Archivierter Artikel vom 02.10.2018, 10:53 Uhr
Neuwied

Wie kam Eirene nach Neuwied? Erinnerungsfeier für Paul Gentner

Mehr als 100 Gäste waren zum Teil von weit her und sogar aus dem Ausland angereist, um an der Gedenkfeier zum zehnjährigen Todestag von Paul Gentner teilzunehmen.

Das Bild zeigt die Erinnerungsfeier im Gemeindehaus der Marktkirche.
Das Bild zeigt die Erinnerungsfeier im Gemeindehaus der Marktkirche.
Foto: privat

Paul Gentner war von 1964 an 32 Jahre lang hauptamtlich bei Eirene aktiv und widmete sich im Ruhestand der Eirene-Stiftung. Seine konsequente gewaltfreie Orientierung zeigte sich in einem respektvollen freundlichen Umgang mit Menschen jeglicher Herkunft und in einer kompromisslosen Haltung gegenüber ungerechten Verhältnissen. Dadurch wurde er zum Vorbild für viele.

Das Bild zeigt Paul Gentner und seine Frau Annik bei der 50-Jahr-Feier von Eirene im Jahr 2007.
Das Bild zeigt Paul Gentner und seine Frau Annik bei der 50-Jahr-Feier von Eirene im Jahr 2007.
Foto: privat

In einem Friedensgottesdienst in der Herrnhuter Brüdergemeine sah Pastor Markus Merz, selber ehemaliger Eirene-Freiwilliger, in dem Predigttext aus Jak. 2, 13 das Lebensprogramm von Paul Gentner: „Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht.“

Im Gemeindesaal der Marktkirche ging die Feier nach dem Gottesdienst weiter, und viele Gäste steuerten ihre persönlichen Erfahrungen bei. Andreas Bürkert von der Eirene-Stiftung knüpfte an das Predigtwort an und erzählte, dass Paul Gentner, aus einer schwäbisch-pietistischen Familie kommend, seinen Blick geweitet habe und Menschen jeder Religion, Weltanschauung und Herkunft so wertschätzen konnte, wie sie waren.

Paul Gentner war 1933 geboren und hatte den Nationalsozialismus und den Krieg miterlebt. In seiner Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wurde er sensibel für Diskriminierung und Rassismus. Dass heute rassistisches Denken wieder hoffähig wird, würde ihn nicht ruhen lassen.

Peter Künzel von der Herrnhuter Brüdergemeine nahm Bezug auf seinen verstorbenen Vater, der im Zweiten Weltkrieg Kriegsteilnehmer gewesen war. Als dieser mit Paul Gentner in Kontakt kam, weil die Eirene-Geschäftsstelle nicht mehr in Römlinghoven bleiben konnte und eine neue Bleibe suchte, sah es Peter Künzels Vater als einen persönlichen Friedensauftrag an, Eirene ins Herrnhuter Viertel nach Neuwied zu holen.

Markus Beinhauer war Aktivist der Anti-AKW-Bewegung gegen das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich gewesen und hob das konsequente politische Engagement von Paul hervor.

Martin Petri, ehemaliger Eirene-Freiwilliger im Niger und im Tschad, berichtete von seinen aktuellen mühsamen entwicklungspolitischen Aktivitäten im Südsudan und im Tschad. Er frage sich oft, wie Paul wohl angesichts der Misserfolge reagiert hätte, die dadurch entstehen, dass Entwicklungsanstrengungen immer wieder durch Gewalt und durch Korruption, die die europäischen Staaten mit förderten, zerstört würden. „Paul schaute immer nach vorne und suchte nach neuen Wegen.“ Paul war rein technischer Zusammenarbeit gegenüber misstrauisch; er glaubte an Veränderungen, die aus der Kraft der Begegnung und des gegenseitigen Vertrauens heraus entstehen. Er war ein Mann der Begegnung.

Gisela Kurth, die die Nachfolge von Paul Gentner im Finanzreferat übernommen hatte, sieht sein Anliegen, Friedensarbeit durch vertrauensvolle Begegnungen über Gräben hinweg zu stärken, in den staatlichen Freiwilligenprogrammen heute nicht mehr repräsentiert. Dort werde der Einsatz von Personal lediglich als Instrument für technische Zusammenarbeit gesehen.

Elisabeth Freise zeigte anhand von Bildern aus dem Leben von Paul Gentner, dass sein Engagement für Eirene nicht nur aus Schreibtischarbeit bestand. Er war bei Demonstrationen dabei, wurde wegen Aktionen des zivilen Ungehorsams bei den Atomwaffenlagern im Hunsrück vor Gericht verurteilt – und er war ein Mensch der Gemeinschaft, der sogar beim rheinischen Karneval mitmachte, was ihm als Schwabe sichtlich schwer fiel.

Josef Freise erinnerte an Pauls Mut: Als im Deutschen Zweig von Eirene zu Anfang der 1980er-Jahre marxistische Gruppen, die von christlicher Orientierung und von Gewaltfreiheit nichts hielten, die Mehrheit hatten, trat Paul mit Gleichgesinnten aus dem Deutschen Eirene-Zweig aus. Sie gründeten den „Freundeskreis Eirene“ und beantragten erfolgreich die Mitgliedschaft bei Eirene International. Letztlich ging Eirene erstarkt aus dem Konflikt hervor.

Der Eirene-Vorsitzende Reinhard Voß betonte bei der Feier die Aufgabe, das alte stark christlich geprägte Eirene und das neue auf spirituelle Offenheit angelegte Eirene zusammenzubringen.

Musik, Anekdoten und Geschichten vieler ehemaliger Freiwilliger und Mitarbeitenden von Eirene und von Annik Gentner und den Familiemitgliedern aus drei Generationen gaben dem Erinnerungstag einen feierlichen Rahmen. Hier ging es um die Erinnerung an einen Menschen, für dessen Leben alle dankbar sind – und dessen Vermächtnis zugleich einen Auftrag für die Zukunft darstellt.