Archivierter Artikel vom 06.12.2015, 14:01 Uhr

Die schlaflose Gesellschaft – Forscher plädieren für späteren Arbeits- und Schulbeginn

Morgenstund' hat Gold im Mund„, “Der frühe Vogel fängt den Wurm„ – der Volksmund hat viele Sprichwörter, die das frühe Aufstehen preisen. “Schlafen ist in unserer Gesellschaft nicht hipp", sagt der Schlafforscher Hans-Günter Weeß, doch das sei eigentlich ein Riesenfehler: Schlafmangel macht krank, unproduktiv und gereizt.

„Wenn man früh aufsteht, ist oft auch der Wurm drin“, sagt Weeß. Deutschland steht zu früh auf, sagen Schlafforscher, die sich in Mainz zur Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) getroffen haben. „Schlafen ist eine ganz wichtige biologische Funktion“, betont Weeß, Chef des Interdisziplinären Schlafzentrums des Pfalzklinikums in Klingenmünster (Kreis Südliche Weinstraße).

Schlafen ist nötig zur Verarbeitung von Reizen und zum Auftanken des Immunsystems. Wer zu wenig schläft, und das dauerhaft, wird krank: Gereiztheit, Burn-out, Depressionen, Übergewicht und Diabetes drohen.

80 Prozent wollen später aufstehen

Trotzdem lebt ein Großteil unserer Gesellschaft gegen den eigenen Biorhythmus. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung würden gern später aufstehen, etwa zwischen 8 Uhr und 9.30 Uhr, sagt Weeß. Doch Schule und Arbeit beginnen in Deutschland in der Regel zwischen 7.30 Uhr und 8 Uhr. Das aber sei mit unserer inneren Uhr eigentlich gar nicht in Einklang zu bringen. „Wir haben sozialen Jetlag.“

Der Grund: Der Mensch hat einen Tag-Nacht-Rhythmus, der durch die genetische Disposition in den Zellen bestimmt wird. „Unser innere Uhr ist angeboren und die kann man nicht umerziehen“, betont Alfred Wiater, Chefarzt der Kinderklinik in Porz am Rhein und Präsident der DGSM. Jeder Mensch hat seinen persönlichen Biorhythmus, der gibt vor, wann wir schlafen wollen und ob wir Langschläfer oder Kurzschläfer sind.

Chronobiologen, die Erforscher der biologischen Zeituhr, unterscheiden zwischen Eulen und Lerchen: Lerchen sind wachen extrem früh auf und gehen oft schon um 21 Uhr ins Bett. Eulen hingegen stehen später auf und gehen erst nach Mitternacht ins Bett – sie leiden besonders unter frühen Arbeitszeiten. Nur 16 Prozent, jeder Sechste also, ist aber ein Frühaufsteher, die meisten Menschen sind Eulen. „Zu Beginn unseres Lebens bis zur Pubertät sind wir alle eher Lerchen“, erklärt Weeß. „Dann mutieren wir bis zum 25. Lebensjahr alle eher zur Eule.“

Der frühe Schulanfang um 7.45 Uhr sei deshalb vor allem für Jugendliche „mitten in der Nacht.“ Das führt zu Konzentrationsschwierigkeiten und schlechteren Leistungen – gerecht wäre, sagen die Forscher, die Schule mindestens eine Stunde später anfangen zu lassen und Klassenarbeiten nicht vor 10 Uhr zu schreiben.

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Denn die Eulen in der Gesellschaft bekommen ständig zu wenig Schlaf: Sieben Stunden, fordert die National Sleep Foundation in den USA, sollte jeder Mensch mindestens pro Nacht schlafen. Stattdessen gebe es einen wahren Wettstreit der Elite, wer weniger Schlaf benötige: Laut einer Allensbach-Studie schlafen 18 Prozent der Manager und 31 Prozent der Spitzenpolitiker weniger als fünf Stunden. Und 57 Prozent gaben an, schon mal müdigkeitsbedingte Zugeständnisse gemacht zu haben.

„Schläfrigkeit führt dazu, dass Sie risikofreudiger werden, ihre Entscheidungen weitaus positiver sehen, aber ihre ethisch-moralischen Grundsätze eher vernachlässigen“, sagt Weeß. Vor diesem Hintergrund seien gerade die Nachtsitzungen in der Politik kritisch zu sehen. Der Schlafmangel hat aber auch sonst dramatische Folgen: Rund eine Million Bundesbürger sind laut Forscher abhängig von Schlafmitteln.

Mehr Schlaf, bessere Arbeit

Müdigkeit führt demnach im Arbeitsleben zu geringerer Produktivität und zu mehr Unfällen. Die Folgen sind auch für die Wirtschaft enorm: Zwischen 0,7 Prozent und 1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes geben wir für die Folgen von Schlafstörungen aus, sagt Weeß.

Wer im Betrieb leistungsfähige Mitarbeiter will, die wenig Fehler machen, muss seine Arbeitszeiten später beginnen lassen, sagt Weeß: „Optimal wäre zwischen 9 Uhr und 11 Uhr, noch besser flexible Arbeitszeiten, die individuell angepasst werden können.“ Langschläfer nämlich, sagen die Forscher, sind leistungsfähiger, gesünder, produktiver, machen weniger Fehler und sind ausgeglichener. Trotzdem gilt, wer viel schläft, „als faul und wenig dynamisch“, weiß Weeß – zu Unrecht. „Unsere Gesellschaft tickt nicht richtig“, schreibt Weeß in seinem Ende Februar 2016 erscheinenden Buch „Die schlaflose Gesellschaft“. „Wir brauchen einen Bewusstseinswandel.“

Gisela Kirschstein