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    Buenos Aires/MontevideoSüdamerikareise als Bundesratspräsidentin: Malu Dreyers erste Schritte in die Weltpolitik

    Vorher Elend, nachher Elend, dazwischen ein paar Tage Hochgefühl. Gegensätzlich hätte Malu Dreyers Reise nach Argentinien und Uruguay gar nicht ausfallen können.

    Am Vortag ihrer Südamerikareise musste sie noch die Rücktrittsforderungen gegen ihren Innenminister abwehren, der nach einem verheerenden Rechnungshofbericht zur Verkaufspleite am Flughafen Hahn unter Druck geraten war. Und einen Tag nach ihrer Rückkehr begrub die krachend verlorene Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen erst einmal alle sozialdemokratischen Hoffnungen unter sich. Doch die Woche dazwischen erfuhr die Mainzer Ministerpräsidentin allen Respekt und alle Hochachtung, die einem Staatsgast gebührt. Als Bundesratspräsidentin tauchte sie für ein paar Tage in die Weltpolitik ein. Und fühlte sich sichtlich wohl.

    Der Höhepunkt in Dreyers neuer Rolle als vierthöchste Repräsentantin der Bundesrepublik: ein Besuch im argentinischen Präsidentenpalast bei Staatsoberhaupt und Regierungschef Mauricio Macri. Der frühere Unternehmer kann Unterstützung gut gebrauchen. Die wirtschaftliche Rosskur, die er seinem Land verordnet hat, kommt zwar bei westlichen Staaten und in der Unternehmerwelt gut an, geht den ganz normalen Argentiniern aber ordentlich ans Portemonnaie. Die Preise steigen. Parallel dazu wachsen die Proteste.

    Bäcker entfesselten Inferno

    Dreyer selbst marschierte, geschützt von einer Polizeieskorte, in Buenos Aires an 200 aufgebrachten Bäckern vorbei. Die Demonstranten entfachten mit Böllerschlägen, Zugposaunen, Trommeln und Trompeten ein regelrechtes Inferno. In der argentinischen Hauptstadt muss man ordentlich auf die Pauke hauen, um aufzufallen.

    Der von politischem Gegenwind umtoste Staatschef Macri erhielt von Dreyer natürlich nur moralischen Rückhalt. Doch auch diesen nahm der Argentinier gern, weil die Sozialdemokratin stellvertretend für die Wirtschaftsgroßmacht Deutschland an seine pompöse Präsidentenpforte klopfte. Die Bundesratspräsidentin war dementsprechend vom Auswärtigen Amt gebrieft, also mit den politischen Feinheiten des deutsch-argentinischen Verhältnisses vertraut gemacht worden. Zudem bereiteten der Stab des Bundesrats und die Fachleute in der Mainzer Staatskanzlei die Reise nach Argentinien und Uruguay vor. Denn Dreyer bildete quasi die Vorhut für Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die im Juni noch nach Buenos Aires fliegen will.

    Bei ihren politischen Begegnungen warb die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin für eine wirtschaftliche Öffnung. Europäische Union und die Mercosur-Länder Argentinien, Uruguay, Paraguay sowie Brasilien verhandeln ein Freihandelsabkommen, von dem man sich in Berlin wirtschaftliche Impulse erhofft. Da ist politischer Flankenschutz hilfreich.

    Bis Ende Oktober amtiert Dreyer als Bundesratspräsidentin, danach ist der Regierende Bürgermeister von Berlin am Zug. Jedes Jahr trägt einer der 16 bundesdeutschen Länderchefs diese Würde und gilt als oberster Repräsentant der Länderkammer. In dieser Zeit wird dem Bundesratspräsidenten neben vielen kleinen eine einzige große Auslandsreise samt Begleitdelegation zugestanden. Dafür darf er die Staatsmaschine benutzen, mit der sonst Kanzlerin, Bundespräsident und Außenminister unterwegs sind. Die jeweiligen Reiseziele werden mit der Bundesratsverwaltung besprochen. Für eine Woche reiste Dreyer mit dem Airbus A340-313 „Konrad Adenauer“ – samt luxuriösem Lounge-Bereich und Besprechungsraum.

    Ein solcher Staatsbesuch ist Balsam für jedes Ego: Die „Konrad Adenauer“ landete auf dem militärischen Teil des jeweiligen Flughafens. Keine lästige Pass- und Kofferkontrolle, das erledigten alles dienstbare Geister. Die Ratspräsidentin stieg nach einer kurzen Begrüßung sofort in eine bereitstehende Limousine. Der Rest der Delegation wurde in kleine Vans verteilt. Dann brauste die Kolonne los. Militärfahrzeuge, Polizeimotorräder, Begleitschutz aller Art: Durch Argentinien und Montevideo ging es mit hohem Tempo und Sirenengeheul. Rote Ampeln existierten quasi nicht. Beim Aussteigen sicherten Militärs mit Maschinenpistolen im Anschlag nach allen Seiten. Wer sich da nicht wichtig vorkommt, hat den Ignoranzpreis des Jahres gewonnen.

    Gesprächspartner auf allen Ebenen

    Die Mainzer Regierungschefin traf in Buenos Aires Präsidenten und Vizepräsidenten, Minister, Staatssekretäre und die jeweiligen Senatspräsidenten, also die obersten Repräsentanten der zweiten Parlamentskammer – Dreyers südamerikanische Pendants. Dabei erwies sich die Ministerpräsidentin als parkettsicher, auch wenn das Parkett nicht besonders glatt war, auf dem sie sich als Ratspräsidentin bewegte. Mehr als 30 bis 60 Minuten dauerte kaum ein Gespräch. Zieht man Höflichkeitsrituale ab, blieb wenig Raum. Doch Dreyer schaffte es, ihre Dialogpartner mit ihrer charmanten, zugewandten Art schnell für sich einzunehmen. Ein wertvolles Kapital. Das könnte sie auch auf anderen internationalen Missionen einsetzen.

    Besonders angetan hatte es Dreyer Marta Gabriela Michetti, Vizepräsidentin und Senatschefin in Argentinien. Eine vitale Frau, die mit ihrem unprätentiösen, lebensnahen Pragmatismus Sympathien sammelt. Seit einem Verkehrsunfall sitzt sie im Rollstuhl, was ihren Schaffensdrang kaum bremst. Das ist genau der Typ Politikerin, der Malu Dreyer gefällt.

    Das Programm Dreyers war eng getaktet. Konsultationen, Besuche bei deutschen Firmen, bei Stiftungen, deutschen Schulen, einer Universität. Dann die obligatorischen Botschafterempfänge und Tangovorführungen. Dreyer parlierte, herzte, scherzte, als gäbe es keinen Jetlag. Und immer war Ehemann Klaus Jensen an ihrer Seite.

    Im Maria-Luisen-Kinderheim in Buenos Aires fragte ein neugieriges Mädchen, ob Malu Dreyer Millionärin sei. All der Aufwand, der um diese besondere Besucherin betrieben wurde, legte diesen Schluss offenbar nahe. Und die ungefähr Zehnjährige wollte wissen, ob Dreyer einen gepanzerten Wagen besitzt. In der Welt dieses Waisenkinds können sich bedeutsame Menschen Sicherheit und Reichtum leisten. Davon träumen in Argentinien viele.

    Von einer Reise nach Argentinien und Uruguay berichtet unser Redakteur Dietmar Brück

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