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Rheinland-Pfalz

Malu Dreyer: Starke Frau wird Landesmutter

Das Land wird künftig von einer Triererin regiert: Arbeits-, Gesundheits- und Sozialministerin Malu Dreyer (51) wird die nächste Ministerpräsidentin. Eigentlich heißt die gelernte Juristin Marie-Luise, aber niemand kennt sie unter diesem Namen. Der fällt nur alle fünf Jahre nach gewonnenen Landtagswahlen, scherzte Ministerpräsident Kurt Beck einmal. Die Frau, die als seine Nachfolgerin zur ersten Regierungschefin in Rheinland-Pfalz aufsteigt, wird von aller Welt Malu genannt. Eine freundliche Koseform, die zu ihrem Wesen passt.

Über Malu Dreyer (SPD) verliert keiner ein schlechtes Wort. Damit bringt die künftige Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz die CDU in Bedrängnis.
Über Malu Dreyer (SPD) verliert keiner ein schlechtes Wort. Damit bringt die künftige Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz die CDU in Bedrängnis.
Foto: dp

Rheinland-Pfalz. Das Land wird künftig von einer Triererin regiert: Arbeits-, Gesundheits- und Sozialministerin Malu Dreyer (51) wird die nächste Ministerpräsidentin. Eigentlich heißt sie Marie-Luise, aber niemand kennt sie unter diesem Namen. Der fällt nur alle fünf Jahre nach gewonnenen Landtagswahlen, scherzte Ministerpräsident Kurt Beck einmal. Die Frau, die als seine Nachfolgerin zur ersten Regierungschefin in Rheinland-Pfalz aufsteigt, wird von aller Welt Malu genannt. Eine freundliche Koseform, die zu ihrem Wesen passt.

Malu Dreyer ist charmant, fröhlich und herzlich. Sie verfügt über die seltene Gabe, mit ihrem ansteckenden Lachen und ihrer authentischen Art Menschen zu gewinnen. Erst jüngst schwärmte eine Seniorin, als Dreyer sie im Rahmen einer Pressereise zu Hause in Trier besuchte: „Das ist eine ganz Liebe.“

Ein Leben mit MS: Dreyer will mit ihrer Krankheit offen umgehen

Die designierte Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz will mit ihrer Krankheit Multiple Sklerose offen umgehen. Sie wolle deutlich machen, «dass in dieser Gesellschaft heutzutage vieles möglich ist und dass eine Einschränkung dieser Art kein Hindernis mehr ist, bestimmte Ämter auszuführen», sagte Dreyer der «Rheinpfalz am Sonntag».

Erst seit sechs Jahren weiß man, dass die gebürtige Pfälzerin, sie stammt aus Neustadt an der Weinstraße, auch eine starke Frau sein muss. Damals machte sie ihre Krankheit öffentlich. Doch Dreyer leidet schon seit 18 Jahren an Multipler Sklerose (MS), einer chronisch entzündlichen Erkrankung des Zentralen Nervensystems.

Gelernte Juristin leistet ein immenses Arbeitspensum

Trotz dieses Handicaps merkt man Dreyer kaum etwas davon an, weil sie sich nichts anmerken lässt. Die disziplinierte Politikerin leistet ein immenses Arbeitspensum.

Das war schon so, als sie ihre Karriere als Bürgermeisterin von Bad Kreuznach, damals noch parteilos, 1995 startete. Schnell fiel ihr Talent auf, und zwei Jahre später wurde die Juristin zur allseits respektierten Sozialdezernentin der Stadt Mainz. Ihre Fachkompetenz galt als enorm.

Kurt Beck holte Malu Dreyer, zu der er seit jeher ein inniges Verhältnis pflegt, 2002 als Arbeits-, Gesundheits- und Sozialministerin ins Kabinett. In diesen Ressorts trägt sie noch immer Verantwortung. Mittlerweile ist sie die dienstälteste Gesundheitsministerin in Deutschland.

Versierte Sozialpolitikerin genießt über Parteigrenzen hinweg Anerkennung und Respekt

Als versierte Expertin auf ihren Gebieten genießt die 51-Jährige über Parteigrenzen hinweg Anerkennung und Respekt, obwohl sie eine ausgewiesene Sozialdemokratin ist und stets die Fahne der sozialen Gerechtigkeit schwingt. Sie nimmt als Koordinatorin der SPD-geführten Länder wichtige Funktionen in Berlin wahr. Malu Dreyer kommt mit der FDP zurecht, sie kann gut mit den Grünen, und selbst die oppositionelle CDU findet selten kritische Worte über sie. Wenn, dann fällt Kritik verhalten aus.

