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Grosny

Mo Salah: Gruppenbild mit Diktator

Klaus Reimann

Die Welle der Empörung über das Gruppenbild mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan macht noch keine Anstalten abzuebben, da hat es doch tatsächlich wieder einer getan. Der ägyptische Fußball-Profi und designierte WM-Star Mohamed Salah hat sich in Grosny mit dem tschetschenischen Herrscher Ramsan Kadyrow ablichten lassen – Beifall klatschend für einen Mann, der es über die Grenzen seines mit harter Hand regierten Landes hinaus mit Sätzen wie „Schwule sind Teufel, nehmt sie alle mit“ zu zweifelhaftem Ruhm gebracht hat. Die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan sind nicht allein. Sie waren es nie und werden es nie sein.

Der autoritäre tschetschenische Republikchef Ramsan Kadyrow (links) winkt mit Ägyptens Stürmerstar Mohamed Salah den Fans zu.
Der autoritäre tschetschenische Republikchef Ramsan Kadyrow (links) winkt mit Ägyptens Stürmerstar Mohamed Salah den Fans zu.
Foto: dpa

Tschetschenien ist eine autonome Republik, gehört zur russischen Föderation – und steht seit vielen Jahren im Fokus von Menschenrechtsorganisationen. Das hat seinen Grund. Mord, Folter und Menschen, die plötzlich spurlos verschwinden, gehören zum Alltagsbild. Kadyrow ist der uneingeschränkte Machthaber in diesem – für Andersdenkende – Reich der Finsternis.

Kadyrow fuhr mit Salah im Auto zum Auftakttraining ins Stadion von Grosny, wie er hinterher im russischen sozialen Netzwerk „VKontakte“ berichtete. „Das Stadion brach in begeisterte Schreie aus, als der ägyptische und Liverpooler Stürmer Mohamed Salah und ich erschienen“, schrieb der Republikchef. Salah und die ägyptische Mannschaftsführung seien dankbar für den Empfang und die Gastfreundschaft in Tschetschenien.

Kadyrow beschloss seine Nachricht mit einem Angriff auf Länder, die Russland die Fußball-WM angeblich nicht gönnen. „Die Feinde Russlands haben viel Galle verspritzt, weil sie uns auf dem Weg zur Weltmeisterschaft ein Bein stellen wollten. Aber Präsident Wladimir Putin und seine Mannschaft haben bewiesen, dass es keine Aufgabe gibt, die für unsere große Heimat Russland zu schwer wäre.“

Stellt sich die Frage, warum die Fifa überhaupt zugestimmt hat, als die Ägypter Grosny zu ihrem WM-Quartier wählten. Für Jane Buchanan, stellvertretende Direktorin bei Human Rights Watch, ist das „schockierend und ungeheuerlich“.

Kadyrows Faible für Fußball und sein Geschick, ihn für seine Zwecke zu instrumentalisieren, sind nicht neu. In der Vergangenheit bestellte der Diktator schon öfter Fußball-Größen für Freundschaftsspiele in die Achmat-Arena ein.

Und alle kamen sie, von Lothar Matthäus bis Ronaldinho. Die Tatsache, dem Ruf eines brutalen Despoten gefolgt zu sein, wehrte Matthäus seinerzeit mit der Erklärung ab, lediglich nach Grosny gereist zu sein, um in der tschetschenischen Hauptstadt an einer Wohltätigkeitsveranstaltung teilzunehmen. Was wieder einmal zeigt, dass der Fußball immer dann am politischsten ist, wenn er versucht, unpolitisch zu sein.

Nicht immer aber ist der Aufschrei so groß wie bei Özil und Gündogan nach deren Erdogan-Stippvisite oder jetzt bei Salahs Foto mit Diktator. Als Julian Draxler im vergangenen Jahr als Kapitän der siegreichen deutschen Confed-Cup-Mannschaft Russland und die Organisatoren des WM-Testturniers in einem offenen Brief geradezu pathetisch über den grünen Klee lobte, blieb hierzulande alles ruhig. Für die einen war es eine begrüßenswerte Geste der Völkerverständigung, für andere eine von jeder (berechtigten?) Kritik am Veranstalterland befreite PR-Kampagne des DFB.

Sicher, ein solcher Brief ist nicht vergleichbar mit einer in ihrer Botschaft eindeutigen Trikotübergabe samt Widmung an den türkischen Präsidenten. Andererseits wohnt der einen wie der anderen Geste eine politische Aussagekraft inne.

Von unserem Redakteur Klaus Reimann

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