Archivierter Artikel vom 15.06.2010, 07:21 Uhr
Rheinland-Pfalz

Nürburgring-Chef Lindner im RZ-Interview: „Region profitiert von uns“

Nach dem Debakel mit dem für 330 Millionen Euro ausgebauten „Nürburgring 2009“ tritt Jörg Lindner von der Düsseldorfer Hotelgruppe als Problemlöser an: Er will die weltberühmte Rennstrecke in der Eifel ganzjährig zum Touristenziel machen. Wir sprachen mit ihm über seine Pläne.

Vom Erfolg des neuen Nürburgrings ist der neue Chef Jörg Lindner überzeugt. Er handelte sich kein Kündigungsrecht beim Land aus.
Vom Erfolg des neuen Nürburgrings ist der neue Chef Jörg Lindner überzeugt. Er handelte sich kein Kündigungsrecht beim Land aus.
Foto: Vollrath

Eins ist im Gespräch mit Jörg Lindner, dem neuen Chef des Nürburgrings, ganz anders als früher. Nicht ein Mal fällt das Wort Mythos. Bisher hat die Lindner-Gruppe am Ring zwei Hotels samt Eifel- und Feriendorf vermarktet. Als neuer Chef der Betreibergesellschaft Nürburgring Automotive ist Jörg Lindner jetzt auch für die Rennstrecken und den Freizeitpark zuständig. Die Chancen sondiert er unaufgeregt.

Wie zufrieden starten Sie in die neue Ära am Nürburgring?

Sehr. Die Mitarbeiter sind sehr motiviert, und die ersten Veranstaltungen wurden erfolgreich durchgeführt. Unter unseren 33 Hotels der Lindner Unternehmensgruppe liegt das am Nürburgring bereits hinter Hamburg auf Platz zwei, was den Umsatz betrifft. Das schließt die Lindner-Betriebe inklusive Feriendorf in Drees mit ein.

Aber alteingesessene Gastronomen kritisieren, dass Sie mit den vom Land finanzierten Hotels Gäste abwerben. Was sagen Sie ?

Das Gegenteil ist richtig. Im ersten Quartal 2010 gab es im Kreis Ahrweiler sechs Prozent mehr Gäste und drei Prozent mehr Übernachtungen als im Vorjahreszeitraum. In der Gemeinde Nürburg sind im Vergleich Januar 2010 mit Januar 2009 die Übernachtungen von 1629 auf 3832 gestiegen. Davon entfallen 1482 auf das Lindner Congress Motorsport Hotel und das Hotel im Eifeldorf Grüne Hölle. Das heißt: Die Zahl der Übernachtungen hat in Nürburg generell zugenommen. Wer uns vorwirft, wir kannibalisieren den Markt, tut das faktenfrei. Ich bin überzeugt, die Region profitiert von uns.

Aber dem teuren Ringwerk und dem Boulevard fehlen die Besucher. Warum bringen Busunternehmen nicht mehr Tagestouristen?

Bei einer Veranstaltung mit 700 Vertretern von Busreisen war das Echo im Dezember groß. Aber sie brauchen natürlich einen Vorlauf für die Prospekte. Wir müssen natürlich alles daran setzen, dass Leute unter der Woche kommen. Es ist überhaupt kein Problem, von Mai bis Oktober den Ring vollzumachen und von Freitag bis Sonntag. An der Auslastung der übrigen Zeit arbeiten wir.

Mit welchen Ideen?

Wir entwickeln Angebote für das Firmenkundengeschäft – Arbeitstreffen, Kongresse, Veranstaltungen für Mitarbeiter. Die Anlage mit Hotels, mit Rennstrecke, Boulevard, Ringwerk und Arena ist einmalig dafür.

Sie kommen aus dem Hotel- und Immobiliengeschäft, müssen jetzt aber Rennstrecken vermarkten. Haben Sie da besonderes Know-how?

