Archivierter Artikel vom 25.07.2016, 12:51 Uhr

Der Traum des Löwen

Der Zoologische Garten am Rande der Stadt war ein kleines Paradies, fanden die Menschen. An den Sommertagen kamen sie zu Fuß oder, wenn sie von weiter her kamen, sogar mit Kutschen und Droschken.

Foto: Illustration: Carola Bergmann

Unter dem gewaltigen grünen Blätterdach der tropischen Bäume vergaß man rasch den Trubel der Großstadt. Schnell betäubte der Duft der exotischen Blüten die Sinne.

Der See mit den Wasservögeln verbreitete an heißen Tagen Kühle und Ruhe. Die ruhig grasenden Zebras boten ein Bild des Friedens. Der Pfau stolzierte vor dem Publikum hin und her und präsentierte sein prächtiges Gefieder, und die bunten Papageien krächzten voller Begeisterung von den Bäumen herab, was die Besucher ihnen beigebracht hatten. Die Affen kreischten und amüsierten sich über die Besucher, die sich leicht dressieren ließen und bereitwillig jedes Spielchen mitmachten.

Die Pinguine watschelten gemütlich am Beckenrand entlang und betrachteten neugierig Leute, die sich köstlich darüber amüsierten, wie gut die Vögel ihren Wärter dressiert hatten. Jeden Mittag um drei brachte er ihnen einen Eimer Fische, und die durfte er nicht einfach ins Wasser schmeißen. Nee, da waren die Pinguine ein wenig anspruchsvoller, sie hatten ihren Pfleger so weit erzogen, dass er ihnen ihr Futter aus einiger Entfernung direkt in den Schnabel warf. Ab und zu warf er zwar einen Fisch daneben, aber im Großen und Ganzen machte er seine Sache recht gut. Und weil er jeden Tag übte, klappte es immer besser.

Doch nicht alle schienen glücklich zu sein. Das dicke Walross glotzte gelangweilt vor sich hin, die riesigen Fische stießen ständig mit der Nase gegen das Glas. Die Tiger schritten stundenlang unruhig und nervös ihr Gehege ab.

Leon, der König der Löwen, starrte düster vor sich hin. Er hatte Sehnsucht. Sehnsucht nach dem geheimnisvollen, unbekannten Afrika, das er nie gesehen hatte. Heimweh nach dem geheimnisvollen Land, von dem seine Mutter ihm schon so viel erzählt hatte. Mit jedem Tag wurde seine Sehnsucht größer, und je größer seine Sehnsucht war, desto kleiner erschien ihm sein Gehege. Und heute erschien es ihm besonders klein und stickig. Seine Stimmung war äußert gereizt, und einige Male knurrte er gefährlich, wenn die Besucher sich neugierig über das Geländer beugten und ihn begafften. Er war froh, als es Abend wurde und die Besucher sich nach und nach auf den Heimweg machten.

Die Nacht war angenehm kühl. Der Vollmond leuchtete am Himmel. Das Gezeter der Affen war verebbt, nur ab und zu piepste ein Vogel leise im Traum. Das Geheul der Wölfe hatte noch nicht begonnen. Doch was war das? Eine leise, wundervolle Musik, die vom Seerosenteich zu kommen schien. Leon lauschte wie verzaubert und suchte mit den Augen die Dämmerung ab.

Plötzlich erstarrte sein Blick. Eine schwarze Gestalt mit leuchtend grünen Augen stand unbeweglich am Ufer. Sie spielte eine geheimnisvolle Melodie, und während sie spielte, starrte sie Leon unverwandt an. Erst jetzt bemerkte Leon einen Löffler, der ohne Angst neben der geheimnisvollen Gestalt stand und lauschte.

Schwarze längliche Schatten wanden sich im Rhythmus der Musik – Schlangen! Wie waren sie aus ihrem Terrarium gekommen? Und warum taten sie dem Vogel nichts? Auch die Affen waren wach. Sie hingen gebannt in den Bäumen, starrten das seltsame Schauspiel an und gaben keinen Laut von sich.

Ja, selbst der wilde Tiger schien mitten im Zähnefletschen erstarrt zu sein und lauschte nur noch der Zaubermelodie und fühlte sich magisch ans Ufer hingezogen. Es schien, als gäbe es auf der Welt nichts mehr als diese Melodie. Die dunkle Gestalt nickte ihm leise zu.

Da merkte Leon, dass die Gitterstäbe seines Geheges verschwunden waren. Lautlos, um die Musik nicht zu stören, setzte er Pfote vor Pfote und schlich hinüber zum See. Ehrfürchtig schaute er auf die schwarze Gestalt. Erst jetzt erkannte er, dass sie eine Frau war. Sie musste eine Zauberin sein, solche Töne kann kein Tier hervorbringen und erst recht kein Mensch.

Nach und nach kamen immer mehr Tiere, und alle versammelten sich schweigend um die nächtliche Flötenspielerin. Leon schloss die Augen, um mit der Musik allein zu sein. Lange, lange stand er da und lauschte. Fühlte die Klarheit des Himmels über sich, wie er sie noch nie verspürt hatte, atmete eine Frische ein, die er noch nie erschnuppert hatte, und schmeckte einen Hauch von dem, was er sich immer vorgestellt hatte, wenn seine Mutter ihm von Afrika erzählt hatte.

Lange, lange stand er so da, bis die Musik verebbte und die Morgenkühle sein Fell durchdrang. Da öffnete er vorsichtig die Augen. Doch was war das? Die Tiere, die Bäume, alles war verschwunden – der See war auf einmal weit weg. In der Ferne schimmerten die weißen Berge, so wie sie seine Mutter in ihren Erzählungen geschildert hatte. Auch der Himmel war von einem strahlenden Blau, wie er es nur von den Erzählungen seiner Mutter her kannte.

Erst dann hörte er die leisen Atemzüge zu seinen Füßen. Da lag sie und schlief, seine nächtliche Flötenspielerin. Noch im Schlaf umklammerte sie ihr Instrument. Die ganze Nacht hatte sie für ihn gespielt, nur für ihn. Ihre Musik hatte ihn weit in ein fernes Land getragen. Vorsichtig beschnupperte er die Schlafende. Wie vertrauensvoll sie da lag neben ihm, dem großen, gefährlichen Löwen.

Leise legte er sich neben sie, um sie mit seinem Körper zu wärmen und ihren Schlaf zu bewachen. Wieder hörte er ein Geräusch, ein Trommeln, ein aufgeregtes, rhythmisches, glückliches Trommeln. Er brauchte lange, bis er spürte, dass es sein Herz war, das ihm sagte: „Du bist in Afrika. Du bist zu Hause.“

Ursula Reppmann-Wörsdörfer hat die Geschichte (ab 7 Jahren) 
für Schulkinder geschrieben.