Archivierter Artikel vom 05.11.2015, 19:12 Uhr
London/Moskau

Airlines umfliegen den Sinai: Die Tragödie spielt Putin in die Hände

Die Angst vor weiteren Terroranschlägen wächst: Internationale Airlines haben als Reaktion auf Spekulationen über einen Anschlag auf das abgestürzte russische Passagierflugzeug Flüge nach Scharm el Scheich gestoppt. Großbritanniens Regierung erklärte, dass sie es für immer wahrscheinlicher hält, dass Terroristen für den Absturz des Airbus A321 der sibirischen Airline Kolavia verantwortlich sind.

Nach bisherigen Erkenntnissen zerbrach das Flugzeug noch in der Luft: Alle 224 Menschen an Bord des Airbus A321 kamen bei dem Unglück ums Leben. Ließen Terroristen während des Fluges eine Bombe detonieren?
Nach bisherigen Erkenntnissen zerbrach das Flugzeug noch in der Luft: Alle 224 Menschen an Bord des Airbus A321 kamen bei dem Unglück ums Leben. Ließen Terroristen während des Fluges eine Bombe detonieren?
Foto: dpa

Von unserem Korrespondenten Klaus-Helge Donath, dpa

Laut russischer und ägyptischer Behörden steht die Ursache des Unglücks mit 224 Toten jedoch noch nicht fest.

Am Flughafen in Scharm el Scheich drohen wegen der gestrichenen Flüge chaotische Verhältnisse: Mindestens 9000 Briten saßen am Donnerstag in der Urlaubsregion fest, wie der Verband Abta in London mitteilte. In diplomatischen Kreisen in Ägypten war sogar von 20 000 Briten die Rede. Auch 2000 Deutsche befinden sich nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) in der Region.

Deutsche Airlines streichen Flüge

Auch deutsche Airlines strichen Flüge nach Scharm el Scheich. Wie die Lufthansa mitteilte, betrifft der Flugstopp insgesamt zwei geplante Flüge der Gesellschaften Eurowings ab Köln/Bonn und Edelweiss ab Zürich nach Scharm el Scheich. Kairo wird aber weiter angeflogen.

Flugzeuge der Air Berlin und ihrer österreichischen Tochter Niki machen wegen des Flugzeugabsturzes auf dem Sinai ebenfalls einen Bogen um die ägyptische Halbinsel. Condor und TUIfly umfliegen die Halbinsel ebenfalls.

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Der britische Regierungschef David Cameron und Russlands Präsident Wladimir Putin berieten telefonisch über das Unglück. Cameron sagte: „Wir können nicht sicher sein, dass das russische Passagierflugzeug von einer terroristischen Bombe zum Absturz gebracht wurde, aber es sieht mit zunehmender Wahrscheinlichkeit aus, als sei das der Fall gewesen“.

Moskau dagegen sieht den Vorfall gelassen. Ägypten werde angeflogen, meinte Putins Pressesprecher Peskow. Wachsende Zweifel an der Version eines technischen Versagens hält die russische Luftfahrtbehörde nicht für einen ausreichenden Grund, zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Stattdessen kam aus dem Kreml wieder die Warnung vor voreiligen Schlüssen: Ergebnisse der Untersuchungskommission seien abzuwarten.

Die staatlichen Medien spielten bereits unmittelbar nach dem Absturz letzte Woche die Version eines Terroraktes herunter. Jedoch weniger aus Angst vor innenpolitischen Konsequenzen. Auch wenn der Nimbus der Unverletzbarkeit, den sich der Kreml zulegte, etwas gelitten hat. Die Öffentlichkeit nimmt das nicht wahr.

Kreml meidet die Terrorversion

Stattdessen vermutet der Leiter des Auswärtigen Ausschusses des Föderationsrates, Konstantin Kosatschow, hinter der westlichen Terrorvermutung ein „psychologisches Druckmoment“. Seiner Ansicht nach sei es kein Geheimnis, dass „geopolitischer Widerstand gegen Russlands Handeln in Syrien“ im Gang sei. Er sagte, dass es genügend Kräfte gibt – im Westen -, die, ohne Beweise in der Hand zu haben, am liebsten hinter der Katastrophe eine gezielte Reaktion der Gotteskrieger gegen Russland sehen möchten, so der Senator des Oberhauses der Duma. Der Kreml meidet die Terrorversion. Aus Rücksicht auf Ägypten, dessen Tourismusbranche leiden würde, sollte sich der Verdacht erhärten. Außerdem möchte Moskau Kairo für eine neue Achse gewinnen, um im Mittleren Osten mitzumischen.

Innenpolitisch spielt die Katastrophe dem Kreml in die Hände. Putin hatte die Intervention in Syrien mit der Bedrohung durch den IS begründet. Dieser vorher noch entfernte Terror erreicht Russland jetzt und rechtfertigt die syrische Prävention im Nachhinein.

Die Tragödie greift Putins Stellung nicht an. Die Mehrheit der Bürger folgt ihm blindlings. Die Tragödie als kollektives Leid stärkt eher die Bande zum Staatschef. In einer Gesellschaft, die unter einem eingebildeten Belagerungssyndrom leidet, lässt es sich auch als ein Moment gesellschaftlicher Mobilisierung einsetzen.