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Koblenz

Projekt in Südlicher Vorstadt: Gute Nachbarn kümmern sich umeinander

Doris Schneider

Edith Flecken schaut aus dem Fenster in dem hübschen Erker am St. Josefsplatz. Gleich wird Ingrid Lakotta um die Ecke biegen. Bis vor ein paar Monaten kannten sich die beiden Frauen nicht – oder nur ganz flüchtig vom Sehen. Jetzt treffen sie sich meistens wöchentlich und gehen, wann immer es möglich ist, in die Rheinanlagen. Um genau zu sein, geht nur Ingrid Lakotta, die Edith Flecken im Rollstuhl schiebt. Die 85-Jährige liebt diese Spaziergänge. Und bis die beiden Frauen sich durch die Nachbarschaftshilfe in der Vorstadt kennengelernt haben, kam sie kaum noch raus.

Jan Buchbender hat die Nachbarschaftshilfe St. Josef initiiert, in der mittlerweile mehr als 20 Ehrenamtliche aktiv sind.
Jan Buchbender hat die Nachbarschaftshilfe St. Josef initiiert, in der mittlerweile mehr als 20 Ehrenamtliche aktiv sind.
Foto: Doris Schneider

So wie dieses Paar hat das Projekt „Bürger aktiv für Bürger“, das vor einem knappen Jahr gestartet ist, schon viele zusammengebracht: „Menschen, die Hilfe benötigen und andere, die Zeit und Lust haben zu helfen. Gespräche, Besuchsdienste, Vorlesen, auch kleine Hilfen beim Ausfüllen von Formularen oder Besorgungen“, zählt Jan Buchbender auf. Er ist im Pfarrgemeinderat aktiv und hatte die Idee, auch in der Vorstadt eine Nachbarschaftshilfe zu initiieren, wie es sie in anderen Städten oder auch zum Beispiel auf der Koblenzer Karthause schon länger gibt. Und nach einem etwas zögerlichen Start läuft das Projekt jetzt sehr gut: Rund 20 Ehrenamtler stehen in der Kartei, so viele, dass im Moment auch Hilfsanfragen aus anderen Stadtteilen angenommen werden können.

Ingrid Lakotta betritt das Zimmer von Edith Flecken, die beiden Frauen umarmen sich kurz. Die 85-Jährige hat nicht lange gezögert, als ein Mitglied der Pfarrgemeinde ihr bei seinem Besuch im Seniorenheim von dem Nachbarschaftsangebot erzählt hat. Im Heim fühlt sie sich wohl, dort gibt es auch viele Freizeitangebote – aber kaum hat mal jemand Zeit, sie rauszufahren. Und sie liebt diese Ausfahrten sehr, hat letzte Woche gemeinsam mit Ingrid Lakotta Herbstblätter gesammelt, die nun laminiert die Fenster im Aufenthaltsraum schmücken. Die beiden Frauen sitzen erst noch ein bisschen im Erker, tauschen sich aus: Was gibt es Neues? Dann machen sie sich fertig und gehen raus.

Manche hätten gesagt, das sei ja wie Betteln, wenn man um den Dienst der Nachbarschaftshilfe nachfragt, erzählt Edith Flecken. Das sieht sie nicht so: „Wenn es doch angeboten wird, warum soll ich es nicht annehmen?“ Und auch Ingrid Lakotta nickt: Die Besuche machen ihr so viel Freude, dass sie sie nicht mehr missen möchte.

Die 69-Jährige arbeitet auch im Büro der Nachbarschaftshilfe mit. Hier werden die Bögen der Ehrenamtlichen und der Hilfesuchenden aufgenommen, hier wird geschaut, wer zu wem passen könnte – von der gefragten Unterstützung über die zeitlichen Möglichkeiten bis zur Adresse. Denn auch das gehört dazu: Dadurch, dass die meisten Menschen in der Vorstadt wohnen, ergeben sich fast automatisch Gesprächsthemen über den neuen Bäcker an der Ecke oder eventuell gemeinsame Bekannte. Wenn die Ehrenamtler im Büro jemanden gefunden haben, der passt, informieren sie den Hilfesuchenden darüber. Und dann gibt es ein erstes Gespräch, um zu schauen, ob die Chemie auch stimmt. Denn das ist natürlich das Allerwichtigste.

Bei Edith Flecken und Ingrid Lakotta stimmte die Chemie von Anfang an. Die beiden Frauen mögen sich, vertrauen sich. Auch persönliche Dinge werden bei den Spaziergängen erzählt, auch wenn sie sich nach wie vor siezen. Und sie machen gemeinsam nette Erfahrungen: „Einmal ging ein junger Mann hinter uns, als wir vom Rhein hochkamen“, erzählt Ingrid Lakotta. „Der sagte: ,Lassen Sie mich Ihnen doch helfen' und schob den Rollstuhl die Schenkendorfstraße hoch, die ist nämlich ganz schön steil.“ Jetzt schauen die beiden Frauen immer, ob sie den Helfer wiedersehen.

Konkurrenz zu kommerziellen Anbietern kann und will die Nachbarschaftshilfe nicht sein, das ist Jan Buchbender wichtig zu betonen. Auch deswegen gab es zum Beispiel für eine noch sehr fitte Seniorin, die Hilfe im Haushalt gesucht hat, keine Vermittlung. Vermittelt werden nicht nur regelmäßige Treffen wie bei den beiden Spaziergängerinnen, sondern auch einmalige Aktionen. Jan Buchbender hat letztens zum Beispiel eine Dame nach einer Augen-OP nach Hause begleitet. Sie war bei einer ersten Operation allein mit dem Taxi heimgefahren, fühlte sich damit aber sehr unsicher. Nun organisierte sie sich Hilfe. Denn genau das will die Initiative erreichen: dass die Menschen wieder ein bisschen enger zusammenrücken und sich gegenseitig gute Nachbarn sind, auch wenn sie nicht nebeneinander wohnen.

Von unserer Redakteurin Doris Schneider

Hier können sich Interessierte melden

Das Vermittlungsbüro im Pfarrbüro St. Josef ist mittwochs von 10 bis 12 Uhr und donnerstags von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Ehrenamtliche Mitarbeiter nehmen dann Anliegen von Menschen, die helfen wollen und jenen, die Hilfe suchen, persönlich oder telefonisch entgegen.

Die Nummer lautet 0261 / 914 40 40. Wer möchte, kann auch eine E-Mail schreiben: nbh@sankt-josef-koblenz.de

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