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    Westernohe

    Vor 20 Jahren: Tauziehen wurde zur tödlichen Katastrophe

    Idyllisch ist das Pfadfinderlager in Westernohe gelegen. Eine Idylle, die vor 20 Jahren jäh unterbrochen wird: Am 4. Juni 1995 kommen bei einem Massentauziehen zwei Zehnjährige zu Tode, als das daumendicke Kunststoffseil schon nach wenigen Sekunden mit einem lauten Knall reißt. Es gibt unzählige verletzte Kinder und Jugendliche.

    Zum Gedenken an den Tod der beiden Wölflinge wurde in der Nähe des Unglücksortes in Westernohe ein Kreuz als Zeichen der Erinnerung errichtet.
    Zum Gedenken an den Tod der beiden Wölflinge wurde in der Nähe des Unglücksortes in Westernohe ein Kreuz als Zeichen der Erinnerung errichtet.
    Foto: Röder-Moldenhauer

    Von unserer Reporterin Angela Baumeier

    Eigentlich sollte es ein Weltrekord werden: Rund 650 Kinder und Jugendliche aus dem Raum Koblenz beteiligen sich bei dem Massentauziehen der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg, um ins "Guinness-Buch der Rekorde" zu kommen. Gegen 11.40 Uhr dieses sonnigen Pfingstsonntags nehmen die jungen Leute von 8 bis 20 Jahren die Kraftprobe an dem mehr als 500 Meter langen Seil auf. Dann geschieht das Unglück: Das Tau reißt, die Hälften schnellen peitschenartig auseinander und werfen die langen Reihen der Pfadfinder um.

    Ein zehnjähriger Junge wird dabei von einem Ende des Seils an Kopf und Brust getroffen und tödlich verletzt. Ein gleichaltriger Pfadfinder stürzt auf den Hinterkopf, wird von anderen Kindern begraben. Er leidet längere Zeit unter akutem Sauerstoffmangel und stirbt wenige Tage später im Krankenhaus. Weitere 102 Kinder und Jugendliche werden zum Teil schwer verletzt.

    Einer der ersten Ärzte, die aus der Region herbeieilen, um Hilfe zu leisten, ist Bernd Hohlstamm. Auch 20 Jahre nach dem Unglück fällt es ihm nicht leicht, über diesen Einsatz zu sprechen. Als Kreisbereitschaftsarzt des Roten Kreuzes und Leitender Notarzt im Katastrophenschutz erfährt er am Familienfrühstückstisch von dem Unglück und eilt mit Blaulicht zur Einsatzstelle, die sich mitten im Wald über mehrere Hundert Meter hinzieht. Gemeinsam mit dem leitenden Arzt, den schnell eintreffenden weiteren Ärzten aus der Umgebung, mit Rettungskräften und Einsatzgruppen sichtet er "segmentweise" die Verletzten, die Verbrennungen und Frakturen erlitten haben - und ebenso wie die unverletzten Pfadfinder dieses Treffens allesamt unter Schock stehen. "Die Masse der verletzten Menschen hat mich getroffen, darauf war ich mental nicht vorbereitet", erinnert sich Bernd Hohlstamm. Er selbst kann an jenem Pfingstsonntag seinen Kollegen "nur" beratend zur Seite stehen, da ihn ein Bandscheibenvorfall beeinträchtigt. Als Ortskundiger kann er zudem wichtige logistische Tipps geben, beispielsweise welche Kapazitäten die Krankenhäuser haben oder welche Ärzte rekrutiert werden können.

    "Ich habe aus diesem Geschehnis gelernt, die Ruhe zu bewahren. Nur so gelingt es, effektiv Hilfe leisten zu können, also beispielsweise festzulegen, in welcher Reihenfolge die Verletzten behandelt werden müssen", sagt der 66-Jährige. Etwa zwei Stunden ist er damals am Unglücksort. Doch Geschehnisse wie diese Tragödie "laufen mir noch heute nach", berichtet er. Es ist schwer, "nur helfen zu können, nicht Schicksal spielen zu können", hat er mehrfach während seines 20-jährigen Einsatzes als Notarzt erfahren. Gerade Unglücke, wo Kinder betroffen sind, haften in der Erinnerung. "Ich muss mich oft bei meinen eigenen Kindern bremsen, dass ich nicht zu ängstlich reagiere", gibt der Arzt offen zu: "Die Erfahrung, was alles passieren kann, lässt einen verzweifeln." Gerade deshalb findet es Bernd Hohlstamm so wichtig, dass die Verantwortlichen solcher Veranstaltungen wie eines großen Pfadfinderlagers eine fundierte Ausbildung haben, die möglichen Gefahren genau kennen und sachkundige Vorsorge treffen, um Unglücke wie dieses vor 20 Jahren im Pfadfinderlager in Westernohe zu vermeiden.

    In dem öffentlich viel beachteten Gerichtsverfahren gegen die verantwortlichen Veranstalter stellte das Gericht fest, dass diese ihre Sorgfaltspflicht verletzt hatten, weil sie sich nicht über die Reißfestigkeit des viel zu dünnen und aus Kunststoff gefertigten Seils informiert hatten und auch keine Vorkehrungen für einen gegebenenfalls notwendigen sofortigen Abbruch der Veranstaltung getroffen hatten. Da die Todesfälle allerdings so nicht vorhersehbar gewesen waren, wurden die Verantwortlichen schließlich wegen fahrlässiger Körperverletzung zu Geldstrafen verurteilt.

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