Archivierter Artikel vom 13.05.2010, 09:25 Uhr

Das Leben mit dem Vergessen

Wer an Alzheimer erkrankt, führt irgendwann ein Leben ohne Gestern. Im Alltag bedeutet das für Patienten und Angehörige eine große Herausforderung. Mit der Suche nach dem Hausschlüssel fing alles an. Den hatte seine Mutter oft tagelang verlegt, bis er ihn an den unmöglichsten Orten wiederfand. Hilfe brachte ein Nagel in der Wand neben der Wohnungstür, an dem von da an ein Ersatzschlüssel hing. Auch kleine Klebezettel erleichterten den Kampf gegen das Vergessen...

Das Leben mit dem Vergessen
Alzheimerpatienten verlieren die Orientierung, den Bezug zur Außenwelt und das Wissen über sich selbst. Im fortgeschrittenen Stadium der Demenzerkrankung müssen Angehörige oder Pflegende die Verantwortung für sie übernehmen.
Foto: dpa

Mit der Suche nach dem Hausschlüssel fing alles an. Den hatte seine Mutter oft tagelang verlegt, bis er ihn an den unmöglichsten Orten wiederfand. Hilfe brachte ein Nagel in der Wand neben der Wohnungstür, an dem von da an ein Ersatzschlüssel hing. Auch kleine Klebezettel erleichterten den Kampf gegen das Vergessen.

„Hundefutter besorgen“ am Kühlschrank, „Zahnarzttermin“ am Telefon, „Stiefel sind beim Schuhmacher“ an der Garderobe; irgendwann klebten die kleinen gelben Dinger überall. Es lief ganz gut, dachte er, bis er eines Tages nach Hause kam und seine Mutter angsterfüllt auf dem Fußboden fand. Stundenlang hatte sie da gehockt, sich nicht vom Fleck gerührt und in ein schwarzes Loch gestarrt. Tatsächlich war das imaginäre Nichts, in das sie zu fallen drohte, ein dunkler Läufer, der da seit Jahren lag. Urplötzlich war er für sie zum Hindernis geworden, unüberwindbar. An diesem Tag nahm er ihr den Schlüssel weg. Sie erinnerte sich nicht mehr daran, was man damit anfangen kann.

Alter ist ein Risikofaktor

Der Verlust logischen Denkvermögens, Wahnvorstellungen, Wutanfälle: Das sind die Symptome einer schweren Demenzerkrankung, die wie ein Damoklesschwert über unserer Gesellschaft schwebt: Alzheimer. Mit zunehmendem Alter wächst das Risiko, daran zu erkranken. Unter den 65-Jährigen ist heute jeder 20. Deutsche von Demenz betroffen, unter den 75-Jährigen bereits jeder 8. Von den Menschen, die 80 Jahre und älter sind, leidet jeder fünfte daran, dass er sich auf sein Gedächtnis nicht mehr verlassen kann. Er verliert nach und nach die Merk- und Orientierungsfähigkeit, Wörter verschwinden, irgendwann erschließt sich auch deren Bedeutung dem Betroffenen nicht mehr.

Zahl der Betroffenen wächst

Alzheimer macht einsam – dabei leben in Deutschland rund 800.000 Betroffene. Und es werden immer mehr, weil mit der Zahl der Alten auch die der Alzheimerpatienten wächst. Bei der neurodegenerativen Erkrankung, die der deutsche Arzt Alois Alzheimer 1901 zum ersten Mal beschrieb, zerstören Proteine die Nervenzellen im Gehirn, Eiweiße behindern die Kommunikation zwischen den Zellen.

Die Folge: Vergessen schleicht sich ein, behindert das Kurzzeitgedächtnis und legt allmählich auch die Erinnerung an die Vergangenheit lahm. Die Krankheit ist perfide, weil sie einem Menschen das raubt, was aus ihm eine Persönlichkeit macht: Freunde und Verwandte werden ihm fremd, er verliert das Interesse an der Welt, weil die zunehmend voller Missverständnisse und Unwägbarkeiten steckt.

Während Erinnerungs- und Denkvermögen schwinden, sind die Gefühle eines Alzheimerpatienten intakt. Die Erfahrung von Zuneigung, Geborgenheit und Akzeptanz ist für ihn besonders wichtig. Für Angehörige oder Pflegende bilden Gefühle oft die einzige Verbindung in eine Welt, in der der Bezug zur Gegenwart zunehmend verloren geht. Musik hilft, Gefühle anzusprechen und weckt bisweilen sogar die Erinnerung.

Von unserer Redakteurin Nicole Mieding