Archivierter Artikel vom 30.11.2018, 22:18 Uhr

Kritik um Kastration von Ferkeln: Warum es ein Dilemma ist

Babyschweinen die Hoden abschneiden, bei lebendigem Leib und ohne Betäubung: Das klingt nach finsterstem Mittelalter oder Überlebenskampf im Busch, nicht nach einer Praxis, die in Deutschland im Jahr 2018 gängig ist. Entsprechend laut ist der Aufschrei, seit sie sich als übliche Methode in der Schweinemast herumspricht. Wer über die EuroTier spaziert, die Leitmesse für Nutztierhaltung in Hannover, merkt vom Mittelalter nichts. Moderne Tierhaltung ist hypertechnisiert: Maschinen transportieren, melken, massieren Tiere und füttern sie nach individuell ermitteltem Bedarf. Samenbanken preisen reproduktionsfreudige Arten, Fleischansatz und andere Eigenschaften sind halterfreundlich optimiert. In der Halle für Schweine steht auch Günter Dick. Gleich neben dem Eingang wirbt der Vertriebler an einem Ministand für etwas, das es angeblich gar nicht gibt: eine praxistaugliche Alternative zur betäubungslosen Kastration von Ferkeln. „Anestacia“ heißt seine Lösung, ein Narkosegerät für Schweine.

Lesezeit: 3 Minuten
Technische Lösung für ein tierisches Problem: Auf der Messe EuroTier wird ein Gerät zum Narkotisieren von Schweinen vorgeführt. Es soll männliche Ferkel vorübergehend in sanften Schlaf versetzen, bevor sie kastriert werden. Foto: Nicole Mieding
Technische Lösung für ein tierisches Problem: Auf der Messe EuroTier wird ein Gerät zum Narkotisieren von Schweinen vorgeführt. Es soll männliche Ferkel vorübergehend in sanften Schlaf versetzen, bevor sie kastriert werden.
Foto: Nicole Mieding

Die Anwendung der niederländischen Erfindung sei für das Tier schmerzfrei und für den Menschen ungefährlich, behauptet Dick und zeigt, wie's geht – mithilfe von Plüschschweinen, die weder weglaufen, quieken oder sich gar wehren. Er legt die Ferkelattrappen rittlings auf den Apparat aus aseptischem Edelstahl, klemmt sie mittels eines klappbaren Bügels fest und stopft ihren Rüssel in eine Maske aus Silikon. Durch die strömt das Narkosemittel, erklärt er, zeitgleich wird der Anteil, den das Ferkel ausatmet, abgesaugt. Das soll verhindern, dass das Gas austritt, das beim Menschen Nierenschäden verursacht und in der Atmosphäre klimaschädlich wirkt. Nach knapp einer Minute ist das Ferkel betäubt und kann schmerzfrei kastriert werden. Drei Ferkel schafft ein Mann (oder eine Frau) in einem Rutsch, 90 pro Stunde. Der Schlaf hält nur kurz, die Tiere sind nach dem Eingriff schnell wieder fit, preist Dick die Methode. Sein niederländischer Auftraggeber könne die in Deutschland benötigte Stückzahl an Geräten locker produzieren. Subventioniert werden soll die Anschaffung künftig auch, man sei in engem Gespräch mit der Politik. Schlagendes Argument für eine Technik, deren Anschaffungspreis bei 9800 Euro liegt.

Um Geld geht es auch bei der Podiumsdiskussion, die sich um die Frage „Besser Impfen statt Kastrieren?“ dreht. Was die Gesandten von Landwirtschaft, Medizin, Wissenschaft, Handel, Tier- und Verbraucherschutz vorzubringen haben, zeigt, wie kompliziert die Sache ist. Für Prof. Lars Schrader, Leiter des Instituts für Tierschutz und Tierhaltung am Friedrich-Loeffler-Institut, ist die Sache klar: „Aus tierschutzrechtlicher Sicht ist die Impfung mit Improvac die beste Methode“, sagt er. Die Hormongabe sei praktikabel, kostengünstig und sogar von den meisten NGOs akzeptiert. NGOs, Nichtregierungsorganisationen, sind für Landwirte üblicherweise so etwas wie der Antichrist: Tierschützer, die Bauern öffentlich diskreditieren, ihren Ruf ruinieren. Auch Georg Freisfeld, Schweinehalter und Teilnehmer der Arbeitsgruppe Tierschutz im Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung, hält die „Immunokastration“ (siehe Text unten) für praktikabel. Allerdings kostet die rund 2 Euro pro Anwendung – „da wird's für konventionelle Bauern eng“, mahnt er.

