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Koblenz

Staatsanwalt bestätigt: Kopf des enthaupteten Obdachlosen gefunden [Update]

Genau einen Monat ist es her, dass der Koblenzer Gerd Michael Straten tot in der Batterie Hübeling, einem Festungsgebäude auf dem Friedhof, gefunden wurde. Noch hat die Soko Hauptfriedhof keine heiße Spur – oder sie teilt sie nicht mit, weil das möglicherweise die Ermittlungen gefährden würde.

Ein Strauß verwelkter Blumen liegt vor dem Gebäude auf dem Hauptfriedhof, in dem vor einem Monat der Tote gefunden wurde.  Foto: Sascha Ditscher
Ein Strauß verwelkter Blumen liegt vor dem Gebäude auf dem Hauptfriedhof, in dem vor einem Monat der Tote gefunden wurde.
Foto: Sascha Ditscher

Und auch die Leiche ist noch immer nicht freigegeben, so die Polizei auf Anfrage der Rhein-Zeitung. Möglicherweise trifft die Staatsanwaltschaft dazu im Lauf dieser Woche eine Entscheidung, heißt es aus der Pressestelle der Polizei. Ob es Angehörige gibt, die sich dann auch um die Bestattung kümmern könnten oder möchten, dazu macht die Polizei keine Angaben.

Um die Batterie Hüberling flattert jedenfalls noch immer das rot-weiße Absperrband. Ob der Mord hier stattfand oder der Tote hier hingebracht wurde, zu solchen Details schweigt sich die Polizei von Anfang an aus, auch zum möglichen Tatwerkzeug und vielem mehr. Denn bei solchen Informationen könnte es sich um Täterwissen handeln, was bei den Ermittlungen sehr wichtig sein könnte, hatte Soko-Leiter Thomas Lauxen mehrfach betont. Ob für die Aufklärung auch – wie beispielsweise im Mordfall Schemmer, bei dem im Juli 2011 ein Koblenzer Ehepaar getötet wurde – ein Beitrag in der TV-Sendung Aktenzeichen XY geplant ist, ist offen. „Diese Maßnahme wurde bislang lediglich in Betracht gezogen. Konkrete Planungen wurden bislang nicht vorgenommen“, so die Polizei.

Ein ruhiger, sehr freundlicher, aber auch sehr zurückgezogener Mensch: So muss Gerd Michael Straten gewesen sein, das sagen übereinstimmend alle. Auch die Mitarbeiterin in der Landeszentralbibliothek, die ihn oft gesehen hat, wenn er hier regelmäßig vormittags seine Zeitungen las, vor allem die überregionalen Tageszeitungen: „Er war sehr höflich und freundlich.“ Dass er wohnungslos war, hat sie völlig überrascht: „Das sah man ihm nicht an, ich wäre auch nie auf die Idee gekommen.“

Am Eingang zur Batterie Hübeling stehen Kerzen.
Am Eingang zur Batterie Hübeling stehen Kerzen.
Foto: Reinhard Kallenbach

„Er war ein Einzelgänger, und das kann man sich heute nicht mehr leisten“, sagt einer der Besucher in der Wohnungslosen-Beratungsstelle in der Neustadt. „Es ist zu gefährlich allein.“ Niemand hat den 59-Jährigen gut gekannt, alle schütteln den Kopf. Gesehen ja, mal Hallo gesagt, mehr Kontakt hatte keiner von ihnen zu dem 59-Jährigen, der am 23. März enthauptet auf dem Friedhof gefunden wurde.

Ab und zu nahm er auch an dem kostenlosen Frühstück und Mittagessen teil, das eine Arbeitsgemeinschaft des Bischöflichen Cusanus-Gymnasiums jeden Sonntag im Bistro der Schule anbietet. „Er war mal da, ja, aber unauffällig und für sich“, sagt AG-Leiter Bernhard Lescher. Nach dem Bekanntwerden des Mordes war das natürlich auch bei den Schülern Thema, aber keiner konnte sich erinnern, mit Straten jemals gesprochen zu haben.

Näher dran ist ein 71-Jähriger, der in einem Brief an die Rhein-Zeitung eine Art Nachruf formuliert: „Tennislehrer, dein Geschäft in der Altstadt, viel erzählt. Deine Ideen, dein Menschenbild, deine Moral“, schreibt er. Beim Treffen mit der RZ im Café Schäfer wird er ausführlicher. Hier, am ersten Tisch links, hat er drei Tage vor dessen Tod noch mit Straten einen Kaffee getrunken, erzählt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte: „Schreiben Sie ,ein Freund'.“ Er selbst war auch „ganz unten“, erzählt er dann, war ebenfalls eine Weile wohnungslos, bevor er die Kurve gekriegt hat. Straten kannte er vom Sport, beide hätten früher Tennis gespielt, erzählt er. „Wir haben uns immer mal wieder gesehen, manchmal auch Jahre nicht“, beschreibt er. „Aber dann reichte ein ,Hallo', um wieder da anzuknüpfen, wo man war.“