Dreyer lebt ihre politischen Ziele – ganz konkret im Alltag und Zuhause

Malu Dreyer kämpft nicht nur für ihre politischen Ziele, sie lebt sie auch. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Trierer Oberbürgermeister Klaus Jensen, wohnt sie in Trier im Schammatdorf. Dort wohnen Familien mit Kindern, Menschen mit und ohne Behinderungen, Senioren, Studenten und Alleinerziehende in guter Nachbarschaft zusammen und helfen sich gegenseitig im Alltag, wenn es Probleme gibt.

Als eine der wichtigsten Stützen des Kabinetts hat Dreyer längst bewiesen, dass sie Wahlen gewinnen kann. Sowohl 2006 als auch 2011 hat sie jeweils bei der Landtagswahl den Wahlkreis Trier direkt für die SPD geholt.

Ihre Freundlichkeit und Warmherzigkeit sind indes nur die eine Seite von Malu Dreyer. Sie kann auch anders. Als es darum ging, die politischen Verhältnisse innerhalb der Trierer SPD neu zu ordnen, deren Vorsitzende sie seit 2005 ist, zeigte sie Entschlossenheit und Härte.

Als Sozialministerin von Fiasko am Ring und Problemen am Hahn nie betroffen

Als neue Ministerpräsidentin hätte Dreyer einen entscheidenden Vorteil gegenüber potenziellen Mitbewerbern um das höchste Amt im Land: Während die rheinland-pfälzische Politik zuletzt tagtäglich wegen des finanziellen Fiaskos auf dem Nürburgring und des wirtschaftlich angeschlagenen Hunsrück-Regionalflughafens Frankfurt-Hahn negative Schlagzeilen produzierte, war das Mainzer Sozialministerium von den Affären nie betroffen, stattdessen hatten sozialpolitische Entscheidungen aus Mainz während Dreyers zehnjähriger Amtszeit oft Leuchtturmcharakter für andere Bundesländer.

Soziale Leuchtturmprojekte gingen auf Dreyers Konto

  • So hatte Rheinland-Pfalz bereits Jahre vor dem bundesweiten Ausbau der Pflegestützpunkte ein landesweites Netzwerk von Beratungsstellen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen aufgebaut.
  • Als erstes Bundesland verabschiedete Rheinland-Pfalz ein Kinderschutzgesetz.
  • Als erstes Bundesland wurde hier die Idee propagiert, dass behinderte Menschen mit Hilfe eines "persönlichen Budgets" möglichst viele Entscheidungen über ihr Leben selbst fällen sollten.
  • Ein später vom Dreyer-Ministerium eingeführtes "Budget für Arbeit" ermöglicht behinderten Menschen, in ganz normalen Firmen statt in einer Behindertenwerkstatt angestellt zu werden und gilt ebenfalls als deutschlandweit vorbildlich.

Einmal ernsthaft in Bedrängnis: Gewalttat an Erzieherin in Modellprojekt

Ernsthaft in Bedrängnis geriet die Ministerin in ihrer langen Amtszeit nur einmal, als 2003 in der pfälzischen Kleinstadt Rodalben eine junge Erzieherin in einem geschlossenen Heim für gewalttätige Jugendliche von drei Bewohnern getötet wurde. Ein Untersuchungsausschuss des Landtags wurde eingesetzt, weil die Täter Teilnehmer des vom Land initiierten Modellprojekts "Heimerziehung statt Untersuchungshaft" waren. Aus den Reihen der Opposition wurde Dreyer Blauäugigkeit bei der Planung des Projekts vorgeworfen und ihr Rücktritt gefordert.

