-Komplex errichten. Investitionssumme: etwa 750 Millionen Euro. Dazu kommen noch einmal 170 Millionen Euro Planungskosten, wie das Bundesbauministerium auf Anfrage unserer Zeitung erklärte. Die hochmoderne Klinik wird somit zum aktuell größten Bauprojekt der Amerikaner in Europa. Ein Milliarden-Vorhaben, das ins ganze Land ausstrahlen wird.

Nötig wird der Klinik-Neubau, weil das Landstuhl Regional Medical Center, mit knapp 3000 Mitarbeitern das größte US-Krankenaus außerhalb Amerikas, in einem Zustand ist, in dem eine millionenteure Sanierung nicht mehr lohnt. Der Komplex soll bis 2018 geschlossen werden. Zugleich wollen die US-Streitkräfte einen Neubau, der ähnlich nah an der US Air-Base Ramstein liegt.

Ramstein ist seit Jahren die wichtigste europäische Drehscheibe für den Lufttransport von US-Truppen. Dort werden US-Soldaten in Europa versorgt, aber auch Verwundete aus dem Irak oder Afghanistan. Ihre neue Klinik wollen die USA nun auf dem Gelände des Ex-Munitionsdepots Weilerbach bauen. Dieses reicht direkt an die Basis in Ramstein heran. Vor Ort erzählt man, dass dort auch schon Pershing-Atomraketen stationiert waren.

Wenn alles glattgeht, könnten die ersten Soldaten bereits im Jahr 2016 oder 2017 in der neuen Einrichtung auf dem OP-Tisch liegen. Ein Zeitrahmen, der sich natürlich noch erweitern lässt.

Nicht in trockenen Tüchern

Ganz in trockenen Tüchern ist der Klinikbau ohnehin noch nicht. Die Nato wird konsultiert. Doch vor allem muss der US-Kongress Anfang 2011 final entscheiden. Und bis dahin hat es in den Vereinigten Staaten Kongresswahlen gegeben, bei denen die regierenden Demokraten unter US-Präsident Barack Obama durchaus eine Schlappe einstecken könnten. Die US-Militärs gehen aber selbst in diesem Fall davon aus, dass die Klinik errichtet wird, heißt es von verschiedenen Seiten. Der Grund: Alternativen fehlen.

Die Amerikaner haben bereits 30 Millionen Dollar (21,6 Millionen Euro) für die Planung bewilligt und zum Teil schon investiert. Das Projekt wird ein wichtiger Baustein im Gesundheits- und Sanitätswesen des US-Militärs mit insgesamt 133 000 Mitarbeitern. Die Streitkräfte betreiben Hunderte von Kliniken und Gesundheitszentren auf der gesamten Welt. In den nächsten Jahren sollen neben der Klinik in der Westpfalz drei weitere, ähnlich konzipierte Hospitäler hochgezogen werden, sagt Innenminister Karl Peter Bruch (SPD) der „Rheinpfalz“. Bruch hat sich in den USA ein Bild gemacht.

Mit den Klinik-Neubauten betreten die US-Streitkräfte Neuland, wie aus internen Dokumenten hervorgeht, die unserer Zeitung vorliegen. „Wir schaffen eine neue Generation militärischer Gesundheitseinrichtungen“, heißt es in dem Papier. Das Besondere: Neben einem Klinik-Bereich für Schwerverwundete und modernster medizinischer Technik verfügen diese Krankenhäuser, also auch das in der Westpfalz, über großzügige Abteilungen für die medizinische Rehabilitation. Wenn die Soldaten nach Amerika zurückkehren, sollen sie so weit wie möglich genesen sein.

Traumaarbeit bis Chirurgie

Zudem ist die Spanne des medizinischen Angebots denkbar weit: Sie reicht über Trauma- und Familienarbeit bis hin zur plastischen Chirurgie oder zur Epidemiologie (Seuchenkunde). Nach den uns vorliegenden Unterlagen sind knapp 140 feste Betten für Verletzte geplant, was in etwa der Größe vom Klinikum Landstuhl entspricht. Dazu kommen noch Kapazitäten für besondere Notfälle wie Naturkatastrophen oder ein massiver Terroranschlag.

Ein weiteres interessantes Detail: Nach ersten Plänen soll der Bau so konstruiert werden, dass die Verletzten durch einen Tunnel quasi vom Rollfeld ins Krankenhaus transportiert werden können.

Im Mainzer Finanzministerium, das auch für Baufragen zuständig ist, wartet man derzeit ab, bis eine Projektvereinbarung zwischen der deutschen und der US-Seite geschlossen ist. Eine derartige Übereinkunft wird bei besonders großen und komplizierten Bauvorhaben erarbeitet. Auftragnehmer für das Riesenprojekt ist der Bund, federführend das Bundesbauministerium. „Ein erster Entwurf liegt der US-Seite vor“, heißt es aus Berlin.

Ist alles in trockenen Tüchern, läuft die praktische Abwicklung über das rheinland-pfälzische Finanzministerium. Das bedeutet vor allem für den Landesbetrieb LBB, einen Immobilien- und Baudienstleister, viel Arbeit. Je nach Auftragszuschnitt muss kräftig zusätzliches Personal eingestellt werden. Eine erste Ausschreibung gab es wohl schon. Die Planungskosten tragen US-Regierung (45 Millionen Euro) und der Bund (125 Millionen).

Der Mainzer Finanzstaatssekretär Salvatore Barbaro (SPD) könnte zum Landeskoordinator für das Projekt werden. „Wen würde ein Bauvorhaben in dieser Dimension nicht reizen?“, meinte er gegenüber unserer Zeitung.

In der Westpfalz laufen derweil die Vorbereitungen auch ohne Plazet aus Berlin bereits auf Hochtouren. Der bewaldete Baugrund des früheren Munitionsdepots wird untersucht. Ende Oktober treffen sich alle beteiligten Behörden, um Fragen der künftigen Verkehrsanbindung zu erörtern.

„Tolles Projekt für Region“

„Das ist ein tolles Projekt für die Wirtschaft in unserer Region“, sagt Horst Bonhagen, Ortsbürgermeister von Weilerbach. „Für uns ist es sehr wichtig, dass hier ein US-Krankenhaus dieser Größe erhalten bleibt“, freut sich auch Anja Pfeiffer-Matheis, Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Weilerbach. Die 54 000 Soldaten, Zivilbeschäftigte und Familienangehörige der Militärgemeinde Kaiserslautern verfügen über eine enorme Wirtschaftskraft. Dessen ist sich auch die SPD- Landesregierung in Mainz bewusst. Das neuerliche Bekenntnis der US-Streitkräfte zum Standort Rheinland-Pfalz ist durchaus gern gesehen.

Von unserem Redakteur Dietmar Brück