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Windhagen

Windhagen: CDU-Kandidat Martin Buchholz wehrt sich gegen Nazi-Vorwürfe

Michael Fenstermacher

Windhagen kommt nicht zur Ruhe: Acht Wochen nach dem Eklat um brisante Äußerungen des Bundestagsabgeordneten Erwin Rüddel und eine Woche nach dem angekündigten Rückzug der Familie Rüddel aus der Ortspolitik wühlt eine Kampagne gegen Martin Buchholz, CDU-Kandidat für die Nachfolge von Ortschef Josef Rüddel, die politische Landschaft auf.

Martin Buchholz ist weiter im Fokus.
Martin Buchholz ist weiter im Fokus.
Foto: CDU Windhagen

Ein anonymes Flugblatt ist nach RZ-Informationen am Mittwoch im Briefkasten von Ratsmitgliedern der vier im Gemeinderat vertretenen Parteien gelandet. Thema ist eine angebliche Neonazi-Vergangenheit von Buchholz, der deshalb nicht Bürgermeister werden dürfe. Buchholz bestreitet das, räumt aber ein, Anfang der 1990er-Jahre vier Jahre lang Mitglied der rechtsextremen Partei DVU gewesen zu sein – für ihn „eine Jugendsünde“.

Buchholz: Vorwürfe sind Blödsinn

„Das ist totaler Blödsinn“, sagt der 47-Jährige dagegen zum Inhalt des Flugblatts, das ihm aktives Mitwirken in einer braunen Kameradschaft unterstellt. „Ich habe nie eine Hakenkreuzfahne besessen“, nimmt er Stellung zu dem Vorwurf, mehrmals am 20. April „Führers Geburtstag“ mit jenem Symbol und Hitlergruß am offenen Fenster zelebriert zu haben. Auch sei er nie an einer Schlägerei beteiligt gewesen, betont Buchholz und kontert so die Behauptung, er habe in Städten entlang der Rheinschiene gemeinsam mit Gesinnungsgenossen die Auseinandersetzung mit Ausländern gesucht. Und bei rechten Aufmärschen sei er – anders als im Flugblatt behauptet – nie dabei gewesen.

„Ich habe Kontakt mit Freunden von früher aufgenommen, die notfalls an Eides statt versichern würden, dass nichts davon stimmt“, berichtet Buchholz, der bei der Polizeiinspektion (PI) Straßenhaus Anzeige gegen die anonymen Flugblattverfasser gestellt hat. PI-Leiter Werner Zorn bestätigt ein Ermittlungsverfahren. Buchholz berichtet, dass alle vier Schreiben als Beweismittel gesichert wurden und ist optimistisch, dass die Verantwortlichen ausfindig gemacht werden können.

Sein Engagement für die DVU ging unterdessen über die reine Mitgliedschaft hinaus, wie Buchholz zugibt. „Ich war aktiv am Versuch beteiligt, einen Kreisverband aufzubauen“, erklärt er. Dazu hätten auch Infostände in der Neuwieder Fußgängerzone gehört. „Was die DVU damals gefordert hat, deckt sich teilweise mit dem, was Merkel und Seehofer nun beschlossen haben“, relativiert er die Haltung der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften und 2011 in der NPD aufgegangenen Partei in der Asylkontroverse der 1990er-Jahre. Dies sei für ihn aber nicht das entscheidende Thema gewesen. „Mir ging es vielmehr wie auch heute darum, die Heimat politisch zu gestalten“, sagt Buchholz. Als ihm klar geworden sei, dass dies kein vorrangiges Ziel der DVU war, habe er die Partei „aus eigenem Antrieb“ verlassen.

Woher aber kommen die Vorwürfe in dem Flugblatt, die Buchholz in der rechtsradikalen Kameradschaftsszene verorten? Der CDU-Politiker präsentiert dazu einen Erklärungsansatz. „Ich war damals stark in der Synthie-Pop-Szene aktiv“, berichtet er. Ledermäntel und ausrasierte Schläfen hätten dabei zum Erscheinungsbild gehört – ein Auftreten, das Unwissende möglicherweise als typisch für die rechte Szene zugeordnet haben könnten.

Als Rüddel-Nachfolger auserkoren

Unstrittig ist die politische Vita Buchholz’ seit Mitte der 2000er-Jahre. Seit circa 13 Jahren ist er in der CDU aktiv, wurde 2009 in den Gemeinderat, 2014 zusätzlich in den Asbacher Verbandsgemeinderat und den Kreistag gewählt. Zudem bringt er sich seit 2009 als Beigeordneter in der Ortspolitik ein und wurde in der vergangenen Woche von der Mitgliederversammlung der CDU Windhagen als Ortsbürgermeisterkandidat aufs Schild gehoben, der nach der Kommunalwahl im kommenden Jahr nach 56 Jahren Josef Rüddel, den dienstältesten Gemeindechef im Land, beerben soll. Seine problematische Vergangenheit in den Reihen der rechtsextremen DVU sieht er dabei nicht als Hindernis, betont er auf RZ-Nachfrage.

Von unserem Redakteur Michael Fenstermacher

RZ-Kommentar: Wähler haben das Recht, so etwas zu erfahren

Ist es falsch, eine anonyme Kampagne zu starten gegen einen Lokalpolitiker und Ortsbürgermeisterkandidaten? Selbstverständlich ist es das. Wer verbal aus der Hecke schießt, hat entweder selbst etwas zu verbergen oder schlicht nicht den Mut, offen zu seiner Meinung zu stehen.

Vielleicht fürchtet er auch Konsequenzen. Das Vorgehen derjenigen, die in Windhagen das Flugblatt mit den Behauptungen über Martin Buchholz verbreiten, ist jedenfalls unbedingt zu verurteilen, zumal Beweise für die teils heftigen Behauptungen zu fehlen scheinen.

Aber wie steht es um Buchholz selbst? Dürfen ihm Geschichten von früher heute noch vorgehalten werden? Oder sind es nur olle Kamellen, Jugendsünden, über die längst Gras gewachsen ist, gewachsen sein sollte? Nein, Wähler haben natürlich das Recht, etwas derart Wichtiges, politisch Prägendes über einen Menschen zu erfahren, der sich heute – egal wie geläutert – zur Wahl für ein öffentliches Amt stellt. Buchholz bekennt, über Jahre hinweg aktives Mitglied der DVU gewesen zu sein, einer Partei, die sich mehr oder weniger offen für rechtsextreme, nationalistische Ideen einsetzte und schließlich in der NPD aufging. Jetzt hat der CDU-Kandidat Buchholz die Gelegenheit, aber auch die Pflicht, seinen Wählern zu erklären, wie und wie weit er sich von solcher Ideologie entfernt hat – auch wenn es erst auf öffentlichen, anonym aufgebauten Druck hin so gekommen ist.

E-Mail: tim.kosmetschke@rhein-zeitung.net

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