Lange keine heiße Kandidatin für Beck-Nachfolge

Die Sozialministerin galt in Mainz lange Zeit nicht als heiße Kandidatin für die Nachfolge von Kurt Beck, dessen vorzeitiger Rücktritt bereits seit Monaten erwartet wurde. Weil sie an Multipler Sklerose erkrankt ist, trauten manche in der SPD ihr das Amt wohl auch lange nicht zu. Im Landtag hat Dreyer den Sitzplatz mit dem kürzesten Weg zum Rednerpult. Bei auswärtigen Terminen lässt sie sich von Mitarbeitern unter den Arm nehmen oder im Rollstuhl schieben. Als Ministerin ließ sie aber auch keine Gelegenheit aus, um zu belegen, dass sie dem stressigen Vollzeitjob als Politikerin gewachsen ist.

Davon konnten sich die Mainzer Journalisten erst vor einigen Wochen bei einer Pressereise mit der Ministerin überzeugen, bei der Dreyer alternative Wohnangebote für ältere Menschen zeigen wollte. Nach einer fünfzehnstündigen Busfahrt machten die meisten Berichterstatter schon einen deutlich erschöpften Eindruck, als die gut gelaunte Ministerin immer noch mit dem typischen Malu-Dreyer-Leuchten in den Augen über die Pflegereform diskutierte oder von einer Amerika-Reise schwärmte – "weil man in den USA im Rollstuhl an jeder Warteschlange vorbeigelassen wird". Nur zu den hartnäckigen Nachfragen über ihr Interesse am Ministerpräsidentenamt hatte sie auf der Fahrt eisern geschwiegen.

Die 51-Jährige ist Wunschkandidatin der Grünen

Verneint hat sie aber nie, Ministerpräsidentin werden zu wollen. Sie ließ zunächst Lewentz und Hering gewähren und warf ihren Hut erst in den Ring, als namhafte Sozialdemokraten sie dazu ermunterten. Eine Absprache mit Kurt Beck dürfte dann den Ausschlag gegeben haben.

Beim grünen Koalitionspartner kommt die Entscheidung der SPD jedenfalls gut an. „Sie war unsere heimliche Wunschkandidatin“, lässt sich Fraktionschef Daniel Köbler entlocken. Die Koalition werde weiter hervorragend zusammenarbeiten, auch menschlich. Und strategisch sei diese Wahl mit Blick auf die nächste Landtagswahl 2016 günstig.

Von unserem Mitarbeiter Frank Giarra


Malu Dreyers Lebenslauf

  • 1961: Malu Dreyer wird am 6. Februar in Neustadt/Weinstraße als zweites von drei Kindern geboren. Die Eltern arbeiten als Schuldirektor und Erzieherin.
  • Bis 1980: Besuch der Grundschule und des Gymnasiums in Neustadt. 1977 Auslandsschuljahr in den USA
  • 1981 bis 1991: Zunächst Studium der Anglistik und Theologie, ab 1981 Jura an der Uni Mainz. Beide Staatsexamen mit Prädikat
  • 1989 bis 1991: Wissenschaftliche Assistentin an der Uni Mainz
  • 1991: Richterin auf Probe sowie Beauftragung als Staatsanwältin
  • 1992: Eintritt in den wissenschaftlichen Dienst des Landtags
  • 1995: Mit 34 Jahren Wahl zur hauptamtlichen Bürgermeisterin von Bad Kreuznach. SPD-Eintritt
  • 1997: Im April wird Dreyer im Stadtrat zum Rücktritt aufgefordert. Ein Ratsmitglied wirft ihr Lügen bezüglich des Bauprojekts eines Gerontologie-Zentrums vor. Sie gibt Fehler zu, weist den Lüge-Vorwurf zurück. Ab September Sozialdezernentin der Stadt Mainz
  • 2002: Am 15. März 2002 Vereidigung als Landessozialministerin
  • 2004: Dreyer gerät in der „Rodalben-Affäre“ unter Druck. Ihr werden schwere Versäumnisse bei der Behandlung straffällig gewordener Jugendlicher vorgeworfen. Drei Jugendliche hatten 2003 eine Heim-Erzieherin ermordet.
  • 2005: Dreyer wird Vorsitzende des SPD-Stadtverbandes Trier.
  • 2006: Bei der Landtagswahl erringt Dreyer im Wahlkreis Trier ein Abgeordnetenmandat. Durch den Wechsel des Wissenschaftsministers Zöllner nach Berlin geht dessen Zuständigkeit für die Frauenpolitik ans Sozialministerium. Im Oktober informiert Dreyer über ihre MS-Erkrankung.
  • 2011: Nach der Landtagswahl Ministerin für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie
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