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    Erzweiler

    Auf Streifzug durch das Dollarviertel – Erzweiler

    Es nimmt auf der Liste der verschwundenen Dörfer zweifellos eine Sonderstellung ein: Denn als alle anderen Gemeinden bereits entvölkert waren, herrschte in Erzweiler noch ein reges Gemeinschaftsleben. Der Ort durfte auf besondere Genehmigung hin nach dem Zweiten Weltkrieg wieder besiedelt werden – bis 1974 dann endgültig Schluss war.

    Ein Dorf in Farbe: Weil Erzweiler erst 1974 endgültig geräumt wurde, existieren von dem Ort im Gegensatz zu den anderen Gemeinden auch einige Farbfotos. Durch seine Randlage am Truppenübungsplatz war es nie wirklich isoliert.  Foto: Verbandsgemeindeverwaltung Baumholder
    Ein Dorf in Farbe: Weil Erzweiler erst 1974 endgültig geräumt wurde, existieren von dem Ort im Gegensatz zu den anderen Gemeinden auch einige Farbfotos. Durch seine Randlage am Truppenübungsplatz war es nie wirklich isoliert.
    Foto: Verbandsgemeindeverwaltung Baumholder

    Wer Heinz Grüner, Adolf Gehres, Bernd Doll und Monika Lukasczyk bei ihren Diskussionen über die alten Zeiten zuhört, der bekommt ein ziemlich gutes Bild davon, wie viel Leben in Erzweiler auch nach dem Krieg noch gesteckt haben muss. „Weißt du noch, als …“ – dieser Satz fällt immer wieder, meist gefolgt von herzhaftem Lachen und Kopfnicken. Die vier gehören sozusagen zur zweiten Erzweilerer Generation, zu jenen Menschen, die nach der Zwangsumsiedlung durch die Nazis wieder dort wohnen durften.

    Das war zu einer Zeit, als der Truppenübungsplatz schon existierte, was natürlich mit einer besonderen Wohnsituation einherging. „Tag und Nacht sind Panzer durchs Dorf gefahren“, erzählt Heinz Grüner. „Der Flughafen Hahn ist leise dagegen.“ Gestört habe man sich daran aber nie. „Wir haben gar nicht daran gedacht“, betont Monika Lukasczyk. Vielmehr übte der Truppenübungsplatz einen gewissen Reiz auf die jungen Menschen aus. „Wir haben öfter mal Kaugummis von den Amerikanern geschenkt bekommen“, sagt Grüner lachend. „Manchmal sind wir über den Platz geschlichen, haben Patronenhülsen eingesammelt und sie verscherbelt.“

    "Verschwundene Dörfer"

    1937/38 mussten Aulenbach, Ausweiler, Breungenborn, Ehlenbach, Erzweiler, Frohnhausen, Grünbach, Ilgesheim, Kefersheim, Mambächel, Oberjeckenbach, Ronnenberg und Wieselbach einem Truppenübungsplatz weichen - so hatten es die Nationalsozialisten beschlossen. Viele Familien verloren ihre Heimat,  intakte Gemeinschaften wurden auseinandergerissen. Die Nahe-Zeitung will versuchen, in dieser Serie die Geschichten hinter den Fakten zu erzählen. Dazu werden Zeitzeugen und Nachfahren von Zeitzeugen befragt. 

    Hier: Erzweiler

    Heinz Grüner kam mit seinen Eltern in den 50er-Jahren nach Erzweiler, ähnlich wie Bernd Doll. Adolf Gehres stieß Anfang der 60er dazu. Monika Lukasczyks Vater war Bürgermeister bis zum Schluss. Die vier lassen keinen Zweifel daran, wie gut die Erzweilerer Dorfgemeinschaft funktionierte – obwohl sie mehr oder weniger künstlich wiederhergestellt worden war. „Es gab kein Eigentum mehr“, erklärt Bernd Doll. „Die Häuser waren im Besitz des Staates und gemietet. Jeder hatte dasselbe, jeder hatte nichts. Ohne Eigentum gibt es keinen Neid.“

    Und dann berichten sie vom Sportverein, von der Feuerwehr, die mal bei einem großen Wettbewerb gut abgeschnitten hat, und von der Theatergruppe, ebenso von der Bäckerei, der Post und der Wirtschaft. Im Jahreskalender hätten besonders die Kirmes und die Fastnacht herausgestochen. Auch kuriose Begriffe wie „Dollarviertel“ fallen im Gespräch – so nannten die Erzweilerer scherzhaft einen Teil ihres Ortes in Anlehnung an die Anwesenheit der Amerikaner.

