Archivierter Artikel vom 15.08.2013, 11:35 Uhr
Hannover

„Zigeunersoße“: Sinti und Roma wollen Namen ändern

Ein Verein von Sinti und Roma in Hannover hat die Hersteller von „Zigeunersoßen“ gebeten, diese wegen des diskriminierenden Begriffs umzubenennen.

Ein Verein von Sinti und Roma möchte, dass die "Zigeunersoße" umbenannt wird.
Ein Verein von Sinti und Roma möchte, dass die „Zigeunersoße“ umbenannt wird.
Foto: Sascha Ditscher

Die Hersteller verweisen auf die mehr als 100-jährige Tradition der Soßen und sehen in dem Namen keinen Rassismus. Dennoch wollen sie den Einwand nicht leichtfertig vom Tisch wischen. Unklar ist für sie allerdings, ob es sich um den Protest Einzelner oder eine breite Unzufriedenheit handelt. „Pikante Soße“ oder „Paprika-Soße“ schlägt die Anwältin des Vereins als Alternative vor.

„Ich hoffe, dass die Konzerne ein Einsehen haben und sagen, die Leute haben recht, und nennen ihre Produkte anders“, sagte der Vorsitzende des Forums für Sinti und Roma in Hannover, Regardo Rose. Er fühlt sich diskriminiert und beschimpft, wenn von Zigeunern die Rede ist. Seiner Meinung nach hat die Zigeunersoße keine kulinarischen Wurzeln in der Küche der Roma und Sinti, sondern eher in Ungarn.

„Ich denke nicht, dass die Hersteller sich dem Vorwurf aussetzen wollen, rassistisch oder diskriminierend zu sein“, sagte Anwältin Kerstin Rauls-Ndiaye, die den Vorstoß begleitet. Es handele sich um ein höfliches, außergerichtliches Schreiben. „Das Wort Zigeuner ist unumstritten diskriminierend, da macht es die Soße nicht besser“, meinte Kanzleikollege Dündar Kelloglu. Der Verband der Hersteller kulinarischer Lebensmittel erklärte, dass man nach einem ähnlichen Protest vor einem halben Jahr den Zentralrat der Sinti und Roma und weitere Organisationen um eine Einschätzung gebeten, aber keine Antwort erhalten hatte. „Für uns war es wichtig herauszufinden, ob das alle so sehen oder nur ein Einzelner“, sagte Verbandsgeschäftsführer Markus Weck.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma warnte vor einer dogmatischen Sprachregelung und rief zu einem kritischen, reflektierten Sprachgebrauch auf. Bei Begriffen wie Zigeunersoße oder Zigeunerschnitzel sei es unsinnig, den Begriff „Zigeuner“ durch die Eigenbezeichnung „Sinti und Roma“ zu ersetzen, und ziehe das eigentliche Anliegen der Sinti und Roma ins Lächerliche.

Interview mit einem Sprachwissenschaftler zur „Zigeunersoße“

Nach Ansicht des Trierer Sprachwissenschaftlers Martin Wengeler gehen die Deutschen vorsichtiger mit der Sprache um als noch vor 40 Jahren. Den Begriff „Zigeuner“ hält er für problematisch.

Professor Wengeler, ist Zigeunersoße wirklich politisch unkorrekt?

Man muss unterscheiden zwischen dem Begriff Zigeuner und Zusammensetzungen wie Zigeunersoße. Das Wort Zigeuner gibt es seit dem 15. Jahrhundert im deutschen Sprachraum. Spätestens im 19. Jahrhundert wird es in Wörterbüchern mit einer negativen Aufladung registriert. Während die Personenbezeichnung ganz klar negativ konnotiert ist, schwingen bei der Zigeunersoße vielleicht sogar eher positive Attribute mit, die man den Sinti und Roma zuordnet. Es ist ja ein kulinarischer Begriff. Aber jede Gruppe darf selbst entscheiden, durch welche Bezeichnungen sie sich diskriminiert fühlt und durch welche nicht. Deshalb finde ich die Bitte der Sinti und Roma auch völlig in Ordnung.

Verkomplizieren wir unsere Sprache nicht zunehmend?

Kann sein. Aber warum nicht? Die Diskussionen um „politisch korrekte“ Sprache kamen aus den USA und erreichten Deutschland in den 90er-Jahren. Es waren aber Bewegungen wie die Umwelt- und Frauenbewegung der 70er-Jahre, die dafür gesorgt haben, dass wir sensibler über unsere Sprache nachdenken. Dass wir dies tun, ist doch gut.

Wie lange dauert es, bis ein politisch unkorrektes Wort aus dem Sprachgebrauch verschwindet?

Schwer zu sagen – das hängt von vielen Faktoren ab. Ein Beispiel ist das Wort Neger. Vielleicht zehn Jahre nach den ersten Diskussionen um das Wort tauchte es in öffentlichen Texten, also auch in Zeitungen, nicht mehr auf. Und nach 30 Jahren war es im alltäglichen Sprachgebrauch im Prinzip verschwunden.

Das Gespräch führte Stefan Hantzschmann