Archivierter Artikel vom 05.11.2010, 18:16 Uhr
Rheinland-Pfalz

Politologen zum Fall Bamberger: Beck muss schwere Entscheidung treffen

Der Justizskandal um Heinz Georg Bamberger (SPD) beschäftigt auch die rheinland-pfälzischen Politikwissenschaftler. Kernfrage: Wäre ein Rücktritt ein Befreiungsschlag für die SPD-Landesregierung oder würde sie ein solcher noch tiefer in Turbulenzen stoßen?

Rheinland-Pfalz. Der Justizskandal um Heinz Georg Bamberger (SPD) beschäftigt auch die rheinland-pfälzischen Politikwissenschaftler. Kernfrage: Wäre ein Rücktritt ein Befreiungsschlag für die SPD-Landesregierung oder würde sie ein solcher noch tiefer in Turbulenzen stoßen?

Der Politologe Ulrich Sarcinelli von der Universität Koblenz-Landau: „Selbst bei einem Rücktritt ist nicht sicher, dass ein solches Thema nicht weiter im Wahlkampf präsent ist.“

Sein Mainzer Kollege Gerd Mielke formuliert es so: „Wenn der Rücktritt eines Ministers als Bauernopfer empfunden wird, kann sich danach gleich die nächste Welle aufbauen. Und die gilt dann dem, der die Richtlinienkompetenz hat, dem Ministerpräsidenten.“

Bambergers politisches Ende wird von der Opposition gefordert, nachdem das Bundesverwaltungsgericht die umstrittene Ernennung von Ralf Bartz zum Präsidenten des Oberlandesgerichts Koblenz aufgehoben hat. Ein Befreiungsschlag wäre ein Rücktritt nach Ansicht Mielkes allerdings nur, „wenn sich ein Fehlverhalten nahezu ausschließlich an dem betroffenen Minister festmachen lässt“.

Weitere Faktoren für Amtsaufgabe: Fühlt Minister sich schuldig?

Weitere Faktoren für eine Amtsaufgabe: „Natürlich wird die politische Leistung gewichtet und die Schwere des Fehlers“, so Mielke. „Eine Rolle spielt auch, ob ein Minister sich für das ihm vorgeworfene Vergehen schuldig fühlt.“

Legt man diese Kriterien als Messlatte an, dürfte die Demission von Heinz Georg Bamberger aus SPD-Sicht noch nicht so schnell erfolgen. Nach allem, was aus SPD-Reihen nach außen dringt, genießt der Justizminister weiter starken Rückhalt in den eigenen Reihen. Die Sozialdemokraten scheinen einen Verteidigungsring um ihren Parteifreund geschlossen zu haben.

Ob es so bleibt, wenn sich die öffentliche Debatte noch verschärft? „Am Ende wird meistens ganz pragmatisch entschieden“, erklärt Mielke. Will heißen: Partei und Regierungschef kalkulieren den politischen Preis – und handeln dann danach.

Deutsche Politiker kleben eher an ihren Sesseln

Der Politologe Ulrich Sarcinelli hat beobachtet, dass in Deutschland Politiker ohnehin stärker an ihren Ämtern festhalten als in Ländern wie Großbritannien. Das ist nicht ungefährlich: „Verzögerte Rücktritte führen durch die dann hochkommende politische Debatte oft zu einer Verschlimmbesserung der Situation.“

Dienstherr hat an Autorität eingebüßt

Sarcinelli hält die Lage Bambergers nach dem Leipziger Urteil für heikel: „Dass ein Justizminister als oberster Dienstherr der rheinland-pfälzischen Richter und Staatsanwälte dadurch an Autorität einbüßt, das ist keine Frage.“ Der aktuelle Justizskandal hat für ihn mehr Gewicht als die Debatte um die überteuerte Sanierung des Schlosshotels in Bad Bergzabern. Sarcinelli: „Der geringere politische Schaden entsteht für eine Regierung möglicherweise durch eine schnelle Übernahme der Verantwortung, etwa einen freiwilligen Rücktritt des Ministers.“