Archivierter Artikel vom 17.02.2020, 12:50 Uhr
Neuwied

Pianist Ivan Sokolov: „Der Riss der Welt geht mitten durch mein Herz“

Der russische Pianist Ivan Sokolov lebt in Köln und Moskau, wo er am Konservatorium unterrichtet. Dank einer persönlichen Verbindung ist es Silvia Vögele gelungen, ihn für einen Workshop und ein Konzert an der Waldorfschule zu gewinnen.

Foto: Freie Waldorfschule in Neuwied

„Der Riss der Welt geht mitten durch mein Herz“. Mit diesen Worten Heinrich Heines leitet Ivan Sokolov den Workshop mit den Oberstufenklassen der Waldorfschule ein. Der Pianist, der in Köln und Moskau lebt, lehrt am Moskauer Konservatorium „Theorie des musikalischen Ausdrucks.“ Er ist Gast in den Konzertsälen Europas und der USA, wo er auch immer wieder Musikseminare veranstaltet. Sokolov begeistert die Schüler mit seinen Ausführungen zu den Epochen und Gedankenströmungen, die er mit Beispielen auf dem Flügel belegt. Goethe habe den Klassizismus für gesund gehalten, die Romantik dagegen für krank. Das entsprang sehr dem Zeitgeist der Aufklärung. Die Literaten und Komponisten der Romantik dagegen kritisierten den Klassizismus als künstlich und leblos.

Die Romantik stelle dem großen Schöpferwesen das kleine Wesen Mensch gegenüber, das versuche, mit diesem zu kommunizieren. Entsprechend seien in den Musikstücken oft „große Stimmen“ zu hören, die von „kleinen Stimmen“ begleitet würden. Den „Tutti“, also allen Instrumenten des Orchesters, würden die Stimme eines Soloinstrumentes gegenübergestellt. In der Romantik prägten mystisch-religiöse Motive das neue, individuelle Naturgefühl. In der Malerei komme dies besonders in Caspar David Friedrichs weiten Landschaftsbildern zur Geltung. Malerei und Musik zeigten den Menschen in seiner Verlorenheit und Belanglosigkeit vor der göttlichen Schöpfung. Sokolov veranschaulichte dies an der Dichterliebe von Schumann, an Stücken von Grieg, Debussy, Brahms, den Nocturnes von Chopin und Auszügen von Beethoven.

Beim abendlichen Konzert im Festsaal spannte Ivan Sokolov den Bogen von Bach und Brahms über Debussy zu eigenen Kompositionen. Auch hier berichtete er interessante Zusammenhänge und war offen für Fragen. Der Beifall war sehr herzlich und es gab drei Zugaben.