Dass die seit Jahren rückläufige Schweinefleischproduktion komplett ins Ausland abwandert, wollen aber auch die Tierschützer nicht. Deshalb ruft Angela Dinter vom Verein ProVieh sämtliche Beteiligten der Produktionskette an einen Tisch. Sie wünscht sich „Fleisch von unversehrten Tieren“, Planungssicherheit für Landwirte, verantwortungsvolle Verbraucher und die Klärung offener Tierschutzfragen. Was zeigt, dass die Diskussion an diesem Tag keinesfalls ihr Ende finden wird. Janina Willers von der Verbraucherschutzzentrale steigt in die Rolle der Vermittlerin: „Jeder Betrieb sollte das Verfahren aussuchen dürfen, das zu ihm am besten passt“, findet sie und sieht ihre Aufgabe darin, Fehlinformationen bei den Kunden entgegenzuwirken: durch Aufklären. Von einem Label, das Fleisch von geimpften oder kastrierten Schweinen im Laden kennzeichnet, hält sie dennoch nichts. Weil sie weiß: So genau wollen es Fleischesser gar nicht wissen.

„Viel Unwissenheit, wenig erfahrung“ auf der Seite der Verbraucher, aber auch der Schweinebauern sieht Daniel Mörlein. An der Universität Göttingen arbeitet der Professor an der Geruchserkennung von Eberfleisch und attestiert der Debatte ein schweres Missverhältnis zwischen Fakten und Vorstellungen. Für ihn ist die Rolle des Handels essenziell. Nina Blankenhagen nimmt das Stichwort als Vertreterin der Rewe-Gruppe auf. Die lehnt Fleisch von betäubungslos kastrierten Schweinen ab – lange Zeit als Einzelkämpfer der Branche, wie sie sagt. Aus dem Publikum meldet sich ein Schweinebauer. Auch er will seinen Tieren Leid ersparen. Dafür muss er sich erst neue Mitstreiter suchen. Deutschlands größte Schlachterei lehnt das Fleisch seiner geimpften Schweine ab. Nicole Mieding

Welcher Weg führt aus dem Dilemma?

Berlin. Weil etwa 2 Prozent des Fleischs von männlichen Schweinen in der Pfanne einen leicht strengen Geruch – ähnlich wie Wild – entwickelt, sehen sich Schweinezüchter und -mäster zum Handeln gezwungen. Denn ein Schnitzel, das womöglich „böckselt“, wollen die Fleischkäufer nicht, so die Furcht.

Das Problem liegt in der Natur des Tiers: In der Pubertät entwickeln Eber einen spezifischen Geruch, der die Sauen lockt und ihnen so signalisiert, dass er geschlechtsreif ist.

Kastration ist deshalb die bislang gängige Methode in der Schweinemast. In der Regel wird das wenige Tage alte Ferkel noch beim Züchter eingefangen, fixiert, dann setzt der Sauenhalter einen Schnitt am Hodensack und entnimmt die Hoden. Das schließt aus, dass das Tier geschlechtsreif wird, betäubt wird es bei dem chirurgischen Eingriff in der Regel nicht.

Ganz ohne Messer funktioniert die sogenannte Immunokastration. Auch sie hat den Zweck, die Pubertät beim männlichen Tier zu verhindern. Dafür spritzt der Mäster dem männliche Schwein zwei- bis dreimal ein Mittel, das die Produktion des Geschlechtshormons Testosteron hemmt. Die Methode funktioniert per Injektion, ist für das Tier also vergleichsweise schmerzfrei. Ihr Problem ist, dass der Verbraucher beim Stichwort Hormon empfindlich reagiert. Das Fleisch von immunologisch kas-trierten Tieren gilt für den menschlichen Verzehr als unbedenklich und entfaltet im menschlichen Körper keine hormonellen Wirkungen.

