Archivierter Artikel vom 27.12.2012, 08:00 Uhr

Wohnen im Alter: Wie sich die Architektur anpassen muss

Dresden/Rheinland-Pfalz – Mit der demografischen Entwicklung einher geht die Tatsache, dass die Zahl der Alzheimerkranken zunimmt. Demenz zählt schon heute mit circa 80 000 Betroffenen in Rheinland-Pfalz zu den häufigsten Erkrankungen im Alter.

Deutschlandweit sind es 1,3 Millionen Menschen. Bis 2050 wird sich die Zahl verdoppeln. Die Architektin Gesine Marquardt erforscht unter anderem, wie Wohnraum für Demenzkranke idealerweise aussehen sollte. Marquardt leitet an der TU Dresden eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Gruppe zur „Architektur im demografischen Wandel“.

Klare Linien, viel Licht und kein Übermaß an Informationen: Wohnräume für Demenzkranke brauchen nach Ansicht der Architektin Gesine Marquardt eine deutliche Formensprache und Anreize zur Rückbesinnung für den Betroffenen. „Ein Mensch mit Demenz lebt ein Stück weit in seiner Vergangenheit. Gewohnte Dinge haben sich verfestigt, sie geben noch Struktur und Halt. Daran muss man auch in der Architektur anknüpfen“, sagt die 38-Jährige. Es ergebe keinen Sinn, die Wohnung umzugestalten und lieber noch ein WC mehr einzubauen.

Der Punkt bei Wohnraum für Demenzkranke sei: „Wie kann ich das Auffinden der Toilette oder eines anderes Raumes unterstützen?“ Als Beispiel nennt sie Handläufe, LED-Leuchten auf dem Fußboden oder eine nächtliche Beleuchtung des Bades. Schon mit einfachen Mitteln wie farblicher Gestaltung und Symbolen lässt sich laut Marquardt viel bewirken – abhängig vom Grad der Erkrankung. Bei leichten Fällen reicht schon eine Checkliste an der Wohnungstür aus. Bei anderen muss man wichtige Dinge für den persönlichen Alltag ins Blickfeld rücken – beispielsweise die Trinkflasche im Flur. Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Krankheit.

Viele Länder sind in der Architektur nicht auf den Wandel vorbereitet, lautet das Fazit der Forscher. „Auch Deutschland ist gebaut“, betonte die Leiterin und verweist auf den hohen Anteil an Altbausubstanz. Aber auch bei Neubauten wird ihrer Ansicht nach kaum an das Leben im Alter gedacht. „Da kommt das Gäste-WC mit Vorliebe ins Erdgeschoss und das eigene Bad in den ersten Stock.“ Junge Menschen blenden laut Marquardt oft aus, dass Altersbeschwerden eines Tages auch bei ihnen Einzug halten.

„Wir stehen vor der Aufgabe, den Bestand anzupassen und bei jedem Neubau an die Folgen für das Alter zu denken“, sagt die Architektin. „Barrierefreiheit bedeutet nicht nur, mit dem Rollstuhl überall hinzukommen. Das heißt auch, mit Orientierungssystemen die Kognition zu unterstützen.“ Ein finanzielles Problem sieht die Forscherin dabei nicht. Eine Studie aus der Schweiz habe ergeben, dass die Kosten für ein solches altersgerechtes Bauen nur um 2 bis 3 Prozent höher liegen. „Das steht in keinem Verhältnis zu den hohen Summen, die wir heute für energetisches Bauen in Deutschland ausgeben.“

Marquardt zufolge trifft das Problem in gleichem Maße für die Gestaltung von Krankenhäusern und Pflegeheimen zu. „Geradlinige Flure sind positiv für den Demenzkranken. Dinge, die außerhalb seines Gesichtskreises liegen, sind dagegen nur schwer nachvollziehbar. Ein solcher Patient kann sich nicht mehr vorstellen, zweimal um die Ecke zu müssen, um da oder dort zu landen.“ Die Dresdner Architektin geht davon aus, dass Betroffene bei einem bestimmten Grad der Erkrankung viel besser in einem Heim und damit in der Gemeinschaft aufgehoben sind. „Sie gehen gern dahin, wo andere sind. Das sieht man gut in den Pflegeheimen. Wo Demenzkranke sind, ist immer viel Leben.“