Straten wollte unabhängig sein, das sei ihm ganz wichtig gewesen, sagt der Freund. „Er ist aus dem Rahmen gefallen.“ Wovon er lebte, das weiß er nicht. „Er wollte auch nie seinen Kaffee bezahlt bekommen, ich hab das aber trotzdem gemacht. Und wenn er ein Brötchen hatte, dann hat er mir die Hälfte angeboten. So ein Mensch war er.“

Am beeindruckendsten sei – neben seinem klaren Kopf und den klaren moralischen Werten – das verschmitzte Lächeln gewesen. „Sein Lächeln, das war Weltklasse. Wissend, würde ich sagen“, beschreibt der 71-Jährige. Ein bisschen befürchtet er, dass genau diese Art Straten zum Verhängnis wurde. „Vielleicht wusste er zu viel von irgendwas.“

[1. Update, 15.04 Uhr:] An diesem Montag hat die Staatsanwaltschaft erstmals den Fund des Kopfes bestätigt. „Der Kopf lag am Tatort“, sagte der Koblenzer Oberstaatsanwalt Rolf Wissen und sorgt für Klarheit. Seit Wochen kursierte in und um Koblenz das Gerücht, der Täter habe den Kopf des Obdachlosen mitgenommen. Das Opfer, der 59-jährige Gerd Michael Straten, war am 23. März enthauptet auf dem Koblenzer Friedhof gefunden worden. Ob der Fundort auf dem Friedhof zugleich der Tatort ist, ist aber immer noch offen. Diese Frage hatten die Ermittler bislang nicht beantwortet, die Polizei wollte sich auch am Montag dazu nicht äußern – und Staatsanwalt Wissen war am Nachmittag für eine entsprechende Nachfrage unserer Zeitung nicht mehr zu erreichen.

Wer kann helfen, den Mord aufzuklären?

Die Soko Hauptfriedhof sucht weiterhin Zeugen, die etwas über den Ermordeten und sein Umfeld sagen können.

Gerd Michael Straten wurde brutal getötet. Von wem ist weiter unklar. Foto: Polizei
Gerd Michael Straten wurde brutal getötet. Von wem ist weiter unklar.
Foto: Polizei
  • Wer kannte Gerd Michael Straten?
  • Wer kann Angaben zu seinem Umfeld und zu Kontaktpersonen machen?
  • Wer hat Auffälliges im Bereich des Hauptfriedhofes bemerkt?
  • Wer kann Angaben zu Streitigkeiten zwischen dem Opfer und anderen Personen machen?
  • Wer kennt weitere Personen, die auf dem Hauptfriedhof leben oder sich dort oft aufhalten?
  • Wer kann sonstige sachdienliche Hinweise geben?

Hinweise nehmen die Kriminaldirektion Koblenz, Tel. 0261/1031, sowie jede andere Polizeidienststelle entgegen. Infos: www.polizei.rlp.de/de/fahndung

Die Chronologie: Obdachloser ermordet

Das wissen wir über das Verbrechen auf dem Koblenzer Hauptfriedhof.

22. März: Gerd Michael Straten wird am Abend das letzte Mal lebend gesehen, am Saarplatz.

23. März: Am Nachmittag, gegen 14.30 Uhr, wird seine Leiche gefunden, und zwar in der Batterie Hüberling auf dem Hauptfriedhof.

26. März: Die Polizei informiert in einer Pressemitteilung die Öffentlichkeit über das Verbrechen. Es deute darauf hin, dass es sich um einen gewaltsamen Tod handele, wird vorsichtig formuliert. Die Soko Hauptfriedhof wird gebildet und nimmt ihre Arbeit auf.

28. März: Aus Gerüchten wird grausame Wahrheit: Die Polizei bestätigt gegenüber unserer Zeitung, dass der Getötete enthauptet wurde. Wie er starb, ob der Fundort auch der Tatort ist und viele weitere Details nennt die Polizei nicht, aus ermittlungstaktischen Gründen, wie sie immer wieder betont.

29. März: Die Polizei informiert in einer Pressekonferenz über den Mordfall, der „außergewöhnlich brutal und menschenverachtend“ gewesen sei, so Oberstaatsanwalt Rolf Wissen. Über den Menschen Straten weiß man nun ein bisschen mehr: Er stammte aus Köln, kam 1979 nach Koblenz und führte in der Altstadt von 1986 bis 1997 ein Geschäft, in dem er Kunst und Bilderrahmungen anbot. Danach war er weitgehend wohnungslos, campierte oft in dem Gebäude auf dem Friedhof, in dem er tot gefunden wurde.

31. März: Mit Flugblättern gehen Beamte der Polizei auf Anwohner in Friedhofsnähe und auf Passanten zu. Sie suchen mögliche Zeugen, die mehr über den sehr zurückgezogen lebenden 59-Jährigen und über mögliche Hintergründe für die Tat sagen können.

16. April: 700 Hinweise sind bisher eingegangen, so die Polizei, aber noch gibt es keine heiße Spur.

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