Archivierter Artikel vom 20.12.2011, 18:13 Uhr

Kultur 2011: Ai Weiwei schweigt nicht

Mit seiner unbeugsamen Haltung ist der chinesische Künstler zum friedlichen Gesicht der Opposition und sozialen Gewissen seines Landes geworden. Das Regime schlägt immer wieder perfide zurück.

„Ich arbeite künstlerisch, wie ich atme – es geschieht immer“, sagt Ai Weiwei. Für den berühmtesten chinesischen Gegenwartskünstler gehört soziales und politisches Engagement dazu.

Ai Weiwei
Endlich frei: Als der Künstler Ai Weiwei im Juni aus der Untersuchungshaft entlassen wird, atmet die ganze Welt auf.
Foto: dpa
Kunst habe eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Reformprozess zu spielen, ist der Regimekritiker überzeugt. So ist der 54-Jährige zum „sozialen Gewissen“ Chinas geworden – und zum Staatsfeind, der nur durch seinen internationalen Ruhm und das große Ansehen seines 1996 gestorbenen Vaters, des berühmten chinesischen Dichters Ai Qing, geschützt wird.

„Es war das bisher schwierigste Jahr für mich“, zieht Ai Weiwei in Peking schwermütig Bilanz. Erst wurde sein Studio in Shanghai abgerissen, dann wurde er 81 Tage an einem geheimen Ort eingesperrt. Jetzt darf er Peking nicht verlassen, eigentlich auch keine Interviews geben. Und das Finanzamt fordert mehr als 15 Millionen Yuan, umgerechnet 1,7 Millionen Euro, von ihm – wegen angeblichen Steuerbetrugs. Alles, um ihn zum Schweigen zu bringen, wie Ai Weiwei sagt. „Es ist ziemlich dramatisch.“

Seine Probleme begannen vor drei Jahren, als er nach dem verheerenden Erdbeben im Mai 2008 in der Provinz Sichuan mit 87 000 Toten die Namen von mehr als 5000 getöteten Schulkindern auflistete. Er wollte auf den Pfusch am Bau in Schulen aufmerksam machen. Das habe die Behörden sehr verärgert, weiß Ai Weiwei. Auch mit seiner ständigen Kritik in seinem Blog oder im Kurznachrichtendienst Twitter zog er sich den Zorn der Mächtigen zu.

Als der Ruf nach Freiheit und Demokratie Anfang dieses Jahres die arabische Welt erfasste, fürchtete die chinesische Führung, dass der Funke mit „Jasmin-Protesten“ nach China überspringt. „Ich denke, das hat sie nervös gemacht. Deswegen gehen sie so vor“, erklärt sich Ai Weiwei, warum er zur Zielscheibe geworden ist. Er glaubt, den Kampf aufnehmen zu müssen. „Ich will meine Unschuld beweisen und das sagen, was ich will“, sagt Ai Weiwei. „Die Gesellschaft entwickelt sich definitiv weiter. Jedes Individuum ist gefordert. Meine Bemühungen mögen nur sehr gering sein. Aber ich hoffe, es hilft anderen.“

Der Künstler gibt sich bescheiden – doch sein Gewicht wird von der kommunistischen Führung, ausländischen Regierungen und der weltweiten Kunstszene offensichtlich weit größer eingeschätzt. Das Londoner Magazin „ArtReview“ erwählte Ai Weiwei im Oktober sogar zum einflussreichsten Menschen der internationalen Kunstwelt.

Die Verfolgung Ai Weiweis hat auch in China eine beispiellose Solidaritätsbewegung ausgelöst: Einige Zehntausend Chinesen geben ihm jetzt Geld, um seinen Strafbescheid vom Finanzamt zu bezahlen. Es sind die Anfänge einer Zivilgesellschaft in China. „Das ist kein Zufall“, sagt Ai Weiwei. „Das Wissen jüngerer Leute und die Wege, sich zu äußern, sind durch das Internet freier geworden.“ Und er gibt die Hoffnung nicht auf, in China bleiben zu können: „Ich will nicht ins Ausland gehen – solange ich nicht muss.“

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