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    RZ-KOMMENTAR: Lassen wir ihn doch erst einmal Bundespräsident werden!

    Das Netz weiß (angeblich) alles. Aber was wissen seine Nutzer? Nur zwei Tage nach der Nominierung von Joachim Gauck zum Bundespräsidentenkandidaten zeigt die schnelle Verfügbarkeit von Informationen im Internet, wo die Grenzen zum Glaubhaften sind – und wie es ums Gnadenlose geht.

    Birgit Pielen
    Birgit Pielen

    Das Netz weiß (angeblich) alles. Aber was wissen seine Nutzer? Nur zwei Tage nach der Nominierung von Joachim Gauck zum Bundespräsidentenkandidaten zeigt die schnelle Verfügbarkeit von Informationen im Internet, wo die Grenzen zum Glaubhaften sind – und wie es ums Gnadenlose geht.

    Das, was Millionen von Menschen im Sekundentakt mitteilen, hat wenig bis nichts mit journalistischer Recherche zu tun. Und darin liegt die große Gefahr des Mediums: Hier suggerieren Nutzer eine Wahrhaftigkeit, die sie weder hinterfragen noch beurteilen oder einordnen. Und das bekommt im Fall von Joachim Gauck ganz schnell eine unangenehme Dimension. Er scheint innerhalb kürzester Zeit ein Opfer mangelnder Onlinekompetenz zu werden.

    So verbreitet die Internetgemeinde ein Partyfoto aus dem Jahr 2010, das Joachim Gauck mit den Wulff-Freunden Veronica Ferres und Carsten Maschmeyer zeigt. Was soll damit dokumentiert werden? Dass der neue wie der alte Bundespräsident eine gefährliche Nähe zu Geld und Glamour hat? Wer genauer hinschaut, wird bei diesem Foto allerdings schnell erkennen, wer sich da mit wem schmückt.

    Der auf 140 Zeichen beschränkte Kurznachrichtendienst Twitter hat ein systemimmanentes Problem: Verkürzte Nachrichten erfassen selten den Gehalt, der einem komplexen Thema gebührt. Da werden Zitate aus dem Zusammenhang gerissen, und schon glaubt das World Wide Web, Bescheid zu wissen. Ein Beispiel als Zitat: „#Gauck ist für #VDS. Findet die Überwachung der Linken gut, äußerte sich abfällig über #Occupy. Und lobte Sarrazin. Darum unwählbar!“ Nichts von dem stimmt so. Wo unreflektiert reduziert wird, ist es mit der Wahrheit schnell vorbei. Und als ob es damit noch nicht genug wäre, gibt es jenseits der sozialen Medien selbst ernannte Mahner, die Joachim Gauck auffordern, doch endlich den Bund der Ehe zu schließen.

    Weltfremder Wertekonservatismus auf der einen Seite und spekulatives Geplapper auf der anderen Seite – da erinnert man sich doch gern an den Satz, den Joachim Gauck als designierter Bundespräsident sprach: „Und ich kann Sie nur bitten, die ersten Fehler gütig zu verzeihen und von mir nicht zu erwarten, dass ich ein Supermann und ein fehlerloser Mensch bin. Aber – wie wir alle wissen – kann man ganz gute Dinge auch machen, wenn man nicht von Engeln umgeben ist, sondern von Menschen.“ Diese Gelassenheit wünscht man auch den Kritikern – zumindest bis Gauck gewählt ist.

    E-Mail: birgit.pielen @rhein-zeitung.net

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