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    Speyer

    Helmut Kohl: Der Pfälzer und sein Abschied von der Weltbühne [mit Video]

    Der Regen prasselt auf das Pflaster vor dem Mariendom in Speyer nieder, als der mit der Bundesflagge umhüllte Sarg des Altkanzlers von Soldaten der Bundeswehr nach draußen getragen wird. Ein Wetter wie an jenem 17. Oktober 1998, als Helmut Kohl schon einmal im Schatten „seiner Hauskirche“, wie er den Dom selbstbewusst nannte, verabschiedet wurde.

    Letzte Ehre für Altkanzler Kohl: Im Speyerer Dom versammelte sich die Trauergemeinde.  
    Letzte Ehre für Altkanzler Kohl: Im Speyerer Dom versammelte sich die Trauergemeinde.  
    Foto: Peter Burger

    Damals, beim Großen Zapfenstreich zum Ende seiner 16 Jahre währenden Kanzlerschaft, waren 15 000 Menschen gekommen – am Samstagabend vielleicht 3000. Darunter aber die höchsten Repräsentanten des Staates, amtierende und ehemalige Regierungschefs, politische Weggefährten wie Widersacher, Amts- und Mandatsträger, Wirtschaftskapitäne – und Pfälzer Mitbürger. Maike Kohl-Richter, die Witwe des Altkanzlers, folgt gefasst alleine dem Sarg und tritt durch das Portal: „Ut unum sint“ (Damit sie eins seien) steht darüber. Die Söhne Kohls, Walter und Peter sowie die Enkel Leyla und Johannes aber sind nicht gekommen.

    Zuflucht über Kaisergräbern

    Einmal mehr werden an diesem Abend der Dom und Speyer zur „Weltbühne“. Immer wieder hatte Kohl Staatsgäste in seine pfälzische Heimat geführt, was mitunter despektierlich als „Saumagen-Diplomatie“ abgetan wurde: Michail Gorbatschow, George Bush sen., Maggie Thatcher, Boris Jelzin, Václav Havel, Jacques Chirac, Zhao Ziyang und andere folgten ihm andächtig in den Dom. Auch Papst Johannes Paul II. ist er hier begegnet. Wer Helmut Kohl verstehen will, muss den Atem dieses fast 1000 Jahre alten Gotteshauses aufnehmen: Vier Salier-Kaiser sind hier begraben, Kaiser und Könige der Staufer wie der Habsburger haben hier ihre Grablege „zugleich mitten in Deutschland und in Europa“, wie es Gorbatschow und Jelzin einmal formulierten. Die größte erhaltene romanische Kathedrale beeindruckt durch ihre Größe und Schlichtheit zugleich. Sein Verhältnis zum Speyerer Dom beschrieb Kohl selbst als inniglich: Hier hat er seit Kindertagen immer wieder Zuflucht gesucht, auch während des Krieges an der Seite seiner tiefgläubigen Mutter als seine Heimatstadt Ludwigshafen bombardiert wurde und sein Bruder Walter fiel.

    Die strenge Formengebung des kreuzförmigen Kaiserdomes ist in diesem Requiem aufgehoben: Die Säulen der Basilika sind mit Lichtspots in die liturgische Farbe Violett getaucht, die Seitenschiffe erstrahlen golden. Vor dem Hauptaltar ist der Sarg des Altkanzlers aufgebahrt, daneben der Kranz drapiert mit Hunderten eng gesteckter dunkelroter Rosen und einer weißen Schleife mit der Aufschrift „Deine Maike“. Die Witwe hat, mit Ex-US-Präsident Bill Clinton und dem ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel zur Rechten sowie EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zur Linken, in der ersten Reihe der Vierung, rechts vom Altar Platz genommen. Auch der umstrittene ungarische Regierungschef Viktor Orbán ist gekommen.

    Trauer um Altkanzler Helmut Kohl. Er wurde 87 Jahre alt.
    Trauer um Altkanzler Helmut Kohl. Er wurde 87 Jahre alt.
    Foto: dpa

    Ex-„Bild“-Chef und Hausmeier Kai Dieckmann beobachtet aus der zweiten Reihe das Geschehen. Im Hauptschiff nehmen viele Rheinland-Pfälzer am Gottesdienst teil: fast das gesamte Kabinett, CDU-Granden mit Julia Klöckner an der Spitze, aber auch alte Weggefährten wie der ehemalige Landesinnenminister im Kabinett Kohl, Heinz Schwarz aus Leubsdorf. Als die Vertreter der Verfassungsorgane den Dom betreten, erhebt sich die Trauergemeinde: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesratspräsidentin Malu Dreyer und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, verneigen sich vor dem Toten.

