40.000
Aus unserem Archiv
Bad Kreuznach

Zirkusverbandsvorsitzender Dieter Seeger: Das Image des Zirkus ist schlecht genug

Die Suche nach einem Winterquartier für den Zirkus Danielo gestaltet sich extrem beschwerlich. Anfang Dezember ist der Wanderzirkus auf der Bad Kreuznacher Pfingstwiese gestrandet. Doch trotz zahlreicher Helfer und Initiativen findet die Familie keinen geeigneten Platz.

Weil er in Notlage geriet, blieb der Zirkus Danielo im Dezember auf der Pfingstwiese stehen. Die Familie konnten kein geeignetes Winterquartier finden. Für den Zirkusverbandsvorsitzenden Dieter Seeger keine wirklich außergewöhnliche Situation.
Weil er in Notlage geriet, blieb der Zirkus Danielo im Dezember auf der Pfingstwiese stehen. Die Familie konnten kein geeignetes Winterquartier finden. Für den Zirkusverbandsvorsitzenden Dieter Seeger keine wirklich außergewöhnliche Situation.
Foto: Stefan Butz

Wo können Zirkusfamilien überhaupt noch unterkommen, wie sieht ein geeignetes Quartier aus und wie steht es im Allgemeinen um die Zukunft der kleinen Unternehmen? Der „Oeffentliche“ hat mit dem Vorsitzenden des Verbands deutscher Circusunternehmen, Dieter Seeger, darüber gesprochen.

Dieter Seeger
Dieter Seeger
Foto: dpa/Picture Alliance

Der Zirkus Danielo ist sicherlich nicht der Einzige, der im Winter in die Bredouille kommt. Wie schwer ist die Suche nach einem Winterquartier aus ihrer Erfahrung?

Es ist sehr schwierig für so ein Unternehmen, einen Platz zu finden. Da sind die Unternehmen immer auf den guten Willen Einzelner angewiesen. Man versucht, irgendwo einen Landwirt zu finden, der ein Stückchen Wiese oder Acker zur Verfügung stellt, wo man nach Möglichkeit auch einen Strom- und Wasseranschluss bekommt.

Davon sollte es ja einige geben. Wo liegt die größte Schwierigkeit?

Die Menschen sind misstrauisch, weil es jedes Jahr solche Geschichten gibt: Ein Zirkus bleibt irgendwo liegen, dem das Kapital fehlt, weiterzureisen. Und da viele schon über längere Zeit Sportplätze und Festplätze besetzt haben und auch im Frühjahr oft nicht die Kraft und die Finanzstärke hatten, sich zusammenzupacken, gibt es große Probleme. Viele kleine Unternehmen leben wirklich von einem Tag auf den anderen.

Wie bewerten Sie solche Situationen?

Das ist seitens der Zirkusunternehmen oft die pure Verzweiflung. Man steht auf der Straße und muss irgendwo bleiben. Zudem hat man ein paar Tiere zu versorgen. Bei großen Zirkussen sind die Winterpausen und die Tourneen gut vorbereitet, das ist bei Kleinstunternehmen eben nicht der Fall. Die fahren von einer Stadt zur anderen. Und während sie irgendwo gastieren, suchen sie den nächsten Gastspielplatz. Das ist immer ein Kampf ums Überleben, ein Risikogeschäft.

Gibt es eine Patentlösung für die Suche nach einem Winterquartier?

Die schlechteste Alternative ist, sich erst kurz vor der Winterpause darum zu kümmern. Doch das machen eben ganz viele kleine Betriebe so – zum Teil sogar bewusst. Das funktioniert nicht. Normalerweise sollte man sich ein dauerhaftes Winterquartier zulegen. Das muss nicht gekauft sein. Ideal ist natürlich, wenn es so aussieht, wie bei den großen Unternehmen – mit festen Stallungen, Tiergehegen, einer Probenmanege, Werkstatthallen. Die Mindestanforderungen wären aber das besagte Stück Land. Die zweite Voraussetzung ist die, so viel Geld in der Hinterhand zu haben, um dann ein paar Monate Winterquartier überbrücken zu können. Und dann nicht darauf angewiesen zu sein, anderweitig sein Geld dazuzuverdienen.