Gegenfrage: Braucht man für den Nürburgring Motorsportkompetenz? Nicht nur. Glauben Sie, dass Bernie Ecclestone als Boss des Formel-1-Geschäfts sich von einem Rennstrecken-Betreiber in sein Konzept reinreden lässt oder dass sich der ADAC vorschreiben lässt, ob die Autos beim 24-Stunden-Rennen links rum oder rechts rum fahren? Wir veranstalten keine eigenen Rennen. Wir müssen touristische Kompetenz und Kompetenz in der Umsetzung einer Motorsportveranstaltung beweisen. Und da haben wir Mitarbeiter mit langjähriger Erfahrung.

Aber verhandeln müssen Sie jetzt mit den Veranstaltern.

Dafür muss man ja nicht wissen, wie schnell ein Auto fährt. Ich brauche die Kompetenz in der „Ressource Rennstrecke“, damit der jeweilige Veranstalter bei mir zufrieden ist. Wenn Sie in meinem Hotel einen Tanzabend machen, muss ich ja auch nicht tanzen können, sondern ich muss Ihnen den Raum so herrichten, dass Sie tanzen können.

Aber Sie sind angetreten, die Rennstrecke besser zu vermarkten. Was ändert sich?

Das ist ein touristisches Thema. Touristik will Leute an einen bestimmten Ort bewegen, sie zu einem möglichst langen Verweilen einladen und animieren, wiederzukommen. Das gilt auch für den Nürburgring. Wenn wir es schaffen, die existierenden Veranstaltungen besser zu vermarkten und in der Nebensaison Formate zu entwickeln, die Leute hierhin bringen, dann wird das enorme Wirkung auf die Region haben.

Was ist konkret für 2010 zu erwarten?

Organisatorisch ist 2010 längst gelaufen. Der Kalender für 2011 steht zum Teil auch schon. Wir haben hier mit dem ADAC und weiteren Klubs die bisherigen Veranstaltungen bis Ende 2012 gesichert. Damit steht für die Hauptsaison das Gerüst mit 29 Veranstaltungen. Der wichtigste Punkt des neuen Vertrags: Ein Viertel der Streckenmieten fließt zurück in einen gemeinsamen Marketingtopf, um mit den Rennen neue Zielgruppen anzusprechen und mehr Zuschauer anzulocken. Das dient den Veranstaltern und der Region. Beim Eifelrennen waren im vergangenen Jahr 32 000 Zuschauer. Warum kann man mit solch einer tollen Veranstaltung nicht mehr Leute ansprechen?

Streitpunkt war das Karten-Bezahlsystem. Der ADAC will schließlich auch mitverdienen. Wie haben Sie sich geeinigt?

Im Vertrag steht, dass wir die Ringcard gemeinsam einsetzen und der ADAC keine Vorbehalte gegen die Ringcard hat. Man muss unterscheiden zwischen Bezahlsystem und Zutrittssystem: Auf den Flächen, die von der Nürburgring Automotive GmbH gemeinsam mit den regionalen Caterern bewirtschaftet werden, wird mit der Ringcard bezahlt. Die Veranstalter haben einen eigenen Bewirtschaftungsbereich mit eigenen Zugangssystemen. Da können sie machen, was sie wollen.

2011 soll die Formel 1 wieder anrollen. Wollen Sie das Rennen als Publikumsmagnet unbedingt? Wer verhandelt mit Ecclestone? Sie oder das Land, das für die Verluste in Millionenhöhe aufkommen muss?

Wir werden das übernehmen, wenn das Land das möchte. Ich halte die Formel 1 für sinnvoll. Sie trägt zum Image des Nürburgrings weltweit bei, ist wichtig für die Region. Man sollte sie nicht um jeden Preis wollen. Vermutlich ist ein geringeres Defizit möglich.

2009 gab es den Ring-Botschafter Boris Becker, der seinen Vertrag für das Honorar von 500 000 Euro noch nicht erfüllt hat. Werden Sie ihn noch einsetzen?

Ja. Mit Becker waren acht Auftritte vereinbart, davon stehen fünf noch aus.

