Archivierter Artikel vom 27.05.2010, 08:02 Uhr

Russisches Roulette mit der Schlammkanone

BP erwirtschaftet jedes Jahr Milliardengewinne. Doch das Ölleck im Golf von Mexiko zeigt dem Konzern offenbar seine Grenzen auf. Alle Versuche, es zu schließen, scheiterten. Nun wird es erneut versucht.

Russisches Roulette mit der Schlammkanone
In Ganzkörperschutzanzügen müssen die Helfer an der Südküste der USA die klebrigen Folgen der Ölpest beseitigen. Doch noch immer drückt Öl aus der See nach.
Foto: dpa

New Orleans – Die Frage geht an Jonathan. „Wie reagieren wir auf eine weitere Eskalation in den Sümpfen?“ Gemeint ist ein Szenario, bei dem klebriges Öl immer tiefer hineinschwappt in die empfindlichen Feuchtgebiete des Mississippi-Deltas. Ein Umweltexperte namens Richard soll ein Konzept für den Fall skizzieren, dass teerige Klumpen auch die Küste vor Houston verschmutzen. „Haben wir eigentlich einen Plan für Texas?“

Sauber ausgedruckt, in knappen Stichpunkten formuliert, hängen die Aufträge am schwarzen Brett des Krisenstabs in Houma. Normalerweise schult British Petroleum (BP) in dem hellen Glasbau die Arbeiter, die draußen auf den Bohrplattformen im Golf von Mexiko ihre Schichten schieben. Jetzt sitzen an die 600 Katastrophenexperten unter der grün-gelb-weißen Sonne, dem Firmenlogo, das lichte Zukunft symbolisiert. Eine lange Reihe von Laptops. Gesichter, die höchste Anspannung verraten. Über dem Wust der A4-Blätter an den Magnettafeln steht am Mittwoch ganz groß die Frage: Wird es klappen mit dem „Top Kill“?

Die Rede ist von einer Methode, bei der das Leck auf dem Meeresboden von oben abgedichtet wird, mithilfe einer Schlammkanone. Tonnenweise wird eine schwere Flüssigkeit, im Jargon Bohrschlamm genannt, durch zwei Leitungen unter hohem Druck nach unten gejagt. Zusätzlich soll ein Gemisch aus Reifengummi, alten Golfbällen und anderem Abfall die Risse in den Rohren verstopfen. Geht die Rechnung auf, stoppt der Gegendruck der Dichtmasse das aufsteigende Öl. Geht es schief, läuft womöglich noch mehr Öl aus als vorher. Die große Unbekannte ist, ob der bereits beschädigte Abdichtkopf auf dem Meeresgrund den Versuch übersteht, ob der enorme Druck nicht Material platzen lässt, das bislang noch halbwegs intakt war. Seit Dienstag sind Unterseeroboter im Einsatz, um potenzielle Schwachstellen zu testen. Erst nach gründlicher Diagnose, sagt BP-Chef Tony Hayward am Mittwochmittag, wolle man entscheiden, wann die Schlammfontäne nach unten geschossen wird.

Wie stark der politische Druck auf BP lastet, lässt schon die zerknirschte Miene erkennen, mit der sich Hayward am Tag des großen Experiments in Houston in ein Fernsehstudio setzt. „Wir haben die Leute im Stich gelassen“, räumt er kleinlaut ein, nachdem er am Strand von Port Fourchon eine dicke braune Öllache inspiziert hatte. „Ich fühle mich furchtbar.“

Ein konkretes Zugeständnis musste der Brite inzwischen machen. Nach seinen ursprünglichen Plänen sollte der „Top Kill“ unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Hayward wollte die Unterseekamera, die filmt, wie das dunkle Öl-Gas-Gemisch aus dem größten Leck strömt, kurzerhand abschalten lassen. Das Weiße Haus legte ein Veto ein, nun bleibt es bei den Livebildern – auch wenn zwischenzeitlich dort zu lesen ist, das Recording sei gestoppt.

Dass dem US-Präsidenten angesichts des Taktierens und mehrfacher Verzögerungen langsam der Geduldsfaden reißt, illustriert sein Pressestab anhand eines einzigen Satzes. „Stopft endlich das verdammte Bohrloch!“, soll Barack Obama in kleiner Runde gerufen haben.

Jedenfalls hing die amerikanische Nation am Mittwoch genauso gespannt an den Bildschirmen wie bei den ersten Raketenstarts in Cape Canaveral. Schillerndes Personal trägt mit dazu bei, dass manche Medien den „Top Kill“ inszenieren wie eine Hollywood-Premiere. Da ist Pat Campbell, Fachmann fürs Bohrlochstopfen, einst angeleitet vom legendären Ölbrandbekämpfer Paul „Red“ Adair. Campbell versteht sich als legitimer Erbe des zupackenden Texaners, er hofft auf jähen Ruhm. In einem Interview ließ er nicht den kleinsten Zweifel an seinen Fähigkeiten aufkommen, freilich auf ziemlich skurrile Art. „Klar, wir bekommen das Loch dicht. Ich bin ja jetzt da. Ich berühre es, ich sage dem Loch, dass es tot ist. Das Loch weiß es nur noch nicht.“

Weniger optimistisch klingt BP-Vize Kent Wells. Offenbar ist es sein Job, schon mal vorzubauen für den Fall, dass es wieder nicht klappt und das klebrige Öl-Gas-Gemisch noch bis Juli oder sogar August in den Golf sprudelt. Die Erfolgschancen stünden fifty-fifty, verkündet Wells. Gewiss, man habe den „Top Kill“ bereits ausprobiert, zum Beispiel 1991, nachdem die Ölfelder Kuweits von der Armee Saddam Husseins verwüstet worden waren. Aber 1500 Meter tief im Wasser habe sich noch keiner an das Experiment gewagt.

Von unserem USA-Korrespondenten Frank Herrmann