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Mainz

Pflegekräfte kämpfen für mehr Geld und ihren Ruf

Christian Kunst

So fröhlich und ausgelassen hat man einen Saal mit Hunderten Pflegekräften wohl selten erlebt: Eine Minute lang applaudierte das Publikum in der Mainzer Rheingoldhalle beim Pflegetag dem arg geschundenen Berufsstand. Die 60 Sekunden sind Teil einer Aktion der früheren Altenpflegerin Sandra Mantz aus dem bayerischen Großwallstadt. Sie reist durchs Land, um 1440 Minuten – also 24 Stunden – Applaus, Dank und Wertschätzung für Pflegekräfte und Gepflegte auf Videos zu sammeln, die irgendwann bei Gesundheitspolitikern ein Zeichen setzen sollen.

Sandra Postel, Vizepräsidentin der Pflegekammer Rheinland-Pfalz
Sandra Postel, Vizepräsidentin der Pflegekammer Rheinland-Pfalz
Foto: Pflegekammer RLP

Ein Ausrufezeichen setzte auch die deutschlandweit erste Pflegekammer. Ihr Präsident Markus Mai forderte unter dem Beifall des Publikums ein Bruttogehalt für alle Pflegefachkräfte von mehr als 4000 Euro. Derzeit liegen die Gehälter deutlich niedriger, oftmals unter 3000 Euro. Die von der Bundesregierung in einem Sofortprogramm geplanten zusätzlichen 8000 Stellen in der stationären Altenpflege „wären vielleicht eine Lösung nur für Rheinland-Pfalz“. Studien hätten gezeigt, dass allein in diesem Bereich bundesweit 25.000 zusätzliche Stellen nötig wären. „Statt teurer Imagekampagnen, wie sie der Koalitionsvertrag vorsieht, ist es nachhaltiger, gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Gute Bedingungen sind die beste Imagepflege für unseren Beruf.“ Außerdem müsse die Politik das Gewinnstreben von Pflegefirmen zulasten des Personals begrenzen: „Ein Shareholder-Value, bei dem Unternehmen Hunderte Millionen Euro aus dem Sozialsystem abziehen, ist nicht sozial und nicht fair.“ Mai regte eine Bundesratsinitiative an, mit dem Ziel, das Thema Pflege legislaturübergreifend anzugehen. „Wir fordern ein Jahrzehnt der Pflege.“

Und die Pflegekammer will mitreden: Mai forderte, dass die Pflege einen eigenen Sitz mit Stimmrecht im wichtigsten Gremium der Gesundheitspolitik, dem Gemeinsamen Bundesausschuss, bekommt. Ein wichtiger Schritt sei die Schaffung einer Bundespflegekammer, die auf den Weg gebracht werden könne, wenn im August nach Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein eine Kammer auch in Niedersachsen entsteht.

Klar wurde aber auch, dass die Kritik an der Pflegekammer und der Pflichtmitgliedschaft noch nicht verstummt ist. „Viele Kollegen sind unzufrieden mit der Kammer“, sagte die Kinderkrankenschwester Heide Märker aus Simmern. „Sie sehen noch nicht den Sinn darin und dass sie etwas erreichen kann.“ Mittlerweile wurden Ordnungsgelder wegen nicht gezahlter Beiträge im mittleren dreistelligen Bereich verhängt. Und noch immer gibt es laut Kammer drei schwebende Gerichtsverfahren.

Von unserem Redakteur Christian Kunst

Pflegekräfte erleben oft Gewalt

Rheinland-Pfalz. Pflegekräfte, die Opfer von Übergriffen durch Patienten werden, erfahren im Anschluss oft keine Unterstützung durch ihre Arbeitgeber. Gewalt in der Pflege sei ein „bekanntes und verbreitetes Phänomen“, sagte der Kölner Pflegewissenschaftler Daniel Tucman beim „Pflegetag Rheinland-Pfalz“ in Mainz. In der Hälfte aller Kliniken und Pflegeeinrichtungen fehlen jedoch Ansprechpartner, an die sich Gewaltopfer wenden können, berichtete er aus einer Studie des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung.

Intensive Unterstützung für die Betroffenen gibt es noch seltener: „In zehn Fällen, in denen eine Pflegekraft angegriffen wird, hat einmal jemand Interesse, dass das aufgearbeitet wird.“ Die rheinland-pfälzische Landespflegekammer hat Gewalt von und gegen Pflegekräfte als Schwerpunktthema des Kongresses ausgewählt. Rund 1400 Pflegekräfte, Behördenvertreter und Politiker kamen dazu in die Mainzer Rheingoldhalle. Der Pflegeforscher Tucman stellte eine Untersuchung vor, bei der sein Institut die Erfahrungen von rund 400 Pflegekräften ausgewertet hat. Rund 14 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, häufig selbst Opfer von Übergriffen zu werden. 12 Prozent erklärten außerdem, in ihren Einrichtungen kommt es „sehr häufig oder eher häufig“ zu Gewalt gegen Patienten. Nur jede dritte Pflegefachkraft gab an, dass das Thema Gewalt in der Pflege während der eigenen Ausbildung Thema gewesen ist.

Der Frankfurter Medizinrechts-Professor Thomas Schlegel erklärte, dass es einen Zusammenhang zwischen Überlastung und schlechter Personalausstattung und Fällen von Gewalt in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen gibt. Die Betreiber müssen ihrer Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitern besser nachkommen, forderte Schlegel.

Rheinland-Pfalz
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