    Die Schmunzler, die fast jeden Satz begleiten, zeigen deutlich: Das Leben im Dorf war vor allem von Heiterkeit geprägt – auch wenn die Lebensverhältnisse für die Zeit teils noch sehr rückständig waren. Statt eines funktionierenden Kanalsystems gab es Plumpsklos, und duschen konnte man nur in der Schule. „Erst die Mädchen, dann die Jungs. Zusammen durfte man nicht“, sagt Bernd Doll lachend.

    Selbst die Tatsache, dass Erzweiler als einzige der 13 Gemeinden im Hinterland Baumholders noch übrig war, trübte die Stimmung nicht. „Wir waren nicht abgeschottet“, sagt Adolf Gehres. „Es gab immer Bus- und Durchgangsverkehr.“ Noch heute kommt man unweigerlich am ehemaligen Erzweiler vorbei, wenn man von Baumholder nach Niederalben fährt. Der Vorteil der Randlage, der Ort befand sich nicht irgendwo im nirgendwo.

    So schön die Zeit für die zweite Erzweilerer Generation auch gewesen sein mag, sie währte nicht allzu lange. Denn Ende der 60er-Jahre stand die zweite und endgültige Räumung des Ortes bevor. „Die Unterhaltung des Dorfes wurde für den Staat wohl zu teuer“, mutmaßt Adolf Gehres. „Nach und nach mussten die Leute raus. Damit wurde der ursprüngliche Plan weiterverfolgt.“ Für die vier ehemaligen Erzweilerer war der Abschied schwer. „Ein bisschen emotional war das schon“, sagt Heinz Grüner. „Wir sind alle dort groß geworden, in die Schule gegangen.“ Monika Lukasczyk fügt hinzu: „Das war unsere Heimat.“

    Nicht weiter verwunderlich also, dass man nicht alle Traditionen einfach so begraben wollte. Noch dreimal habe man, nachdem 1974 die Letzten gegangen waren, die Kirmes in Erzweiler gefeiert. „Wir haben Anträge unterschrieben und alles runtergekarrt, inklusive Strom“, erzählt Heinz Grüner. „Zur letzten Kirmes kamen 900 Leute.“ Diese Zahl ist ein Beleg für das, was Monika Lukasczyk meint: „Jeder würde gern zurück.“

    Mittlerweile haben die Erzweilerer längst ein neues Leben an einer neuen Heimatstätte begonnen. Während Heinz Grüner in Berschweiler wohnt, hat es Adolf Gehres nach Niederalben verschlagen. Doch trotz der räumlichen Trennung hält die Erinnerung an alte Zeiten die Verbindung aufrecht. Noch immer kommen recht viele Leute zum Ehemaligentreffen, deren Organisation Heinz Grüner vor zehn Jahren von seinem Vorgänger übernommen hat. „Anfangs waren es mehr als 100 Teilnehmer“, sagt er. „Mittlerweile sind es noch zwischen 30 und 60.“

    Man kann sich schon vorstellen, was für eine Stimmung bei solchen Treffen herrscht, wenn die alten Geschichten auf den Tisch kommen, wenn über Dollarviertel, amerikanische Kaugummis und leere Patronenhülsen palavert wird. Außerdem findet jedes Jahr am Volkstrauertag eine Gedenkfeier in Erzweiler statt – denn dort stehen die alten Denkmäler, auch die der anderen verschwundenen Gemeinden. Sozusagen die letzten Relikte.

    Von unserem Redakteur Peter Bleyer

    Fakten zu Erzweiler

    Wann Erzweiler genau entstanden ist, kann nicht abschließend beantwortet werden. Bekannt ist jedoch, dass der Ort wie seine Nachbardörfer zunächst zum Geschlecht der Grafen von Veldenz gehörte, ab 1444 dann zur Grafschaft Zweibrücken und später ab 1834 zu Preußen.

     Im Jahr 1727 erhielt die Gemeinde ein Schulhaus. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass die zahlenmäßig starke Entwicklung Erzweilers im Jahr 1865 eine zweite Lehrstelle notwendig machte, das war wohl außergewöhnlich. 1926 wurde sogar ein neues Schulhaus erbaut – für 112.435 Reichsmark.

    Die Einwohnerzahl stieg bis zum Jahr der Umsiedlung auf 600 an, die ersten Bürger wanderten am 2. Januar 1939 aus. Die Einbeziehung der Gemarkung Erzweiler in den Truppenübungsplatz wurde erst am 1. April 1942 vollzogen.

    Auf Sondergenehmigung war Erzweiler nach dem Krieg als Teil des Gutsbezirks Baumholder wieder bewohnt. Die letzten Menschen verließen das Dorf am 17. Juli 1974. Nach Mambächel brachte Erzweiler mit 1068 Hektar die größte Fläche ein.

    NZ-SERIE Verschwundene Dörfer
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