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Rheinland-Pfalz

Malu Dreyer – auf ihre Art "nah bei de Leut"

Auf Somerreise: Bei ihrer ersten Sommerreise als rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin erhält sie als Geschenk eine Lupe. Malu Dreyer nimmt sie gern entgegen. Sie mag es, genau hinzuschauen.

Interessierte Malu Dreyer auf Tour: Im Rahmen ihrer Sommerreise besuchte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin die Firma Schneider in Bad Kreuznach, einen Hersteller für Hochleistungsobjektive.
Interessierte Malu Dreyer auf Tour: Im Rahmen ihrer Sommerreise besuchte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin die Firma Schneider in Bad Kreuznach, einen Hersteller für Hochleistungsobjektive.
Foto: Foto: Benjamin Stöß

Von unserer Berliner Korrespondentin Rena Lehmann

Gelassen und pragmatisch gibt sie sich bei ihrer Premiere, der ersten Sommerreise durch das Land, die traditionell von gut zwei Dutzend Journalisten begleitet wird. Ihr Vorgänger im Amt, der langjährige Landesvater und frühere SPD-Bundesvorsitzende Kurt Beck, war berühmt wie berüchtigt für gelegentliche Wutausbrüche zu politischen Debatten bei solchen Gelegenheiten. Malu Dreyer ist nicht leicht aus der Ruhe zu bringen.

Unaufdringlich hat sie seit ihrem Amtsantritt im Januar der rheinland-pfälzischen Politik ihren Stempel aufgedrückt. Ein neuer zurückhaltender Stil wird ihr nachgesagt, in den ersten Wochen ihrer Amtszeit galt sie schon als neuer, „heimlicher Star der SPD“. In der Parteizentrale in Berlin blickt man neugierig auf Malu Dreyer, „die Neue“, die sich gleich in Umfragen großer Beliebtheit erfreuen durfte. Solche Persönlichkeiten machen der SPD derzeit Mut für den Bundestagswahlkampf.

Malu Dreyers erste Sommerreise führt zu innovativen Unternehmen im Land, die „gute Arbeitgeber“ sind und jungen Leuten eine Perspektive bieten, damit sie bleiben. Das sei ihr schon als Arbeitsministerin ein wichtiges Anliegen gewesen, sagt sie. „Wenn ich heute jung wäre, würde ich selbst gern in einem solchen Unternehmen mit Visionen arbeiten“, sagt sie. Bei Schneider Optikwerke in Bad Kreuznach, wo man ihr auch die Lupe schenkt, hört sie aufmerksam zu. Auszubildende erklären, wie komplexe Objektive für Kameras und Industriemaschinen hergestellt werden. Es geht um Licht und Schärfen, um hochsensible Geräte, ums Suchen und Fokussieren.

Die Ministerpräsidentin hat im ersten halben Jahr viele neue Baustellen in den Blick nehmen müssen. Die Zukunft des Nürburgrings ist auch unter ihrer Regie weiter unsicher, gerade sieht es danach aus, als würde der defizitäre Flughafen Hahn zur neuen Großbaustelle. Malu Dreyer muss ihren Fokus gleich in mehrere Richtungen lenken, sich einen Überblick verschaffen, ihre Fähigkeiten als Krisenmanagerin unter Beweis stellen. Ihre persönliche Bilanz der ersten Monate fällt pragmatisch aus: „Ich musste mich daran gewöhnen, dass ich als Ministerpräsidentin nicht in allen Themen bis ins Detail Bescheid wissen kann“, meint sie nachdenklich.

Heute muss sie die Richtung vorgeben, steuern, die Koalition zusammenhalten. Wer sie in der Begegnung mit Menschen im Land erlebt, ob es der Erfolgswinzer Matthias Müller in Spay am Mittelrhein ist oder der junge Geschäftsführer des IT-Unternehmens Eviscan im Technologiezentrum Koblenz, sieht sie aufmerksam zuhören. Anders als Beck, der sich im Bad in der Menschenmenge stets am wohlsten fühlte, ist Dreyer auf andere Art „nah bei de Leut“. Ihr Auftritt ist weniger laut, sie überlässt auch mal anderen die Bühne. Für eine Ministerpräsidentin gelten die gleichen Spielregeln wie für andere Menschen in Verantwortung, meint sie.

Den Rücktritt ihres brandenburgischen Amtskollegen Matthias Platzeck etwa nimmt sie „mit großem Respekt“ zur Kenntnis. „Belastung ist aber nicht nur eine Frage von Politikern. Jeder muss sich diese Fragen stellen: Ist es das Leben, das ich leben will?“ Auch sie selbst hätte sich damit auseinandersetzen müssen, ob sie mit ihrer chronischen Erkrankung Multiple Sklerose die Belastung des Ministerpräsidentenamtes aushalten kann. Sie habe diese Frage für sich beantwortet. Punkt. Wenn sie es für nötig hält, kann sie auch sehr klar und scharf im Ton sein.

Probleme kommentiert sie pragmatisch. Dass ihr Koalitionspartner, die Grünen, ihr gerade mit Forderungen nach einem Nachtflugverbot das Leben schwer macht, sagt sie so nicht. „In Zeiten des Wahlkampfs“ sei so etwas normal, erklärt sie stattdessen. Auch für den SPD-Kanzlerkandidaten findet sie milde Worte. „Ich kann ihn gut leiden. Peer Steinbrück hat ein Einfühlungsvermögen für die unterschiedliche Situation von Menschen.“ So hat sie ihn erlebt. Das öffentliche Bild des eher distanzierten und kühlen Finanzpolitikers würde dazu gar nicht passen, stellt sie fest. „Er ist ein typischer Mensch aus dem Norden mit einem Sinn für Ironie. Nicht jeder versteht seine Witze gleich“, versucht sie sich an einer Erklärung.

Kurz vor der Bundestagswahl schließen die Sozialdemokraten natürlich die Reihen. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin sagt pflichtschuldig, dass das Rennen noch lange nicht gelaufen ist. Dass Wahlkämpfe immer später beginnen. Dass die SPD nun richtig kämpfen muss. Je nachdem, wie die Wahl ausgeht, werden die Karten neu gemischt. Malu Dreyer würde dann für den Fall, dass Steinbrück nicht erfolgreich ist, neben Hannelore Kraft zu den neuen Lichtgestalten der SPD zählen.

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