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Grafschaft

Verseuchtes Trinkwasser: Betroffene wollen Geld zurück und Aus für Gülle-Lkw

Etliche Tage lang konnten bis zu 30.000 Menschen im Kreis Ahrweiler das Wasser aus dem Hahn wegen Kolibakterien nicht einfach nutzen. Einige fordern Konsequenzen – Geld zurück und ein Umdenken bei den Gülletransporten. Das Geschäft mit dem Schweinemist ist einträglich.

In der Grafschaft sind die Bürger diese Gülle-Lkw gewohnt (im Bild ein Fall aus Schalkenbach aus dem Frühjahr 2013). Einige befürchten, dass sich Trinkwasser-Verunreinigungen wie neulich durch Kolibakterien künftig öfters wiederholen könnten.
In der Grafschaft sind die Bürger diese Gülle-Lkw gewohnt (im Bild ein Fall aus Schalkenbach aus dem Frühjahr 2013). Einige befürchten, dass sich Trinkwasser-Verunreinigungen wie neulich durch Kolibakterien künftig öfters wiederholen könnten.
Foto: Maria Kittel

Von unserem Redakteur Jan Lindner

Der Ärger über die Trinkwasserverunreinigung mit Kolibakterien hallt bei vielen Bürgern nach. Einige fordern nun Schadensersatz vom Wasserwerk Grafschaft: Weil sie den Vertrag zur Trinkwasserlieferung in dieser Zeit als nicht erfüllt ansehen und weil ihnen durch Abkochen und Mineralwasserkäufe zusätzliche Kosten entstanden sind. Vor allem aber, weil sie auf die Gülleproblematik in der Grafschaft hinweisen wollen und befürchten, dass sich die Verunreinigung des Trinkwassers wiederholen könnte.

Das geht aus einem Beschwerde-Musterbrief hervor, den ein Mitglied der "Bürgerinitiative gegen industrielles Güllelager und Massentierhaltung in Wohnortnähe" verfasst hat. Bei Eurawasser, der Betriebsführerin des Wasserwerks, ist bislang nur ein Brief eingegangen, wie Geschäftsführer Torsten Ohlert auf RZ-Anfrage mitteilt. Ferner hätten 16 Kunden Anspruch auf Schadensersatz angemeldet. 19 weitere hätten sich beschwert: über die lange Dauer des Abkochgebotes, den Chlorgehalt des Wassers und über die Informationspolitik des Kreises.

Reinhold Hermann, Vorsitzender besagter Bürgerinitiative (120 Mitglieder), sagt: "Es geht uns nicht ums Geld, das sind ja nur relativ geringe Beträge." Sondern: "Wir sind besorgt wegen des Gülletourismus auf der Grafschaft – und dass es Verunreinigungen des Trinkwassers durch Gülle künftig öfters bei uns geben könnte." Die Gülleproblematik – eine deutlich zu hohe Nitratbelastung des Bodens und Grundwassers – gebe es längst nicht mehr nur in NRW oder Niedersachsen. Hermann: "Das Problem ist längst auch ein Problem des Kreises Ahrweiler. Auch wenn sich die Kreisverwaltung scheut, das so klar zu sagen, und das Problem weiter verharmlost."

Mit diesem Brief fordern Bürger Schadensersatz von Eurawasser wegen des Störfalls durch Kolibakterien.
Mit diesem Brief fordern Bürger Schadensersatz von Eurawasser wegen des Störfalls durch Kolibakterien.

In der Grafschaft sind sie den Anblick von Gülle-40-Tonnern gewohnt, besonders in Frühjahr und Herbst. Das können schon mal zehn große Sattelzüge am Tag sein, sagt Hermann. Etwa in Vettelhoven, Gelsdorf und Eckendorf, wo die Bauern Geld verdienen, indem sie auf ihren Feldern übervorrätige Gülle aus NRW, Niedersachsen oder den Niederlanden aufnehmen. Vor der Ausbringung wird die stinkende Flüssigkeit in einen Spezialanhänger der Landwirte verladen und dann auf die Felder gepumpt. Für die Landwirte springen nach RZ-Informationen rund 5 Euro pro Kubikmeter heraus. Gehandelt werden die Werte in speziellen, geschlossenen Börsen im Internet.

Friedhelm Fritsch vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum in Bad Kreuznach sagt: "Das ist Schweinegülle, und die darf hier ausgebracht werden." Sie sei pasteurisiert, also hygienisiert, und zudem durch eine Biogasanlage gegangen. Fritsch: "Wir leben in der EU, da sind die Grenzen auch für organische Düngemittel offen."

Zuständig für die Überwachung der Düngeverordnung ist seit Januar 2014 die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Trier. Wie oft in diesem Jahr im Ahrkreis kontrolliert wurde, teilt eine ADD-Pressesprecherin auf Anfrage nicht mit. Sondern: "Im Düngerecht erfolgen in Rheinland-Pfalz jährlich rund 420 Betriebskontrollen mit wechselnden Prüfstandorten, dazu werden gezielt Anzeigen aus der Bevölkerung verfolgt." Nach RZ-Informationen hat die ADD in diesem Jahr sieben Kontrollen im Ahrkreis durchgeführt – alle ohne Beanstandung.

Die strengen Vorschriften der Gülleverordnung (und ihre Ausnahmen) sind auch Reinhold Hermann bekannt. Er sagt: "Die Nitratobergrenze müsste in Deutschland sehr stark gesenkt werden. Es gibt deshalb schon lange ein EU-Verfahren gegen Deutschland." EU-weit dürfen höchstens 70 Kilogramm pro Hektar ausgebracht werden. Doch der Bundeslandwirtschaftsminister wehre sich sogar noch gegen einen Wert von 170 Kilogramm pro Hektar.

Zu den Erfolgschancen der Schadensersatzforderung bei Eurawasser meint er: "Der Lieferant hat die Ware über einen großen Zeitraum nicht wie vertraglich vereinbart liefern können." Klar sei auch: "In einem Entlüftungsschacht hat sich Gülle mit Regenwasser vermischt. Der Betreiber muss die Schächte so sichern, dass nichts eindringen kann." Eurawasser-Geschäftsführer Ohlert sichert zu: "So weit ein echter Schaden vorliegt, wird unabhängig vom rechtlichen Anspruch eine Lösung für die Kunden gefunden." Die Forderungen würden derzeit bearbeitet: "Eine abschließende Bearbeitung ist erst möglich, wenn die Ursachen der Verunreinigung zweifelsfrei feststehen. Hier sind noch Laboruntersuchungen anhängig."

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