Die Steuerzahler hoffen, dass Sie genügend Pacht erwirtschaften, damit die Besitz-GmbH die Kredite von 330 Millionen Euro abzahlen kann. Wie sieht das im ersten Geschäftsjahr aus? Sie rechnen mit 50 Millionen Euro Umsatz.

Wir sind hier in einer Anlaufphase. Kein Hotel ist vom ersten Tag an voll. Das gilt auch für so eine Freizeitstätte. Und es ist einfach nicht möglich, schon vom ersten Tag an die Miete zu zahlen, die das Land sich dann dauerhaft vorstellt.

15 bis 20 Millionen Euro ...

Für die ersten drei Jahre haben wir eine erfolgsabhängige Pacht vereinbart, bis wir im vierten Jahr zu der Summe kommen. Im ersten Jahr können wir ja auch kaum etwas ändern. Der Prozess wird Jahre dauern. Zum Beispiel wurde die „Superbike“ vor unserer Zeit um fünf Jahre verlängert. Die hatte zuletzt 12 500 Zuschauer, keinen Effekt in der Region, sorgte aber für riesige Verluste in der Gesellschaft. Da müssen wir jetzt sehen, was wir tun können, um die Zuschauerzahlen der „Superbike“ zu steigern und ähnlich gute Zahlen zu erzielen wie andere Rennstrecken.

Viele Insider wundern sich, dass Sie bei den Verhandlungen darauf bestanden haben, dass der Investor Kai Richter im Boot bleibt. Das Land musste ihn ja mit 85 Millionen Euro stützen und hat ihm jetzt seine Immobilien für einen Euro abgekauft. Können Sie es erklären?

Wir haben bisher partnerschaftlich gut und erfolgreich zusammengearbeitet und es gibt keinen einzigen Grund, warum wir dies nicht fortsetzen sollten.

Der gefeuerte und gescheiterte Herr des Rings, Walter Kafitz, präsentierte ständig geschönte Besucherzahlen. Das Land hat sie zurückgeschraubt. Mit welchen Zahlen kalkulieren Sie?

Wir glauben gar keinen Zahlen. Wir glauben nur an die Besucher, die jetzt tatsächlich kommen.

Und wie viele Besucher kamen 2009 tatsächlich?

Wenn man die größten und wichtigsten Veranstaltungen am Ring zusammennimmt, kommt man schon mal auf mehr als eine Million. Wir müssen da selbst auf Angaben der Veranstalter zurückgreifen, also 250 000 bei der Formel 1, beim 24-Stunden-Rennen 235 000, Rock am Ring 85 000 und so weiter – das gute Dutzend der größten Veranstaltungen, das sind 1 099 800 Zuschauer. Beim Ringwerk verbessern wir uns langsam. Das hatte 2009 50 000 Besucher, 2010 sind es bis Ende Mai 40 000.

War das für Sie eine Grundlage der Kalkulation? Kein Kaufmann macht einen Businessplan ohne Zahlen.

Uns ist nicht die Zahl der Zuschauer wichtig, sondern der Umsatz, den sie bringen. Die Zahl der Besucher ist für uns nur insofern relevant, dass sie steigt, wenn der Ringracer läuft. Jetzt beschäftigen wir uns erst mal damit, wie wir das Ringwerk und den Boulevard wirtschaftlicher machen können. Wir werden sicherlich die Öffnungszeiten variieren und damit Erfahrungen sammeln.

Sie werden auch die Angebote ändern müssen. Beim Ladensortiment ist dies Ihre Sache. Erwarten Sie auch vom Vermieter, der nahezu landeseigenen GmbH, noch zusätzliche Investitionen – zum Beispiel im Ringwerk?

Das wird man sehen.

Warum haben Sie sich auf einen Vertrag ohne Kündigungsrecht eingelassen?

Wir sind vom Erfolg eben überzeugt.

Die Fragen stellten Uli Adams, Claudia Renner und Ursula Samary