Genau daran hapert es aber ja häufig. Haben die kleinen Unternehmen denn überhaupt noch eine Chance durchzukommen?

Das ist immer vom Einzelfall abhängig. Viele machen ein ordentliches Familienprogramm. Und wenn die Besucher kommen und Eintritt bezahlen, dann kommt so ein Zirkus auch über die Runden, denn kleine Unternehmen haben auch nicht die riesengroßen Kosten. Aber viele haben eben auch Pech: Die Besucher bleiben aus, und man selbst bleibt auf der Strecke. Dann fehlt noch das Geld für eine dringend notwendige größere Reparatur oder Ähnliches, und der Zirkus bleibt einfach stehen. Das Einzige, was so einer Zirkusfamilie bleibt, ist dann wirklich zum Sozialamt zu gehen und Hilfe zu beantragen, doch dazu ist das fahrende Volk in der Regel einfach zu stolz. Die wollen ihren Lebensunterhalt selbst verdienen.

Gibt es denn sonst gar keine Unterstützungen?

Nein, überhaupt nicht. In vielen Ländern werden Zirkusunternehmen vom Staat subventioniert. In Deutschland muss sich jeder Zirkus selbst durchschlagen.

Was tut der Verband?

Die Arbeit des Verbandes besteht darin, die Interessen der seriösen deutschen Zirkusunternehmen zu vertreten. Die Kleinunternehmen können und wollen teilweise unsere Satzung nicht respektieren. Die Mitgliedschaft im Verband sollte dabei gleichzeitig auch ein Qualitätssiegel sein. Wer Mitglied ist, erfüllt Grundbedingungen wie in der Regel ein Winterquartier zu haben, nicht betteln zu gehen, sich nach den Leitlinien für die Tierhaltung zu richten, sich strengen Bedingungen zu unterwerfen, die Plätze sauber und ordentlich zu hinterlassen – damit man keinen schlechten Ruf aufbaut. Das Image des Zirkus ist schlecht genug, und unser Ziel ist es, das Image wieder aufzupolieren. Wobei es ganz wichtig wäre, auch diese kleinen Unternehmen zu unterstützen, damit die ihr Auskommen haben.

Wie viele Zirkusunternehmen gibt es momentan in Deutschland?

Eine genaue Zahl ist da gar nicht bekannt. Wir sprechen momentan von 300 bis 350 Unternehmen, die in Deutschland unterwegs sind. Davon sind gerade mal eine Handvoll Großzirkusunternehmen. Dann gibt es vielleicht zwei, drei Dutzend mittelgroße und größere Kleinunternehmen. Und der Rest ist dann wirklich das ganz kleine fahrende Volk. Die tun sich durchweg alle schwer.

Glauben Sie, dass die kleinen Zirkusunternehmen aussterben?

Das glaube ich nicht. Die Zahl der Unternehmen bleibt recht konstant. So groß das Zirkussterben ist, so schnell kommt der Nachwuchs hinterher. Denn diese Menschen können nichts anderes, die wollen nichts anderes als Zirkus machen und reisen. Die stehen übermorgen wieder auf und probieren es noch mal von Neuem. Manchmal klappt's und manchmal nicht. Und dann werden wir diese Fälle wie in Bad Kreuznach jedes Jahr an anderen Orten wiederfinden.

Das Gespräch führte Désirée Thorn

Bad Kreuznach
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Online regional

Bettina TollkampBettina Tollkamp
Chefin v. Dienst
Online
E-Mail

News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
UMFRAGE (beendet)
Markt am Samstag?

Das Mainzer Markt-Frühstück ist ein Kult-Event. Wäre das auch etwas für Bad Kreuznach?

Ja, unbedingt!
67%
Nein, eher nicht.
33%
Stimmen gesamt: 141
Anzeige
epaper-startseite