Archivierter Artikel vom 28.04.2012, 11:33 Uhr

Bär: „Das Betreuungsgeld ist eine sinnvolle familienpolitische Leistung“

Von Dorothee Bär

„Wenn sich Eltern zu Hause um ihre Kinder kümmern, dann ist das keine Erziehung zweiter Klasse – im Gegenteil. Die familiäre Betreuung ist mit der institutionellen mindestens gleichwertig.“
 
Dorothee Bär (CSU)
 
„Wenn sich Eltern zu Hause um ihre Kinder kümmern, dann ist das keine Erziehung zweiter Klasse – im Gegenteil. Die familiäre Betreuung ist mit der institutionellen mindestens gleichwertig.“ Dorothee Bär (CSU)

“Das Betreuungsgeld ist eine sinnvolle familienpolitische Leistung – und es wird ohne Wenn und Aber kommen. Die Gegner des Betreuungsgeldes verdrehen die Fakten und torpedieren aus ideologischen Gründen die finanzielle Unterstützung von Eltern, die ihr Kind nicht in eine staatlich geförderte Betreuungseinrichtung geben wollen.

Mit dem Betreuungsgeld stärken wir die Wahlfreiheit der Eltern: Jede Familie soll frei entscheiden können, wie sie ihre Kinder in den ersten Lebensjahren großzieht. Deshalb unterstützen wir Eltern, die sich eine berufliche Auszeit für die Kindererziehung nehmen wollen, mit dem Elterngeld. Deshalb investieren wir mit Milliardenbeträgen massiv in den Kitaausbau. Und deshalb ist es nur gerecht, dass wir auch Eltern, die ihre Kinderbetreuung in den ersten Jahren selbst organisieren, mit dem Betreuungsgeld unterstützen. Dafür muss niemand seinen Job aufgeben oder unterbrechen, deshalb ist der linke Kampfbegriff – das böse „H-Wort“ – nicht nur beleidigend und verletzend, sondern auch sachlich schlichtweg falsch.

Das Betreuungsgeld ist die notwendige Ergänzung des Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz. Es ist nicht Aufgabe des Staates, den Familien ein bestimmtes Erziehungsmodell vorzuschreiben, sondern der Staat muss alle Lebens- und Erziehungsmodelle gleichermaßen berücksichtigen. Zwei Drittel aller Eltern betreuen ihr Kind in den ersten Lebensjahren selbst, auch sie verdienen Anerkennung und Förderung durch Staat und Gesellschaft.

Wenn sich Eltern zu Hause um ihre Kinder kümmern, dann ist das keine Erziehung zweiter Klasse – im Gegenteil. Die familiäre Betreuung ist mit der institutionellen mindestens gleichwertig. Eltern können das, was in Betreuungseinrichtungen vermittelt wird, genauso gut leisten. Um bei der Kinderbetreuung alle Familienmodelle angemessen zu berücksichtigen, ist unsere Antwort sowohl der Ausbau einer leistungsfähigen Infrastruktur als auch die Förderung der privat organisierten Erziehungsleistung.

Die Realität ist doch: Eine Standardfamilie in Deutschland gibt es nicht, also sind auch die Rufe nach einer Standardbetreuung der Kinder Unsinn. Eltern haben ganz unterschiedliche, reale Bedürfnisse. Diese individuellen Lebenssituationen müssen wir unterstützen. Im klaren Gegensatz zu dieser christlich-konservativen Familienpolitik der Wahlfreiheit steht das ideologische Modell sozialistischer Prägung, das der Erziehungsleistung der Eltern misstraut und alle Kinder am besten in einer Betreuungseinrichtung aufgehoben sieht. Dieser Intoleranz unterschiedlichen Familienmodellen gegenüber und der Unterstellung, nur die Kita, nicht die Eltern wüssten, was für ihre Kinder gut sei, schließt sich die CSU nicht an.

Die Gegner des Betreuungsgeldes sagen, nur der Besuch einer Kinderkrippe fördere die Bildungschancen der Kinder. Das ist falsch: In der Wissenschaft ist unbestritten, dass Bindung der Bildung vorausgeht. Für die Ein- und Zweijährigen steht nicht so sehr das Bedürfnis nach Lerninhalten, sondern nach verlässlicher Bindung im Vordergrund. Sie brauchen gerade in der ersten Lebensphase feste Bezugspersonen und liebevolle Zuwendung, damit sie Beziehungen aufbauen und ihre Talente entfalten können.

Die erste Bindung eines Kindes ist die an seine Eltern. Kinderbetreuungseinrichtungen können wichtige Ergänzungen zum Bildungsort Familie sein. Es wäre grundfalsch, beide Erziehungsmodelle gegeneinander auszuspielen. Das gilt übrigens auch bei der finanziellen Förderung. Deshalb gehen die Mittel für das Betreuungsgeld auch nicht zulasten des Krippenausbaus.

Völlig absurd ist die pauschale Unterstellung, Familien mit kleinen Einkommen oder mit Migrationshintergrund würden das Betreuungsgeld für sich selbst statt für ihre Kinder verwenden. In den skandinavischen Ländern gibt es das Betreuungsgeld schon seit einigen Jahren, und dort hat sich dieser Vorwurf nicht bewahrheitet. Deshalb ist es eine unglaubliche Diskriminierung Hunderttausender Eltern, die sich liebevoll um ihre Kinder kümmern, ihnen zu unterstellen, sie würden das Betreuungsgeld zweckentfremden. Damit tragen die Gegner des Betreuungsgeldes Unfrieden in unser Land, weil sie einem Großteil der jungen Eltern die Fähigkeit zur eigenständigen Erziehung ihrer Kinder ohne Krippe absprechen.

Alle bei uns in Deutschland sind sich einig, dass die Familien mehr Unterstützung und mehr staatliche Hilfe benötigen. Deshalb ist es höchst verwunderlich, dass vor allem linke Kräfte in unserem Land einerseits mehr staatliche Hilfe für Familien einfordern, andererseits aber das Betreuungsgeld aus ideologischen Gründen ablehnen. Hier fordere ich mehr Redlichkeit. Die gerade von linken Parteien oftmals eingeforderte Toleranz gegenüber verschiedenen Lebensmodellen ist diesen Parteien in der Diskussion um das Betreuungsgeld völlig abhandengekommen. Das Betreuungsgeld ist Ausdruck einer modernen, freiheitlichen Familienpolitik. Die christlich-liberale Koalition hat das Betreuungsgeld mehrfach klar und eindeutig beschlossen. Zeitpunkt, Höhe und Ausgestaltung sind fix vereinbart, das muss jetzt auch endlich umgesetzt werden.