    Tongewaltig dringt Bachs Toccata und Fuge in d-Moll, ein Lieblingsstück des Verstorbenen, durch das Kirchengemäuer. Danach verharren 900 Trauergäste stehend ohne ein Räuspern, ohne ein Hüsteln. Absolute Stille! Minutenlang. Bis zum Einzug des Bischofs von Speyer, Karl-Heinz Wiesemann, der das Pontifikal-Requiem in Konzelebration mit dem Apostolischen Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterovic, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, sowie den emeritierten Oberhirten von Speyer, Kardinal Wetter und Bischof Schlembach feiert.

    In seiner Predigt würdigt Wiesemann Kohl noch einmal als großen Staatsmann, der „seine pfälzische Heimat ebenso liebte wie das deutsche Vaterland und dabei aus einem weiten, universellen Horizont heraus lebte und handelte“. Auch der Speyerer Bischof stellt die besondere Beziehung Kohls zum Dom heraus. Das Gotteshaus sei für ihn stets ein „Symbol und real erfahrbarer Ort für das, was ihm im Leben wichtig war“, gewesen: „Die Verschmelzung tiefer Heimatverwurzelung mit dem großen Atem der Geschichte – mit dem weiten Bogen geistiger, kultureller und religiöser Zusammengehörigkeit Europas.“

    • Eindrücke aus dem Speyerer Dom

    Aufhorchen lässt die Trauergäste, darunter auch Heiner Geißler und Norbert Blüm, die erste Fürbitte für den Verstorbenen, in der nicht nur „Lohn für all seine Mühen um unser Vaterland und Europa“ erbeten wird, sondern in der es auch heißt: „Verzeih ihm, wo er schuldig geworden ist“.


    Die Stille hunderter Menschen

    Nach der Aussegnung am Hochaltar wird der Sarg nach draußen getragen, wo Abordnungen der drei Teilstreitkräfte auf dem Domplatz Aufstellung genommen haben. Hinter Sperrgittern verfolgen inzwischen Hunderte von Zuschauern das

    Als „schwarzer Riese“ prägte Helmut Kohl Rheinland-Pfalz und setzte viele Reformen um. 1976 wechselte er, auch mit vielen Pfeifen im Gepäck in den Bundestag nach Bonn – zunächst als Oppositionsführer.
    Als „schwarzer Riese“ prägte Helmut Kohl Rheinland-Pfalz und setzte viele Reformen um. 1976 wechselte er, auch mit vielen Pfeifen im Gepäck in den Bundestag nach Bonn – zunächst als Oppositionsführer.
    Foto: dpa

    „Große militärische Ehrengeleit“. Zum letzten Mal erklingt für den Altkanzler die Nationalhymne – im strömenden Regen, bevor der Sarg zum bereitstehenden Leichenwagen getragen wird. Soldaten tragen die Kränze der Verfassungsorgane vorweg. Zwei Fahrzeugstander mit der schwarzen Trauer-Standarte eines Bundeskanzlers zieren die Front des „gläsernen“ Fahrzeugs. Als die Traditionshymne vom „Guten Kameraden“ ertönt, wird es erneut ganz still auf dem Domplatz.

    Maike Kohl-Richter nimmt auf dem Beifahrersitz des Leichenwagens Platz. Dann setzt sich der Konvoi über die Maximiliansstraße in Bewegung. Die „Kaiserglocke“ des Doms läutet – ein Privileg, das bisher nur verstorbenen Bischöfen zuteilwurde.
    Unter Ausschluss der Öffentlichkeit schließlich der letzte Akt der insgesamt zehnstündigen Trauerfeierlichkeiten: Im engsten Kreis wird Helmut Kohl in der Dämmerung zu Grabe getragen, auf dem alten Friedhof des Domkapitels von Speyer. Auch dies eine Entscheidung voller Symbolik: Das Gräberfeld liegt im Schatten der Friedenskirche St. Bernhard, zu der 1953 der Grundstein gelegt wurde – im Beisein von Konrad Adenauer, dem französischen Außenminister Robert Schumann und des Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz Peter Altmeier. Nach einem Mauerdurchbruch soll Helmut Kohls letzte Ruhestätte künftig direkt mit dem angrenzenden Konrad-Adenauer-Park verbunden sein.

    Aus Speyer berichtet Peter Burger

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    Rheinland-Pfalz
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