Berlin

Das Rezept der Grünen: Echt und bürgerlich

Die Grünen haben nach den Wahlen in Baden-Württemberg ihren Konkurrenten SPD auch im Bundestrend abgehängt. Aktuell liegen sie bei 28 Prozent, während die SPD auf nur 23 Prozent Zustimmung kommt, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa ergeben hat. Das Erfolgsrezept der Grünen ist eine Mischung aus der aktuellen Energiedebatte, der Schwäche der anderen und geschicktem öffentlichen Agieren.

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Berlin. Die Grünen haben nach den Wahlen in Baden-Württemberg ihren Konkurrenten SPD auch im Bundestrend abgehängt. Aktuell liegen sie bei 28 Prozent, während die SPD auf nur 23 Prozent Zustimmung kommt, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa ergeben hat.

Das Erfolgsrezept der Grünen ist eine Mischung aus der aktuellen Energiedebatte, der Schwäche der anderen und geschicktem öffentlichen Agieren.

Ein Überblick:

1 Atompolitik

Als sich in den Tagen vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg die Reaktorkatastrophe in Fukushima ereignete, wussten die Strategen in der CDU-Parteizentrale, was die Stunde geschlagen hatte. Aus diesem Grund verabredete Kanzlerin Angela Merkel mit der Parteispitze in Bund und Land eine schnelle und konsequente Energiewende. Forsa-Chef Manfred Güllner bezweifelt, dass dies die richtige Taktik war: „Die Menschen sehen die abrupte Atomabkehr der Regierung als nicht glaubhaft an. Ich bin sicher, hätten Union und FDP nach Japan anders gehandelt, hätte Mappus die Wahl in Baden-Württemberg gewonnen.“ In jedem Fall kam die Atomkatastrophe den Grünen zugute. Die Ökopartei steht glaubwürdig wie keine andere Partei für einen Anti-Atom-Kurs.

2 Schwäche der anderen

Die Grünen, von denen kaum Streit nach außen dringt, profitieren vor allem von der desolaten Lage der anderen Parteien. Die CDU ist nach dem Abgang ihrer starken Ministerpräsidenten personell ausgedünnt, die Kanzlerin außen- und innenpolitisch angeschlagen. Die FDP ist mit sich selbst beschäftigt und liegt der Forsa-Umfrage zufolge bei nur noch 3 Prozent Zustimmung. Obwohl SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier Deutschlands beliebtester Politiker ist, kann seine Partei auch keinen Boden gutmachen.

3 Viele prominente Köpfe

Die Doppelspitze in Partei und Fraktion war für die Grünen oft Ballast. Vor allem in Regierungszeiten und in Zeiten, in denen man sich gern öffentlich gestritten hat. In der Opposition erweist es sich als Stärke, dass die Partei immer jemanden zur Verfügung hat, der eine Talkshow besetzen oder ein aktuelles Thema kommentieren kann.

4 Eroberung der Bürgerlichen

Die Hälfte der Deutschen bewertet es als positiv, dass mit Winfried Kretschmann künftig ein Grüner Baden-Württemberg regieren wird. Obwohl die Grünen sich zieren, eine Volkspartei zu sein und die Frage nach einem Kanzlerkandidaten beantworten, als habe man vorgeschlagen, sie sollten den Thron von England besteigen, sind sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Union und FDP sind nervös geworden, dass die Grünen nicht mehr nur der SPD die Wählerstimmen abknöpfen, sondern eben auch im bürgerlichen Lager fischen. Wie man damit umgehen sollte, ist in der Union umstritten. Während ein Teil der Christdemokraten auf Annäherung und schwarz-grüne Koalitionen setzt, gibt es in Teilen der CDU und vor allem in der CSU die Strategie, das Konservative und das Bürgerliche exklusiv für sich zu beanspruchen.

5 Wenig Verantwortung

Zurzeit stehen die Grünen nur in drei Ländern in Regierungsverantwortung: in NRW, in Bremen und im Saarland. In diesen drei Regierungen sind sie Juniorpartner und besetzen in der Regierung ihre Ressorts. Es gibt aber keine grünen Finanz- oder Innenminister, die qua Amt unpopuläre Entscheidungen treffen müssen. Diese komfortable Rolle hat den Grünen den Vorwurf eingetragen, sie seien eine Wohlfühlpartei. Das wird sich möglicherweise in Rheinland-Pfalz, sicherlich aber in Baden-Württemberg ändern. Dann werden die Wähler die Grünen noch einmal neu vermessen.

Von unserer Berliner Korrespondentin Eva Quadbeck