Archivierter Artikel vom 06.12.2015, 14:01 Uhr
München

Professor: Biorhythmus ändern, ist Unsinn

Till Roenneberg ist Leiter der Chronobiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er fordert mehr Toleranz für die Biorhythmen des Einzelnen.

Prof. Till Roenneberg
Prof. Till Roenneberg

Steht unsere Gesellschaft zu früh auf?

Ja, das ist so. Unsere innere Uhr wird durch Licht und Dunkelheit gestellt, je mehr Licht wir tagsüber bekommen, umso früher sind unsere Uhren eingestellt. Für jemanden, der draußen arbeitet stehen wir nicht zu früh auf. Aber seit einer geraumen Zeit sind wir ja fast nur noch drinnen tätig und können nachts Licht machen. Das hat dazu geführt, dass die meisten Uhren nach hinten rutschen, ohne dass sich die Arbeitszeiten geändert haben. Deshalb müssen die Meisten zu früh aufstehen.

Was ist ein Chronobiologe?

Chronobiologie beschäftigt sich mit den Phänomenen der rhythmischen Zeit, also dem Rhythmus des Mondes, der Gezeiten, des Tages, und des Jahres und wie sich diese auf Organismen auswirken. Wir Menschen haben eine innere Uhr für den Tag, und wahrscheinlich auch für das Jahr, so dass unser Körper immer weiß, zu welchem Zeitpunkt im Zeitraum er gerade ist. Der innere Tagesrhythmus ist uns angeboren.

Kann man seinen biologischen Rhythmus ändern?

Nein, das versuchen zu wollen ist Unsinn. Da sich die innere Uhr aber durch Licht und Dunkelheit synchronisiert, kann man sie auch durch diese Signale neu synchronisieren, das muss man dann allerdings ständig machen.

Was passiert, wenn man ständig zu wenig schläft?

Die soziale Kompetenz ist das erste, was den Bach runter geht, wenn man unausgeschlafen ist. Wenn ich ständig gezwungen werde, anders zu leben als meine innere Uhr es vorgibt, nennen wir das sozialen Jetlag. Wenn die Leute in ihren eigenen Zeiten schlafen könnten, müssten wir viel weniger Geld für Krankheiten ausgeben. Ständiger Schlafmangel kann zu Problemen mit Zucker, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck führen. Sogar Übergewicht und Fettleibigkeit können gefördert werden, weil man mit falschem Schlafrhythmus auch zu falschen Zeiten isst und damit die inneren Enzyme und Reaktionen auch falsch eingestellt sind. Die Chance, dass ich übergewichtig, sogar fettleibig lebe, steigt mit jeder Stunde sozialen Jetlags um 33 Prozent.

Trotzdem bekommt man als Spätschläfer immer wieder blöde Bemerkungen, wenn man später zur Arbeit kommt ...

Was die Arbeitgeber und Kollegen begreifen müssen ist: Sie haben in ihrem eigenen biologischen Zeitfenster geschlafen und kommen somit besser vorbereitet auf die Arbeit. Sie signalisieren Ihrem Arbeitgeber: Ich widme dir nicht irgendeine Zeit, ich widme dir meine beste Zeit. Die meisten, die früher arbeiten gehen, obwohl sie noch gar nicht dazu bereit sind, setzen sich erst einmal hin und trinken mit den Kollegen Kaffee. Und das sind genau diejenigen, die anderen vorwerfen, sie seien faul. Langschläfer arbeiten ja nicht kürzer. Sie sollten den Leuten, die früher gehen, zurufen: Packst du schon wieder dein Arbeitszeug ein?

Was muss sich ändern?

Ich würde mir wünschen, dass unsere Gesellschaft tolerant wird gegenüber der Andersartigkeit der Biologie des Individuums. Wir brauchen flexible Arbeitszeiten, wir müssen uns unseren Biorhythmen anpassen. Dann würden wir sehen, dass die Gesellschaft nicht zusammenbricht, sondern viel gesünder und netter wird.

Die Fragen stellte Gisela Kirschstein