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Mayen

„Klassik in Mayen“: Warum Garry Walker das Staatorchester mit dem Regenschirm dirigiert

Was als „Auswärtsspiel“ des Staatsorchesters Rheinische Philharmonie begann, hat sich im Lauf der Zeit zu einer kleinen, aber feinen Konzertreihe entwickelt, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut: „Klassik in Mayen“. Die neue Saison hat jetzt begonnen. Und es stand ein weiterer Neustart im Fokus. Erstmals fand der neue Chefdirigent den Weg nach St. Veit: Garry Walker. „Man muss die Musik zu den Menschen nach draußen bringen“, so hatte er sich kürzlich sinngemäß geäußert.

Überzeugte mit ihrem neuen Chefdirigenten Garry Walker in Mayen: die Rheinische Philharmonie.
Überzeugte mit ihrem neuen Chefdirigenten Garry Walker in Mayen: die Rheinische Philharmonie.
Foto: Andreas Walz

Das Willkommensgeschenk der Stadt Mayen, ein Regenschirm, könnte passender nicht sein – der Mann ist schließlich Schotte. Dass er es zu schätzen weiß, macht er gleich zu Beginn klar, um anschließend unverzüglich sein Gastgeschenk auszupacken.

Englische Musik der vorvergangenen Jahrhundertwende gibt es, auf drei unterschiedliche Arten verpackt, dargeboten von einem Orchester in Reisegröße. Paket Nummer eins – Peter Warlocks „Capriol-Suite“ für Streicher – enthält eine Sammlung traditioneller englischer Tänze. Ab dem ersten Ton entspinnt sich das Sujet englischen Landidylls. Ein beschwingter Dreiertakt mit ebensolcher Melodie lässt den Zuhörer an sattes Grün denken, der so typisch „englische Ton“ verlässt den Raum nicht mehr.

Im Anschluss folgt das Thema der wohl bekanntesten Pavane: „Belle, qui tiens ma vie“. Weich und innig ist es umgesetzt, ohne die aufrechte Haltung zu verlieren. Wer bislang geglaubt hatte, ein reines Streichorchester sei nur die „halbe Miete“, wird hier eines besseren belehrt. Komponist Warlock spielt nahezu alle Möglichkeiten aus, die diese Instrumentenfamilie bietet. Breite Abstriche lassen rasselnde Rüstungen erscheinen, den Tourdion begleitet ein pulsierender Herzschlag im Staccato, eine elegische „Air“ bezeugt die Nähe von Streicherton und menschlicher Stimme. Ähnliches gilt auch für das einzige Blasinstrument des Abends, die Klarinette.

Im zweiten Paket wird Michael Collins mitgeliefert, seines Zeichens Solist von Weltrang und – man ahnt es bereits – Engländer. Gerald Finzis Klarinettenkonzert op. 31 ist deutlich expressiver gestaltet als die Suite Warlocks, kann aber den bereits erwähnten englischen Ton trotz aller Bemühungen nicht verleugnen. Mühelos und ohne den organischen Gesamteindruck zu verlassen, legt sich das Obertonspektrum des Klarinettenklangs über das der Streicher. Diese sind von Finzi keineswegs zu reiner Begleitmasse reduziert, die nur dann hervortreten darf, wenn dem Solisten Pausen verschafft werden müssen. Man agiert ebenbürtig. Collins Spiel ist unaufgeregt, fast lässig. Technische wie musikalische Schwierigkeiten fließen wie nebensächlich ein. Höhepunkt ist der dritte Satz, eine als harmloses Rondo verkleidete Ansammlung musikalischer Zumutungen für die Klarinette. Merkt man das den Musikern an? Zu keinem Zeitpunkt, am wenigsten Michael Collins selbst.

Das dritte Paket ähnelt dem ersten und schließt damit den Kreis. Die „St. Paul’s Suite“ von Gustav Holst zitiert ebenfalls traditionelles englisches Liedgut. Am Ende erklingt „Greensleeves“ in schmelzenden Celli über wogender Begleitung. Das angelsächsische Grün erfährt musikalische Präsenz und bildet somit den Rahmen eines hinreißenden Konzertabends.

Ein grandioser Einstand Garry Walkers, dem das Mayener Publikum endgültig verfällt, als er zum Dirigat der Zugabe schließlich seinen neuen Regenschirm zum Taktstock umfunktioniert.

Von unserer Mitarbeiterin Julia Heinrich

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