Archivierter Artikel vom 15.08.2013, 11:46 Uhr

RZ-Kommentar: Jetzt geht es auch noch der Zigeunersoße an die Substanz

Da haben wir den Salat! Die Zigeunersoße, bislang argloser Begleiter von Pommes Frites oder Schnitzel, gerät in Verruf – wegen ihres Namens. Weil das Wort „Zigeuner“ darin vorkommt.

Birgit Pielen
Birgit Pielen

Birgit Pielen kommentiert

Einem Verein von Sinti und Roma in Hannover verdirbt es regelmäßig den Appetit, wenn dieses rassistisch belastete Wort „Zigeuner“ in Kombination mit „Soße“ bei Millionen Deutschen wohlige Gefühle von kulinarischem Genuss hervorruft. Doch bei allem Verständnis für den Wunsch, diskriminierende Begriffe möglichst aus der Alltagssprache zu verbannen: Dieser Vorstoß schießt über das Ziel hinaus. Er könnte sogar das Gegenteil von dem bewirken, was der Verein möchte. Ein wichtiges Anliegen wäre der Lächerlichkeit preisgegeben, wenn jetzt jeder über die Sinti-und-Roma-Soße unkt.

Selbst der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma wehrt ab. Erstens stammt die Soße gar nicht aus der Küche der Sinti und Roma, sondern eher aus Ungarn. Zweitens mahnt der Verband zwar einen kritischen Sprachgebrauch an, warnt aber zugleich vor einer dogmatischen Sprachregelung.

Apropos Dogmatismus: Seit den Vorlese-Ratschlägen von Familienministerin Kristina Schröder wissen wir, dass bei Pippi Langstrumpf kein Negerkönig, sondern ein Südsee-König das Taka-Tuka-Land regiert. Und dass nicht „der liebe Gott“, sondern „das liebe Gott“ im Himmel wohnt. Schon längst sind ganze Kinderbuch-Klassiker unter Protest umgeschrieben worden, um das Wort „Zigeuner“ oder „Neger“ zu ersetzen. Und seit den 70er-Jahren essen wir mit Rücksicht auf den afrikanischen Kontinent auch keinen Mohrenkopf mehr.

Das Nachdenken über Sprache und Sprachgebrauch ist so alt wie die Sprache selbst. Und es ist ohne Zweifel richtig, Begriffe auf den Prüfstand zu stellen, die andere Menschen herabwürdigen und diskriminieren könnten. Doch was, bitteschön, sollen denn die Hamburger oder Berliner sagen? Wie oft wandern sie als Fastfood oder Hefegebäck über die Theke, ohne dass ein Aufschrei in den gleichnamigen Städten ausbricht und Millionen Bürger um ihre Identität fürchten? Der Vergleich hinkt zwar, doch er macht deutlich, wie schnell man diese Debatte ins Absurde treiben kann.

Dürfen wir also noch guten Gewissens ein Zigeunerschnitzel bestellen? Ich finde ja. Und man kann es bei gutem Zigeunerswing genießen, ohne Sinti und Roma dabei zu diskriminieren.

E-Mail: birgit.pielen@rhein-zeitung.net