Archivierter Artikel vom 15.10.2010, 08:49 Uhr

Rheinland-Pfalz – das „amerikanischste“ Bundesland

Ihren größten Flugzeugträger bauten die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Zugang zum Meer:

Ihren größten Flugzeugträger bauten die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Zugang zum Meer:

Im neu gegründeten Rheinland-Pfalz wurde ein Militärflughafen nach dem anderen gebaut – Ramstein, Hahn und Spangdahlem sind nur die bekanntesten. Erst als Besatzungsmacht, dann aber vor allem als Beschützer gegen die vermeintliche Gefahr aus dem Ostblock waren bereits Mitte der 1950er-Jahre mehr als 90.000 US-Soldaten in dem agrarwirtschaftlich geprägten Bundesland stationiert.

„Das Verhältnis von Rheinland-Pfälzern und Amerikanern ist sicherlich besonders“, analysiert Werner Kremp, der sich 14 Jahre lang als Direktor der Atlantischen Akademie in Kaiserslautern mit dem Thema befasst hat. Ganz sicher sei Rheinland-Pfalz das „amerikanischste“ Bundesland – „und daher auch ein wenig isoliert, was die pro- oder antiamerikanischen Tendenzen in der Geschichte der Bundesrepublik betraf“. Das ergab sich allein schon aus dem Alltag: „Amerikaner sind hier Nachbarn, Arbeitgeber und vielfach auch Auftraggeber“, analysiert Kremp. Vor allem in der strukturschwachen Region Kaiserslautern haben sie sich über 60 Jahre als wirtschaftlicher Segen erwiesen, in den ersten Jahren geradezu für eine Boomphase gesorgt. Die Kehrseite der Medaille: Manche Gemeinden verloren durch die Neubauten erhebliche Ackerflächen. Beispielsweise Sembach büßte 40 Prozent seiner bäuerlichen Betriebe ein. Den Einschnitten standen neue Arbeitsplätze für Zehntausende gegenüber. Mitte der 1980er-Jahre waren die US-Streitkräfte der zweitgrößte private Arbeitgeber im Land.

Das ist in vielen Regionen bis heute so geblieben: Nach Angaben der US-Militärverwaltung waren 2009 in Kaiserslautern mehr als 53 000 GIs stationiert, die rund 1,6 Milliarden Dollar Sold erhielten – was teilweise als Kaufkraft wieder in die Region floss. Zugleich wurden in der Region im vergangenen Jahr knapp 413 Millionen US-Dollar für Baumaßnahmen und Dienstleistungen ausgegeben.

Doch auch kulturell machten die Amerikaner aus der verschlafenen Provinz eine angesagte Szene. „Während der Rundfunk noch konservativ verstockt war, wurde in den Klubs in Baumholder und Bitburg Rock'n'Roll gespielt“, erzählt Kremp. Doch ebenso etablierte sich die Prostitution rund um die US-Kasernen.

Jedoch war das Miteinander nicht immer ungetrübt. Vor allem während des Vietnamkriegs, der Nachrüstungsdebatte Anfang der 1980er-Jahre sowie beim Irakkrieg 2003 war das Verhältnis angespannt. Jedoch: „Durch das alltägliche Miteinander waren die Ausschläge nie so drastisch wie in der restlichen Republik“, sagt Kremp.

Die „Ami go home“-Parolen sind dennoch nie ganz verstummt. Auch wenn sich die Lage mit dem Ende der Bush-Regierung wieder entspannt hat, gibt es nach wie vor Bürgerinitiativen, die den Abzug der US-Truppen fordern. „Aus umwelt- und friedenspolitischen Gründen“, wie Kremps Nachfolger bei der Atlantischen Gesellschaft, Wolfgang Tönnesmann, ergänzt.

Sollte der Fall aber wirklich eintreten, wäre das laut Kremp „eine mittlere Katastrophe“ für das Land. Wie problematisch sich ein Abzug auswirkt, könne bereits in einigen Regionen im Norden des Landes beobachtet werden.

Peter Lausmann