Die Ebermast ist das Verfahren, das der Natur weitgehend ihren Lauf lässt: Männliche Schweine werden wie weibliche – wenn auch von ihnen getrennt – groß gezogen und bis zur Schlachtreife gebracht. Um „Stinker“ zu vermeiden, wird das Fleisch am Schlachtband sensorisch geprüft: Frauen, denen ein feinerer Geruchssinn zugeschrieben wird, erwärmen Proben mit einem Bunsenbrenner und riechen. Unter dem Aspekt des artgerechten Umgangs mit Nutztieren müsste man diese Methode also bevorzugen. Allerdings bewerten selbst Tierschützer den Markt für Eberfleisch derzeit als gesättigt. Im Handel hat sich Eberfleisch bislang nicht durchgesetzt, viele Schlachtereien und Großhändler lehnen Eberfleisch ab, weil es angeblich schwierig zu vermarkten ist.

Als sogenannter vierter Weg wurde bislang die lokale Betäubung diskutiert, bei dem den Ferkeln vor der chirurgischen Kastration ein Schmerzmittel verabreicht wird, anstatt es in Narkose zu versetzen. Diese Methode wurde aber verworfen, weil sie eine fachgerechte medizinische Anwendung verlangt und mehrere Injektionen in den Hoden nötig machen, die für das Tier schmerzhaft sind.

Anlass für alle Praktiken ist der Kunde, dem das Fleisch von Ebern angeblich nicht schmeckt. Verlässliche Untersuchungen dazu gibt es nicht. In Umfragen stößt die Ebermast bei Verbrauchern auf hohe Akzeptanz, weil sie hilft, Tierleid zu verhindern. In Blindverkostungen wird der Geschmack von Eberfleisch oft als „aromatischer“ wahrgenommen und positiv bewertet. nim

Kommentar: Die täglichen Ferkeleien und gängiger Gesetzesbruch

Welches Schweinderl hättens’ gern? Babyschweinen die Hoden abschneiden, bei lebendigem Leib und ohne Betäubung: Das klingt nach finsterstem Mittelalter oder Überlebenskampf im Busch, nicht nach einer Praxis, die in Deutschland im Jahr 2018 gängig ist.

Nicole Mieding zur Kastration von Ferkeln

Nicole Mieding.
Nicole Mieding.
Foto: Jens Weber

Auf dem langen Weg zu artgerechter Tierhaltung hat die Regierung eine Schonfrist bewilligt: den Schweinebauern, nicht den Ferkeln. Die dürfen weitere zwei Jahre ohne Betäubung kastriert werden – eine Methode, die die Gesellschaft nicht akzeptiert und die zudem gegen das Tierschutzgesetz verstößt. Ein schlechter Tag für Schweine, ein guter für Bauern und Verbraucher. Weil der Aufschub die Arbeit der Landwirte nicht weiter erschwert oder verteuert und den Fleischkäufern stabile Preise garantiert.

In einem sind sich alle einig: Ferkeln die Hoden abzuschneiden, ist eine schmerzhafte Prozedur. Schon 2008 hat sich der Deutsche Bauernverband zusammen mit den Verbänden der Fleischwirtschaft und des Einzelhandels in der „Düsseldorfer Erklärung“ verpflichtet, darauf schnellstmöglich zu verzichten. Fünf Jahre später zog der Gesetzgeber nach und beschloss ein Verbot ab 2019. Passiert ist: nichts. Nun wurde das Verbot in letzter Sekunde gekippt – sämtliche Lösungsversuche seien mit der heißen Nadel gestrickt. Aber ganz egal, welche Methode gewinnt – Narkose, hormonelle Impfung oder Betäubung durch den Tierarzt –, es stellt sich stets dieselbe Frage: wer den Mehraufwand am Ende bezahlt. Gut 2 Euro kostet zum Beispiel eine Impfung, bis zu drei sind nötig, das macht 6 Euro für jedes glücklichere Schwein – rund 20 Prozent der ohnehin knappen Marge, die zum Beispiel Schweinehalter Tobias Fuchs aus dem Kreis Mayen-Koblenz zum Leben bleiben. Für bessere Bedingungen im Stall zahlt der Handel 12 Cent Aufschlag als Bonus. Um alle Kosten aufzufangen, müsste ein ganzes Mastschwein um 70 bis 80 Euro teurer werden. Macht 2 Euro mehr pro Kilo Kotelett im Laden. Einverstanden, damit nicht das Schwein die Zeche zahlt?

E-Mail: nicole.mieding@rhein-zeitung.net

Tagesthema
Meistgelesene Artikel